Lisberg
Ortsgeschichte

Was braunes Wüten übrig ließ

Am 9. November 1938 zerstörten Bamberger SA-Horden die Synagoge in Trabelsdorf. Nur ein Stuhl blieb heil. Familie Steigerwald hütete ihn bis jetzt.
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Im Schloss Trabelsdorf, dem Rathaus, soll der Stuhl in einer Vitrine für jeden sichtbar werden.  Foto: Marion Krüger-Hundrup
Im Schloss Trabelsdorf, dem Rathaus, soll der Stuhl in einer Vitrine für jeden sichtbar werden. Foto: Marion Krüger-Hundrup
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Ein einfaches Möbelstück erzählt die Geschichte von Gewalt und Unmenschlichkeit. Aber auch von Mut und Respekt: Dieser Stuhl aus der Synagoge in Trabelsdorf überstand als einziges Einrichtungsstück das Wüten in der Reichspogromnacht 9./10. November 1938. Während Bamberger SA-Horden alles kurz und klein schlugen, die Torarolle und Gebetbücher vernichteten, schnappte sich einer der SA-Männer den Stuhl und drückte ihn einer Trabelsdorferin in die Hand: "Das ist jetzt deiner", soll er dabei gesagt haben.

Die Dorfbewohner mussten nach Aufforderung des SA-Anführers das Holz der zerstörten Inneneinrichtung als Brennmaterial mit nach Hause nehmen. Die Trabelsdorferin und ihre kleine Tochter zogen mit dem heil gebliebenen Stuhl von dannen. "Der Stuhl kam ins Wohnzimmer und blieb in unserer Familie", erzählt Ehrfried Steigerwald über dieses Ereignis, das seiner Großmutter und Mutter widerfahren war. Sie hätten den hölzernen Stuhl mit seinem roten Samtpolster auf der Sitzfläche in einem kalten Kriegswinter auch verschüren können. Doch der Stuhl, ein letztes leibhaftiges Erinnerungsstück an die einstigen jüdischen Mitbürger, wurde in Ehren gehalten: "Niemand durfte sich darauf setzen!", erinnert sich der 69-jährige Ehrfried Steigerwald.

Er und seine Ehefrau Brigitte behielten den Stuhl, pflegten das Holzgestell, ließen das Polster erneuern. Doch da die beiden Söhne das alte Stück künftig nicht in ihre moderne Einrichtung integrieren wollen, suchte Ehrfried Steigerwald nach einer besseren Lösung. Und zwar nach einer, die der Erinnerungskultur aller Trabelsdorfer dienen soll. Vor wenigen Tagen übergab er den Synagogen-Stuhl an Ortsbürgermeister Michael Bergrab. Und dieser sicherte zu, "Geschichte handhabbar zu machen" und den Stuhl für jeden sichtbar in eine bruchsichere Vitrine mit Info-Tafel ins Rathaus zu stellen. Das wäre zugleich eine stete Mahnung, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und es nicht unwidersprochen zu lassen, wenn heutzutage wieder Minderheiten angegriffen werden.

Bei der offiziellen Übergabe waren Christa Horn und Frauke Hansen dabei, zwei Frauen, die maßgeblich über das einstige jüdische Leben in Trabelsdorf geforscht haben. Christa Horn hat als Geschichtslehrerin am Bamberger Kaiser-Heinrich-Gymnasium sogar mit dem Abiturjahrgang 2017/2019 ein wissenschaftlichen Kriterien entsprechendes Gedenkbuch für die jüdische Bevölkerung in den ehemaligen Gemeinden Trabelsdorf und Lisberg herausgegeben. Ein Gedenkbuch für die deportierten und in Konzentrationslagern ermordeten Juden aus den Dörfern, in die ihre Vorfahren schon Jahrhunderte zuvor gezogen waren.

Christa Horn und Frauke Hansen sorgten dafür, dass im November 2016 der erste Stolperstein von dem Künstler Gunter Demnig in Trabelsdorf verlegt wurde. Seitdem ist das Interesse an den Schicksalen der jüdischen Bürger im Ort geweckt. Weitere Stolpersteine folgten und folgen: Der nächste wird am 27. Januar 2020, am Holocaust-Gedenktag, verlegt.

Es gibt noch Zeitzeugen

"Noch gibt es Zeitzeugen, auch in Trabelsdorf", wünscht Bürgermeister Michael Bergrab den unschätzbaren Wert authentischer Aussagen auch zu nutzen. Er ist froh, dass es durch die intensiven Recherchearbeiten von Christa Horn und ihren Schülern auch gelungen ist, Nachfahren der ehemaligen jüdischen Dorfbewohner in Amerika ausfindig zu machen.

So war etwa Karen Maddalone, die Enkelin von Amalie und Gustav Reichmannsdorfer, im April 2019 auf den Spuren ihrer Großeltern in Trabelsdorf. Sie besuchte auf Vermittlung von Christa Horn und Frauke Hansen auch Familie Steigerwald. Zeigte sich berührt von dem aufbewahrten Synagogen-Stuhl, auf dem ihre Großeltern wohl gesessen sind. "Als erste Jüdin nach 1938 hat Karen Maddalone darauf Platz genommen", sagt Christa Horn zu diesem Gänsehautmoment.

Die Synagoge wurde nach 1945 zunächst - wie alle ehemals jüdischen Besitztümer - beschlagnahmt, um die Eigentumsfrage zu klären. 1951 ging die Synagoge in den Besitz der "Jewish Restitution Successor Organization" über, die es 1953 dem Freistaat Bayern übertrug. Danach wurde das Haus an eine Familie verkauft. Es ist bis heute erhalten und dient als Wohnhaus.

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