Lisberg
Ortsgeschichte

Was soll das alte Lisberger Tropfhaus werden?

Seit 2002 ist praktisch nichts passiert. Nun steht das letzte erhaltene Tropfhaus, eines der Wahrzeichen Lisbergs wieder im Fokus.
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Ein merkwürdiges Konstrukt am Straßenrand: das Tropfhaus in Lisberg.Foto: Ronald Rinklef
Ein merkwürdiges Konstrukt am Straßenrand: das Tropfhaus in Lisberg.Foto: Ronald Rinklef
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Wer durch Lisberg fährt, dem sticht die Burg ins Auge. Bisweilen nimmt man auch eine merkwürdige Konstruktion unten im Dorf wahr: Ein winziges Häuschen, das den Eindruck erweckt, es hätte ein Monsterdach oder auch ein zweites. Haus Nummer 14 ist - ebenso wie die mächtig oben am Berg thronende Burg - ortsbildprägend und ein wichtiges Zeugnis der Ortsgeschichte: Die Arbeitskräfte, Tagelöhner, die für die Ländereien des Burgherren tätig waren, aber auch Maurer oder Weber lebten in so kleinen Häuschen. Tropfhäuschen. Die Bezeichnung ist von der Tatsache abgeleitet, dass den Besitzern der Grund so weit gehörte, wie es vom Dach tropfte. Bürgermeister Michael Bergrab kennt Details dieser historischen Besonderheit ebenso wie Oliver Fromm von der Kulturhistorischen Arbeitsgemeinschaft, einem Verein. Auch Joachim Block vom Amt für Ländliche Entwicklung weiß das inzwischen. Er ist Vorsitzender der Teilnehmergemeinschaft Dorferneuerung.

Dafür fiel vor kurzem der Startschuss. Es geht um ein Konzept für die Innenentwicklung im Bereich "Am Eichelsee", dazu gehört eben auch das "Tropfhaus". Erstmals hat dies der für die Dorfentwicklung zuständige Schweinfurter Architekt Stefan Schlicht (Hartmann und Schlicht Architekten) beim Ortstermin gesehen. Der Grundriss beträgt vier mal neun Meter. "Eine Kubatur von 300 Kubikmetern", rechnet der Architekt hoch. Bei einem Neubau käme man da leicht auf Kosten von 250 000 Euro. Doch hier geht es nicht um einen Neubau, sondern etwas Komplexeres: Ein historisches Gebäude soll für die Nachwelt erhalten werden. Die Frage ist nur, in welcher Form. Das, so Architekt Schlicht, hänge dann eben auch von der Nutzung ab.

Dorferneuerung ein Weg

"Es gibt aber auch Leute, die am liebsten dagegen fahren würden", weiß der Bürgermeister. Dennoch: Bürgermeister, Gemeinderat, Teilnehmergemeinschaftsvorsitzender und der im Zuge der Dorferneuerung gegründete Arbeitskreis "Historische Gebäude" haben sich bereits intensiv Gedanken gemacht und etliche Ansätze entwickelt.

Drei, die derzeit im Fokus stehen erklärt Oliver Fromm vereinfachend. Denkbar sei, das Tropfhaus als historisches Gebäude zu sanieren, zu einer Art Heimatstube, Heimatmuseum werden zu lassen, mit historischem Infopoint. Herrichten und Einrichten also. Als touristischen Anlaufpunkt, ohne Personal. Dafür mit Infotafel und Textansage. Schön wäre in dem Zusammenhang auch die Instandsetzung des hinter dem Tropfhaus-Anbau befindlichen Backofens, meint der Bürgermeister. Doch der Ofen befinde sich auf Privatgrund und der Besitzer sei weder an Verkauf noch Wiederbelegung des Ofens interessiert.

Eine weitere Option sei, am Tropfhäuschen eine E-Bike Ladestation einzurichten und eine Übernachtungsmöglichkeit für Biker zu schaffen. Hierfür müssten im nicht-historischen Anbau sanitäre Einrichtungen realisiert werden. Das wäre auch bei der dritten denkbaren Nutzung erforderlich: Übernachtungsmöglichkeiten schaffen, die Bürger für ihre Gäste nutzen können. Diese übernehmen auch die Bürgschaft. Von dem, was für die Nutzung verlangt wird, erhält die Gemeinde einen Teil (für die Deckung der Sanierungskosten), den anderen derjenige, der für die Reinigung und das Schlüsselmanagement zuständig ist.

Die Voraussetzungen dafür, dass man sich heute überhaupt über künftige Nutzungsmöglichkeiten Gedanken machen kann, hat zunächst einmal die Gemeinde Lisberg geschaffen. Sie hat das Häuschen nach dem Tod des letzten Bewohners in den 90ern des vergangenen Jahrhunderts von einer großen Erbengemeinschaft erworben. Bis er ins Altenheim kam, hatte der Mann im Tropfhaus weder fließend Wasser noch eine Abwasserentsorgungsmöglichkeit. In seine Zeit fiel wohl auch der Anbau aus Betonstein.

