Bamberg
Handel

Warum schrumpft Bambergs Wochenmarkt?

Ein großer Standbetreiber am Wochenmarkt hat aufgehört. Die Bamberger Gärtner haben sich fast vollständig zurückgezogen. Die Gründe sind vielfältig.
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Gärtnerin Carmen Dechant hat im Jahr 1998 zum ersten Mal einen Stand eröffnet. 17 Jahre lang verkaufte sie Blumen und Gemüse am Wochenmarkt. Vor drei Jahren hörte sie damit auf. privat
Gärtnerin Carmen Dechant hat im Jahr 1998 zum ersten Mal einen Stand eröffnet. 17 Jahre lang verkaufte sie Blumen und Gemüse am Wochenmarkt. Vor drei Jahren hörte sie damit auf. privat

Der süßliche Geruch frischer Früchte wie Aprikosen und Zwetschgen aus Bamberg und Umgebung dominiert, nach einer Weile mischt sich orientalische Feige zu regionaler Minze, dann gesellt sich langsam im Hintergrund der erdige Gemüsegeruch der Bamberger Hörnla dazu. Die Farben sind ebenso bunt und vielfältig. Die Reife der Aprikose fühlen, ein Testbissen ins saftige Fruchtfleisch, schon sind alle Sinne angesprochen. "Two bits", möchte ein Touristenpärchen, und zeigt auf Feigen aus der Türkei, während andere Touristen im Hintergrund den Obst- und Gemüsestand von Fatih Sahin am Gabelmann fotografieren. Stammkundin Annerose Ackermann begrüßt Sahin, dessen Schwester und Sohn mit breitem Grinsen. Umarmungen, Küsschen, Erkunden nach der Familie. "Der Wochenmarkt ist Kultur und gehört zur Stadt", findet Sahin.

Mittlerweile mache die Laufkundschaft knapp 50 Prozent des Geschäfts aus. "Zwei Äpfel hier, eine Banane da - früher war das anders." Kauften die Kunden vor etwa 20 Jahren noch große Vorräte von fünf bis zehn Kilo ein, würden heute selbst die Stammkunden meist nur ein halbes Kilo mitnehmen. "Die Haushalte werden kleiner, es gibt mehr Singles, weniger Großfamilien", schätzt Sahin. Zudem wünschten die Kunden eine immer größere Auswahl. "Die Leute fahren in den Urlaub, sehen Mangos und Ingwer und wollen das auch zu Hause haben", erklärt der 56 Jahre alte Händler. Deshalb hat er sein Sortiment im Laufe der fast 30 Jahre, in denen er auf dem Wochenmarkt vertreten ist, von 80 auf bis zu 200 verschiedene Waren erweitert. "Man muss eben mit der Zeit gehen."

Immer weniger Marktbeschicker

Mit der Zeit geben allerdings auch immer mehr Standbetreiber auf: Im Jahr 2006 gab es laut Ordnungsamt noch 42 sogenannte Marktbeschicker, die sich die Stellplätze je nach Saison oder Wochentag aufteilten. Mittlerweile sind es nur noch 27. "Da sieht man schon eine gewisse Entwicklung", sagt Frank Reppert, der als Leiter des Ordnungsamts auch für den Wochenmarkt zuständig ist. Gegenüber von Sahins Stand klafft ein Loch in den Reihen der Händler: Der Obst- und Gemüsehändler Harald Walter hat sich kürzlich verabschiedet. Seit 1952 war die Familie fester Bestandteil des Wochenmarkts, Harald Walter beschickte den Stand in dritter Generation. Wird die Lücke bald geschlossen? "Eine Warteliste gibt es nicht", antwortet Ordnungsamtsleiter Reppert. "Leute zu finden, ist nicht einfach. Es ist aber auch ein Knochenjob."

Das bestätigt auch Harald Walter: "Nach zwölf Stunden auf dem Markt am nächsten Tag früh um vier Uhr nach Nürnberg fahren und Waren einkaufen. 100 Stunden in der Woche arbeiten. Irgendwann hat man mal die Schnauze voll", sagt er. Gutes Personal, das ihm die Arbeit erleichtert, habe er keines mehr gefunden.

Wurden Gärtner benachteiligt?

Ähnliche Erfahrungen machte auch die Bamberger Gärtnerin Carmen Dechant: 17 Jahre lang hat sie einen Stand für Blumen und Gemüse auf dem Wochenmarkt betrieben, vor drei Jahren hörte sie auf und beschränkt sich seitdem auf den Verkauf in ihrem Hofladen in der Heiliggrabstraße. Vermisst sie die Zeit auf dem Markt? "Nein", antwortet Dechant schnell und deutlich. "Es war ein unglaublicher logistischer Aufwand und ein kräftezehrender, emotionaler Spießrutenlauf." Neben den erwähnten Problemen habe es damals auch Probleme mit dem Ordnungsamt gegeben: 17 Jahre lang musste Dechant vergeblich auf einen Jahresplatz warten. Die Unterschiede: Tagesplätze sind aufs Jahr gerechnet teurer, rund 5000 Euro habe Dechant jährlich bezahlt. Außerdem müssen die Tagesplatzinhaber den Events in Bamberg weichen, während Inhabern von Jahresplätzen Anspruch auf einen Alternativstandort haben.

