Lichtenfels
Kriegsreporter

Was Krieg mit uns macht

Seit mehr als 20 Jahren schildert der Bamberger Journalist Till Mayer in Texten und Bildern, welchen Menschen er an der Front begegnet .
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Den ukrainischen Soldaten Sergiy hat Till Mayer an der Front porträtiert. Foto: Till Mayer
Den ukrainischen Soldaten Sergiy hat Till Mayer an der Front porträtiert. Foto: Till Mayer
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von Anne-Nikolin Hagemann Der Mann ist müde. Seine Augen sind geschlossen, sein Gesicht ausdruckslos.Da sind Risse in der Wand hinter ihm, da sind Einschläge im Beton, da sind Trümmer am Boden, ein Fensterrahmen, etwas, das vielleicht einmal ein Wäscheständer gewesen ist. Der Mann trägt eine kugelsichere Weste, in seiner Armbeuge ruht ein Gewehr. Es wirkt, als würde er einmal kurz innehalten mitten im Krieg, das letzte bisschen Kraft in sich zusammensuchen, während um ihn herum gerade alles zerfällt.

Der Mann heißt Sergiy und ist ukrainischer Soldat. 1999 war er im Kosovo im Einsatz, seit 2014 kämpft er an der Front nahe Donezk. Zuhause wartet die Familie, die er dazwischen gegründet hat, in einem wackeligen Frieden. Auf Seite 114 wird er sagen: "Meine Seele fühlt sich leer an." Der Bamberger Journalist Till Mayer hat Sergiy auf einer seiner Reisen in die Ukraine an der Front fotografiert. Das Bild vom müden Soldaten ist das Titelbild von Mayers neuem Buch. "Dunkle Reisen" heißt das, eine Auswahl von Bildern und Reportagen aus über 20 Jahren Arbeit in den Kriegs- und Krisengebieten der Welt, das Gros stammt aber aus den vergangenen fünf Jahren.

Der erste Satz, den Mayer darin schreibt: "Ein Krieg prägt." Er hat erlebt, wie Kriege Menschen verändern, Familien, Länder, Gesellschaften. Und ihn selbst. Seine dunklen Reisen, schreibt er weiter, hätten mit einem Krieg begonnen, der lange vor seiner Geburt endete: Als er die Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Schrecken des Zweiten Weltkrieges betrachtet hat, von Schlachten, vom Sterben, den Verbrechen des Holocausts, war er etwa elf Jahre alt. Da war der Krieg das absolut Böse, weit weg, nicht zu fassen. Als Volontär fuhr er dann zum ersten Mal selbst in einen Krieg, mit einem Hilfsgüterkovoi nach Bosnien. Da war der Krieg auch ein bisschen Abenteuer.

Seitdem hat er viele Kriege und ihre Folgen gesehen, allein in "Dunkle Reisen" sind 13 Regionen der Erde vertreten, in Nord- und Südamerika, Afrika, Asien. Und in Europa. Heute weiß Mayer: Der Krieg ist weder ein Abenteuer noch unfassbar. Wenn man ihm sehr nah kommt, greift er einem sogar direkt ans Herz.

Er kann, wenn er heimkommt von einer Reise zum Krieg, "die Tür zumachen", das eigene Leben weiterleben, weiter genießen, sagt Till Mayer an einem Spätsommertag in Lichtenfels, während Licht durch die Räume der Redaktion flutet, in der er als Lokalredakteur arbeitet. "Aber natürlich gibt es da Bilder, die nicht mehr weggehen." Im Buch nennt er das Gefühl eine Krake in der Brust, deren Druck er spürt, wenn sie die Arme ausstreckt. Er schreibt auch: Seine Krake sei klein im Vergleich zu denen, die Menschen in sich tragen, die er unterwegs trifft.

