Würzburg
Kinder und Terror

Was sind Terroristen? So können Eltern Kindern Fragen zu Terror erklären

Kinderfragen zur Terrorgefahr zu beantworten, ist keine leichte Aufgabe für Eltern, Erzieher oder Lehrer. Ein Würzburger Medienpsychologe erklärt, warum zu viel reden nicht immer die beste Lösung ist.
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Symbolfoto: dpa
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Carlotta (6) rutscht aufgeregt auf dem Rücksitz im Auto hin und her. "Mama, sind die jetzt alle tot in Paris?", fragt sie und dann will sie wissen, wo Paris eigentlich liegt. "Weit weg, in Afrika? Kommen die Männer auch zu uns? Warum sind die so böse?"Fragen wie diese wurden Eltern, Erziehern und Lehrern in den vergangenen Tagen und Wochen sehr oft gestellt - und nicht immer ist klar, welche Antwort in diesem Moment für genau dieses Kind die richtige ist. Eltern wissen zwar meist instinktiv, was sie ihrem Kind zumuten können und was nicht. Allerdings müssen sie einiges beachten, wenn sie ihre Kinder nicht überfordern wollen.


"Was sind Terroristen?"

Carlotta ist gerade eingeschult worden, die Nachrichten im Autoradio bekommt sie mit, kann aber keine Zusammenhänge herstellen. Sie möchte die Wörter, die sie nicht versteht, erklärt bekommen, mit den Hintergründen für die Anschläge kann sie indes noch nichts anfangen. Deshalb reicht dem kleinen Mädchen auf seine Frage "Was sind Terroristen, Mama?" auch eine einfache Antwort.
Etwa dass das Menschen sind, die alle als Feinde betrachten, die nicht genauso denken und handeln wie sie selbst. Und dass die derart wütend und böse werden können, dass sie andere Menschen absichtlich verletzen oder sogar töten wollen. Mehr braucht es meist gar nicht. Carlotta jedenfalls hat diese Antwort genügt, sie hat nicht weiter nachgefragt. Und genau dann sollte man es, so raten Experten, auch gut sein lassen.


Blumen gegen Waffen

Dass gerade einfache Antworten Kindern Sicherheit geben können, zeigt auch ein ergreifendes und über eine halbe Million Mal geklicktes Video auf Facebook, in dem ein französischer Vater direkt nach den Anschlägen vor der Pariser Konzerthalle Bataclan seinem kleinen Sohn vor laufender Kamera erklärt, warum er keine Angst vor Terroristen haben muss. Der Kleine ist zunächst sehr verunsichert und ängstlich, sagt, dass die Bösen Pistolen haben, und sie alle erschießen könnten, "weil sie sehr, sehr böse sind". Der Vater antwortet: "Sie haben Waffen, aber wir haben Blumen." Er versichert seinem Kind, dass die Blumen die Pistolen der Bösen bekämpfen.
Der Sohn dreht sich jetzt zu den Reportern um, sagt selbstsicher: "Die Blumen und Kerzen beschützen uns." Und dass er sich jetzt gut fühle.


Nicht immer ist das lange Gespräch sinnvoll!


In diesem Zusammenhang hat der Würzburger Medienpsychologe Frank Schwab eine neue Erkenntnis gewonnen. Für seine Wissenschaft, aber auch für sich privat als Vater. "Ich bin wie die meisten anderen bislang immer davon ausgegangen, dass das ausführliche Gespräch zwischen Eltern und Kindern immer das Mittel der ersten Wahl ist. Aber genau das glaube ich jetzt nicht mehr so uneingeschränkt", erklärt der Professor.
In keiner Studie habe sich nämlich belegen lassen, dass langes Reden tatsächlich hilft. "Natürlich muss man das sehr differenziert und auch altersabhängig betrachten. Aber die Gefahr, dass der, der redet und erklärt, hauptsächlich seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse zum Ausdruck bringt und dem Gesprächspartner damit unter Umständen eher schadet, als nutzt, ist definitiv gegeben", erklärt Schwab.

Wäre Carlotta ein sehr sensibles Kind und hätte sehr ängstliche Eltern, dann könnte ein ausführliches Gespräch mit ihr über Krieg und Terrorgefahren zu noch viel mehr Ängsten und Verunsicherung führen. Lügen sollte man aber auch nicht.


De Maizière hat es falsch gemacht

Wenn ein Kind wissen möchte, ob Paris auch hier stattfinden könnte, sollte man ehrlich antworten - etwa dass so etwas sehr selten vorkommt und man deshalb nicht glaubt, dass das hier passieren wird.
Kinder grundsätzlich von den Nachrichten fernhalten zu wollen, sei nicht richtig. "Zeitungen wegräumen oder das Fernsehschauen zu verbieten, wäre der ganz falsche Ansatz. Dann wird es heimlich gemacht oder die Kinder beginnen, eigene Vorstellungen im Kopf zu entwickeln", so Schwab. Und dieses Kopfkino sei in der Regel wesentlich heftiger als die Bilder in der Realität.

Ein gutes Beispiel dafür, wie er es keinesfalls hätte machen dürfen, habe Innenminister Thomas de Maizière (CDU) auf der Pressekonferenz zum abgesagten Fußballspiel in Hannover geliefert. Er hatte mit seiner Ansage, nichts sagen zu wollen, weil ein Teil dieser Aussagen die Bevölkerung stark verunsichern würde, ein riesiges Kopfkino freigeschaltet und damit genau das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte.