Jahresplätze gab es keine mehr. Die damalige Ordnungsamtsleiterin habe gesagt, eine Sondergenehmigung für einen zusätzlichen gebe es nur, wenn es sich um ein besonderes Angebot handle. Das sei nicht gegeben. "Das war verletzend. Nach diesem Spruch war für uns alles klar", sagt Dechant.

Auch Thomas Schmidt, Vorsitzender der IG Gärtnerstadt Bamberg, meint: "Wir wurden jahrelang benachteiligt." Allerdings sieht er auch die Verbraucher in der Pflicht. "Die Leute sind bequemer geworden, wollen die Parkplätze am liebsten direkt neben der Kasse und kaufen deswegen letztendlich meist im Discounter", meint er.

Nicht so eine Frau, die sich am Stand von Fatih Sahin nach den Pfifferlingen erkundigt. "Wie viel braucht man pro Person?", fragt sie. "Was wollen Sie denn kochen?" - "Einfach mit Butter und Ei anbraten" - "Dann mindestens 150 Gramm pro Person", sagt Sahin. "Dass wir uns Zeit nehmen, die Kunden beraten und auch mal zuhören, wenn sie von ihren privaten Problemen erzählen, ist unser Vorteil gegenüber den Supermärkten." Außerdem lebe der Markt von der Vielfalt des Angebots. Deswegen glaube er auch nicht, dass sein Geschäft vom Wegfall der Konkurrenz auf der gegenüberliegenden Seite profitiert. "Konkurrenz belebt das Geschäft: Man will seinen Stand noch schöner gestalten, ein noch besseres Angebot haben, noch höflicher sein." Und wenn ihm etwa die Erdbeeren ausgingen, verweise er auch gern an die Nachbarn - und umgekehrt. Oder man helfe sich mit den Waren gegenseitig aus.

"Solange wir die Kundschaft auf dem Markt behalten, ist alles gut. Dazu braucht es Vielfalt. Der Nachbar soll auch ein Geschäft machen", findet Sahin. Deswegen betrachte er die Abnahme an Marktbeschickern mit Sorge. Am Ordnungsamt liege das nicht. Der neue Leiter Reppert komme den Standbetreibern entgegen. "Wir dürfen die Stände jetzt zumindest unter der Woche über Nacht stehen lassen - wenn kein Event ist", erzählt er. Um die Arbeit der Marktbeschicker zu erleichtern, wünscht er sich aber feste, von der Stadt gebaute Hütten wie etwa in Fürth. "Da könnte ich die Waren richtig schön präsentieren und hätte weniger Arbeit."

Kurz vor sechs Uhr abends beginnen er und seine Helfer ihre Stände langsam abzubauen, die Waren in die Lastwagen zu laden. Das dauert etwa zwei Stunden. Viel vom Feierabend wird er nicht haben: "Ich geh dann ins Bett. Ich muss morgen um drei Uhr aufstehen, nach Nürnberg fahren, Waren einkaufen. Man muss den Job schon mögen."

BAMBERGER WOCHENMARKT

Tradition Die Geschichte des Bamberger Wochenmarkts geht bis ins 11. Jahrhundert zurück. Die Marktkaufleute in der Domstadt wurden im Jahr 1062 erstmals urkundlich erwähnt. Die gleichen Rechte wie die Nürnberger Kaufleute bekamen die Bamberger im Jahr 1163 von Kaiser Friedrich I. Barbarossa verliehen. Ursprünglicher Zweck des Markts war die Versorgung der Bevölkerung mit Waren, die in der Region nicht vorhanden waren, zum Beispiel Kleidung, Gewürze und Luxuswaren. Viele Jahrzehnte lang waren die Märkte über die Stadt verteilt.

Verlegung Erst 1971 wurden die Märkte in die Fußgängerzone (Grüner Markt/Maxplatz) verlegt - was den Bambergern damals sauer aufstieß: Die meisten boykottierten den neuen Platz, im Rathaus ging sogar eine Bombendrohung ein. Nach und nach fanden sich die Domstädter aber mit dem neuen Standort ab. Quelle: www.marktkaufleute-bamberg.de Öffnungszeiten Der Wochenmarkt ist von Montag bis Samstag jeweils von 7 bis 18 Uhr geöffnet.

Verkäufer gesucht Um die Abgänge bei den Marktkaufleuten zu kompensieren, ist die Stadt auf der Suche nach Standbetreibern. Interessenten können sich bei der Marktabteilung im Ordnungsamt melden. makl

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