Bamberg
Bestattungskultur

Warum hier Kannen geparkt werden können

Gießen ist derzeit auch auf Friedhöfen ein großes Thema, der Bamberger hat dabei mit einem besonderen Service die Nase vorn.
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Simon Rühr nutzt den besonderen Service der Stadt Bamberg und "parkt" seine Gießkanne am Hauptfriedhof. Foto: Anette Schreiber
Simon Rühr nutzt den besonderen Service der Stadt Bamberg und "parkt" seine Gießkanne am Hauptfriedhof. Foto: Anette Schreiber
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Simon Rühr ist das Paradebeispiel eines Nutzers. Er wohnt am südlichen Stadtrand, also weit entfernt vom Friedhof, zu dem er mit dem Bus fährt. Müsste er da die Gießkanne mitnehmen, wäre das ganz schön umständlich, findet er. Während seiner aktiven Berufszeit beim städtischen Friedhofsamt hatte er es leicht, da konnte Rühr die Privat-Gießkanne einfach bei seinen Sachen deponiert.

Von der Arbeit auf dem Friedhof weiß er aber auch von den Erleichterungen und dem Service, der Friedhofsbesuchern geboten wird: zum Beispiel mit den Gießkannenständern. Seit Rühr in Rente ist, also seit sechs Jahren, nutzt er diesen Service. Den gebe es im Übrigen, seit er denken könne. 40 Jahre jedenfalls war er schon in Sachen Friedhof tätig.

Genau seit 40 Jahren nutzt auch ein anderer Herr den Service. Der 80-Jährige wohnt in der Innenstadt und hat augenscheinlich etliche Gräber zu gießen. Er schätzt nicht nur den Gießkannenständer, sondern mindestens genauso das Angebot mit den Transportwägen.

Die sehen etwa so aus wie Einkaufswagen von Getränkemärten, also mit großer, tiefer und flacher Ladefläche. Sinnigerweise gleich zwischen Wasserentnahmestelle und Gießkannenständer deponiert. Und das bereits in der zweiten Wagengeneration, loben die Nutzer. Die neuen Wagen haben sogar einen Einwurfschlitz für 50-Cent-Stücke. Damit und mit einem Euro bzw. Chip werden sie entsichert. Denn geklaut wird offenbar auch auf dem Friedhof. Der Blick auf die geparkten Gießkannenhälse zeigt: Alle Aufsätze fehlen. "Damit sie nicht wegkommen", weiß Simon Rühr. Seinen Brauseaufsatz hat er im Inneren der Kanne "versteckt".

Modell-Vielfalt

Stimmt, viele Aufsätze fehlen, sieht man sich die "geparkten" Kannen an. Grün. Ganz klar, grün dominiert, freilich gibt es auch gelbe, rosane, lilane, blaue und selbst welche in Türkis. Wer wissen möchte, welche Farben und Modelle auf dem Markt sind oder waren, der muss sich einfach einmal auf den Bamberger Friedhof begeben, denn der bietet im Vergleich zu Landgemeinden nahezu einmaligen Gießkannen-Service.

In der Sprache von Thomas Steger, dem Leiter des städtischen Friedhofsamtes und im offiziellen Schriftverkehrs-Amtsdeutsch geht es um Gießkannenständer-Anlagen. Sie erinnern an eine Mischung aus Fahrradständer und Fischtrocknungsanlage.

Auch Steger bestätigt, dass es sie schon lange gibt, lange bevor er die Leitung am Friedhof übernommen hat. Der gebürtige Bamberger hat nachgedacht, kennt die Franken als praktische Menschen. Auch bei den Gießkannen. Früher hat jeder seine Gießkanne mitgebracht. Das änderte sich irgendwann und die Stadt hat diesen besonderen Service angeboten.

Doch an der Belegung der Gießkannenparkanlage lässt sich auch eine Veränderung in der Bestattungskultur ablesen: Nur ein Viertel der gut 1200 Gießkannen-Parkplätze ist belegt. Der Trend geht zu pflegelosen oder pflegeleichten Ruhestätten.

Eine Unart macht dem Friedhofsamt zu schaffen - der Franke ist sparsam und lässt seinen Gießer oft am Grab, in der Hecke oder so. Das ist allerdings nicht gestattet, so Steger. Spätestens beim Heckenschnitt ist so ein Teil dann fällig.

Also doch Gießerparkanlage. "Aber da empfiehlt es sich, den Gießer zu sichern." Gießkannen sind Gegenstände, "die gern genommen werden", ist auch eine Erfahrung des Amtsleiters. Auch eine der Stadt, die für insgesamt vier Friedhöfe zuständig ist.

Gießerparken ist jedoch nur im Hauptfriedhof möglich. Gebührenpflichtig, versteht sich. Für drei Jahre kostet ein Gießerparkplatz 24 Euro. Umgerechnet in eine verständliche Bamberger Währung wäre das "pro Monat nicht mal ein Seidla", so Steger. "Also günstig."

Wie werden denn 1200 Gießerparkplätze verwaltet? Mit einem Computerprogramm, natürlich nicht nur für die Gießer, sondern dem für die Friedhöfe insgesamt. Irgendwann wurden einmal in Sklavenarbeit alle Gießerplätze erfasst, so dass man genauen Aufschluss über die Belegung hat. Rechtzeitig vor dem Stichtag 1. Mai werden die Nutzer der Anlagen angeschrieben.

Für die sechs Abteilungen des Hauptfriedhofes stehen acht Gießkannenständer-Anlagen bereit. Was wenn jemand auf die städtischen Schreiben nicht reagiert, seinen Gießerplatz nicht bezahlt?

Dann muss das Friedhofspersonal durchgreifen und auch mal Schlösser aufbrechen. Der entfernte Gießer wird dann beschriftet, drei Monate aufbewahrt, danach einer städtischen Nutzung zugeführt.

Aber, und das betont Steger, der Rücklauf auf die Schreiben des Friedhofsamtes hat eine weitaus höhere Quote als andere städtische. "Wenn auf die anderen so viele Antworten kämen," meint er vielsagend.

Weitaus größer als die Zahl der Gießerparker oder "illegal" deponierten ist die Zahl derjenigen Grabbesucher und Pfleger, die ihre Gießkannen mitbringen. "Die wollen nicht riskieren, dass sie geklaut werden", sind aber zu sparsam, um Geld fürs ,Parken' auszugeben", führt Steger aus. Bei Kosten von 24 Euro für drei Jahre, so gibt er den sparsamen Franken, könnte man sich fast fünf Gießer kaufen.

Und wie hält man es auf dem Land? In der größten Gemeinde, in Hirschaid, gibt es auf manchen Friedhöfen auch überdachte Gießkannenabstellplätze, aber keine Befestigungsvorrichtungen.

In der reichsten Gemeinde, der Stadt Hallstadt, findet sich ein schlichtes Gestell mit städtischen Kannen, was die Beschriftung zeigt. Als weiterer Service lehnen an der Rückwand des Leichenhauses ein paar Transportwägelchen und Schubkarren. Ungesichert. "Bei uns wird nichts geklaut", stellt ein städtischer Mitarbeiter dazu klar. Somit erübrigen sich wohl diebstahlgesicherte Gießkannen-Parkanlagen.



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