Dass vor allem Eltern sensibler Kinder diese gern vor den Nachrichten schützen möchten, sei verständlich. Dann müssten sie aber genau erklären, warum sie nicht wollen, dass bestimmte Bilder und Berichte angeschaut werden. Erklärungen, so Schwab, seien grundsätzlich notwendig und wichtig: "Aber nur, wenn Kinder auch fragen." Und auch dann sollte man immer erst gut zuhören und auch nachfragen, was genau sie wissen möchten oder schon wissen. "Bitte nicht einfach drauflosreden", bittet Schwab.

Diese Erfahrung haben auch Lehrer und Sonderpädagogen, etwa in der Ganztags-Grundschule Heuchelhof in Würzburg, gemacht. "Bisher hält sich das mit den Fragen zum Thema Terror sehr in Grenzen, gerade in der ersten Jahrgangsstufe kommt da so gut wie nichts", sagt Sozialpädagoge Jo Henneberger. In der vierten Jahrgangsstufe habe er in den Schulen aber beobachten können, dass da Kinder plötzlich Krieg spielen wollen, für die das bislang nie interessant war.


Krieg spielen hat richtig Ärger gegeben

Auch Erstklässlerin Carlotta hat das auf dem Schulhof beobachtet. "Die haben Paris gespielt mit Waffen! Das hat richtig Ärger gegeben!" In der Grundschule Heuchelhof sind Kriegsspiele und das Hantieren mit Stöcken als Waffen nicht erlaubt.

"Wir machen die Kinder gleich darauf aufmerksam, dass wir das nicht gut finden und dass das bei uns nicht gespielt wird", sagt eine der Freizeitbetreuerinnen. Fragen zum Terror oder Krieg würde man grundsätzlich sofort aufnehmen und besprechen. So etwas sei für die Schule selbstverständlich; eine verbindliche Regelung, die Terrorgefahr und den IS grundsätzlich in der Schule zum Thema zu machen, sei insofern nicht notwendig. "Wir wollen auch nicht ohne Not die Kleinen auf Themen stoßen, die ihnen Angst machen", sagt Henneberger.


Nachrichten zusammen anschauen


Erstklässler sollten seiner Ansicht nach zu Hause keinesfalls Nachrichtensendungen mitschauen dürfen. Medienexperten raten zudem, dass auch ältere Kinder nur zusammen mit den Eltern die Berichte verfolgen sollten.
Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) möchte die gegenwärtige Angst vor Terror zum Thema in Kindergärten und Schulen machen. Auch dort solle man "mit den Kindern und den Eltern über die Ereignisse sprechen, um ihnen die Angst und die Sorgen zu nehmen", sagte sie der "Bild"-Zeitung. Die Eltern hätten eine Vorbildrolle; sie sollten den Kindern zeigen, dass das Leben wie gewohnt weitergeht und sie sich nicht einschüchtern lassen. Ob die Kultusministerien auf den Vorschlag Schwesigs eingehen und den Schulen eine Empfehlung an die Hand geben, ist noch offen. Im bayerischen Kultusministerium heißt es auf Anfrage, dass es im Verantwortungsbereich der Schulen liegt, dass Lehrkräfte im Unterricht mit den Kindern über die aktuellen Ereignisse sprechen, um ihnen eventuell bestehende Ängste zu nehmen und das Sicherheitsgefühl zu stärken.
"Für die Behandlung derartiger Ereignisse im Unterricht liegen den bayerischen Schulen Gesprächsleitfäden vor", sagt Sprecherin Carolin Völk.


Schlicht kein Interesse

Dass es ratsam sein könnte, schon in den Kindergärten Krieg und Terror zu thematisieren, glaubt der Würzburger Experte Frank Schwab nicht. Selbst in Grundschulen sei das fraglich, denn auch Kinder dieser Altersgruppen könnten überhaupt noch nicht verstehen, was da vor sich geht: "Vor allem im Kindergarten macht das wenig Sinn. Mein Sohn zum Beispiel ist vier und ihn interessiert das, was im Fernsehen in den Nachrichten gezeigt wird, gar nicht."


Rettungskräfte wirken beruhigend

Grundschulkinder hätten vor bildlich konkreten Darstellungen Angst, etwa vor schwer verletzten Opfern oder Waffen. Allerdings zeigten neue Studien, in denen Bilder mit mehr und weniger brutalen Szenen angeschaut wurden, keine unterschiedlichen Reaktionen. "Man führt das darauf zurück, dass auf den schlimmeren Bildern auch immer Rettungskräfte zu sehen waren oder Polizisten, das wirkt offenbar beruhigend."
Genau hier könnten Eltern und Erzieher in ihren Erklärungen auch ansetzen: "Das ist alles sehr schlimm für die Menschen, aber ihnen wird auch geholfen; alles wird gut, da sind Leute, die sorgen dafür, dass nichts mehr passiert", rät Schwab.


Professionelle Kindernachrichten



Eltern und Kinder können auf professionelle Kindernachrichten zurückgreifen. Tabu sind Bilder von Opfern, Verletzten oder Toten. "Wir wahren eine angemessene ästhetische Distanz", heißt es etwa in der Chefredaktion von KiKa, dem gemeinsamen Kinderkanal von ARD und ZDF. Auch die Initiative "Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht" gibt unter www.schau-hin.info Tipps zum Umgang mit der aktuellen Berichterstattung.


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