Stillstand

Nach dem Erwerb passierte jahrzehntelang nichts, bis das Häuschen einzustürzen drohte. Der Kulturhistorische Arbeitskreis ergriff dann die Initiative und errichtet e ein Schutzdach, so dass es zumindest nicht mehr hineintropfte in das Tropfhaus. Das historische Dach wurde dafür abgedeckt und, soweit noch brauchbar, wurden die in der ehemaligen ortsansässigen Ziegelei gebrannten Ziegeln eingelagert. Freilich, so erklärt Fromm mit Bedauern, sei ein großer Teil davon inzwischen nicht mehr brauchbar.

Konzept abwarten

Warum ist seit 2002 nichts mehr in Sachen Tropfhaus passiert? Das hat wohl mehrere Gründe. Einerseits gab es nach der Notsicherung (der Kulturhistorische Arbeitskreis erledigte die Arbeiten, die Gemeinde stellte das Material) etliche Kritiker, die es für sinnvoller fanden, das Häuschen einzureißen statt es zu erhalten. Andererseits wollte man erst verschiedene Untersuchungen und ein Nutzungskonzept, um gezielt vorzugehen und keine Förderoptionen aufs Spiel zu setzen. Die biete nun die Dorferneuerung, so Oliver Fromm. Es war ein langer Weg dort hin. Jetzt ist der Prozess in Gang gesetzt. Und damit wohl auch die Zukunft des Häuschens gesichert. Nun muss man sich für eine Nutzungsvariante entscheiden. Das heißt, eigentlich wartet der Vorsitzende der Teilnehmergemeinschaft, Oliver Block, dabei noch auf so etwas was die "zündende Idee".

Was wohl "Flipper", so der Spitzname des letzten Bewohners zu den aktuellen Überlegungen sagen würde? Sein letztes Hemd hängt noch in dem winzigen Raum, den er nach einer ursprünglichen Stallnutzung zu seinem Schlafraum gemacht hatte. Hier steht auch die Leiter, mit der Flipper - mit bürgerlichem Namen Valentin Montag hieß - ins Dach gelangte. Gleich nach der Eingangstür kommt man in eine winzige Küche, deren Besonderheit in einer offenen Feuerstelle bestand. Für den Rauchabzug war lediglich eine Öffnung in die Decke eingelassen, der Rauch entwich ansonsten durch das Dach, so Fromm dazu. Links neben der Küche findet sich die Gute Stube, gleichfalls für unsere heutigen Verhältnisse ein winziger Raum.

Ach ja, warum der letzte Bewohner Flipper hieß, erklärt Fromm auch noch. Er war bekannt für seine Demonstrationen: Flipper konnte einen Fisch auf einmal schlucken. Außerdem war er dafür bekannt, schon mal mit sich alleine gekartet zu haben. Ob die Geschichte des letzten Tropfhaus-Bewohners in irgendeiner Form für die Nachwelt erhalten bleibt?

EXPERTENEINSCHÄTZUNG:

Annette Schäfer ist Kreisheimatpflegerin und hat in ihrer Heimatgemeinde Hirschaid maßgeblich an Erhalt und Konzept für die aktuelle Nutzung des Tropfhauses - in Sassanfahrt - mitgewirkt. Eine Expertin also auch für Lisberg. Auf Nachfrage unserer Zeitung erklärt die Kreisheimatpflegerin, dass sie mit dem Lisberger Thema sehr wohl vertraut sei. Der Lisberger Arbeitskreis sei in Sachen Tropfhaus schon einige Male bei ihr gewesen. Sie selbst habe November letzten Jahres in Lisberg einen Vortrag über das Sassanfahrter Tropfhaus gehalten. Freilich erklärt Annette Schäfer auch, dass es sich mit den jeweiligen Tropfhäusern unterschiedlich verhalte, es jeweils unterschiedliches Besiedlungsgeschehen gegeben habe. Für Sassanfahrt macht sie die e Besiedelungsaktion Julius von Sodens fest. In Lisberg hingegen handle es sich wohl eher um ein Einzelstück. Freilich müsse dazu noch einiges recherchiert werden.

Einfachste Form des Bauens

Tropfhäusern sei jeweils gemein, dass es sich dabei um die unterste und damit einfachste Form des Bauens gehandelt habe. In den winzigen Häusern wohnten meist Handwerker oder Arbeiter. Da der zum Haus gehörende Grund nicht weiter reichte als das aus vom Dach tropfende Regenwasser, konnte sich die Bewohner auch nicht selbst (landwirtschaftlich) versorgen. "Ich freue mich, dass es noch steht", merkt Annette Schäfer jedenfalls zum aktuellen Stadium des Lisberger Tropfhauses an.Sie weiß aber auch: "Das Wichtigste ist die Nutzung", steht für sie fest. Insofern haben die Lisberger es also richtig gemacht. Es bringe nichts, Geld zu investieren, bevor die Nutzung steht. Vor einer Planung müsse man erst dahingehend überlegen. Und: "Es geht darum Öffentlichkeit hinein zu bringen." Ein Begegnungsraum müsse entstehen - für die Jugend, oder für die Alten. Oder wie in Lisberg auch angedacht, etwas in der Richtung Bed & Breakfast, was sie begrüße.

Wenn das Tropfhaus in der Öffentlichkeit angekommen ist, "dann bedeutet das auch Verständnis für das Denkmal und damit für die eigene Geschichte". Dann erzeuge oder erhöhe es dieses.

In Sassanfahrt ist das sanierte Tropfhaus Museum und es sei in den Grundschulunterricht verankert.



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