Alle von Mayers Bildern sind schwarz-weiß, zeigen weder Explosionen, noch Blut, noch Schreie. Sie bilden die leisen Gefühle ab, die stumme Traurigkeit in den Augen von Kriegsveteranen, die Müdigkeit in den gebeugten Schultern der Mütter von Agent-Orange-Opfern. Auch den trotzigen Stolz im Blick der Kriegsversehrten, das Lachen von Kindern im Flüchtlingslager.

Es sind Bilder, die nicht schocken, aber lange nachwirken. Wer schon lange nichts mehr fühlt bei Todeszahlen in den Nachrichten, im Angesicht der Bilderflut in den Medien - der lässt sich vielleicht von diesen stillen Bildern berühren, hält inne, denkt nach.

"Ich will den Leuten zeigen: Das sind Menschen wie du, wie deine Nachbarn, wie dein Sohn, deine Tochter, um die es da geht", sagt Mayer. Der Soldat Sergiy erzählt in Mayers Porträt nicht vom Töten, sondern von zwei Kindern, die zuhause auf ihn warten.

Für "Dunkle Reisen" hat Mayer seinen Reportagen und Bildern jeweils einen Hintergrund, einen größeren Kontext gegeben: zusätzliche Rechercheergebnisse, nüchterne Fakten zu dem Konflikt, der das Leben prägt. Aber auch über seine eigenen Gefühle und Eindrücke schreibt er. In den Irak zum Beispiel reiste er zweimal, 2003 war er dort fast ein halbes Jahr im Einsatz; nur eine Woche lang ein zweites Mal 2017, um Zivilisten zu treffen, die vom Islamischen Staat als menschliche Schutzschilde gegen Regierungstruppen missbraucht wurden. "Nichts", schreibt Mayer, "wirklich nichts, so empfand ich es, war besser geworden."

Früher, sagt er, habe er die feste Überzeugung gehabt, dass alles besser werden würde. Trotz der schlimmen Bilder, die er sah. "Die Überzeugung wankt." Bei diesen Worten wirkt sein Gesicht ähnlich müde wie das von Sergiy, dem Soldaten. Das macht es nicht leichter, ist aber für ihn kein Grund zum Aufhören. Sondern ein weiterer zum Weitermachen.

Denn der Krieg kommt immer näher. Vergessene Konflikte auf europäischem Boden, wie der in der Ukraine. Rechtsradikale in Tschechien, die eine Stadt spalten. Das sind zwei Geschichten aus "Dunkle Reisen". Hitlergrüße auf deutschen Straßen, demokratiefeindliche Regierungen in der EU, das sind Bilder aus dem Fernsehen. Aus der Lokalredaktion blickt Mayer auf die schräg gegenüberliegende Flüchtlingsunterkunft. Mit den Geflüchteten sind auch ihre Geschichten angekommen im Alltag der Menschen in Franken, Geschichten, wie er sie seit Jahren mit nach Hause bringt. Viele reagierten auf die Flüchtlinge statt mit Nachdenken mit Angst, Ablehnung. "Nicht selten engherziger, als ich mir das wünschte. Andere dagegen leisten Enormes für eine Integration."

"Dunkle Reisen" soll daran erinnern, wie verwundbar Gerechtigkeit, Frieden und Demokratie sind. "Überall auf der Welt, auch im sicheren Deutschland." Viele, glaubt Mayer, wollen Bilder wie seine nicht sehen. Und dennoch: Schüler hören zu, wenn er von den Welten außerhalb ihrer Filterblase erzählt, Menschen mit den verschiedensten politischen Ansichten engagieren sich gemeinsam für Hilfsprojekte, die aus seinen Reportagen entstanden sind.

Till Mayer hat noch eine zweite Überzeugung, die immer noch da ist, wegen der er immer weiter auf seine dunklen Reisen gehen wird: "Dass der Mensch an sich doch schon etwas sehr Gutes ist." "Dunkle Reisen" von Till Mayer, 128 S., 21 x 26 cm, geb., ISBN: 978-3-940821-65-2, Erich Weiß Verlag, 15 Euro.



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