Hallstadt
Heimat

Warum die Hallstadter Greta eine Institution ist

Die " Goldener Löwe"-Wirtin in Hallstadt hat viel Stadtgeschichte(n) zu erzählen. Anekdoten aus 90 Jahren. Ihr uriges Gasthaus ist eine Rarität.
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Von Fan und Gastro-Kollegen Jürgen Walz einmal hinter dem Tresen vor gezogen - die Hallstadter Wirtin  Greta Diller. Archivbild: Barbara Herbst
Von Fan und Gastro-Kollegen Jürgen Walz einmal hinter dem Tresen vor gezogen - die Hallstadter Wirtin Greta Diller. Archivbild: Barbara Herbst
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Greta ist in Hallstadt nicht weniger als eine Institution. "Sie segelt aber ganz bestimmt nicht, weil sie nicht weggeht, sondern bei uns bleibt." Sagt Thomas Söder mit einem Lächeln. Greta ist seit er denken kann seine Nachbarin und in dieser Woche wird sie 90. Hallstadts Greta heißt Diller mit Nachnamen. Und sie genießt in der Stadt eine Popularität wie derzeit die schwedische Greta in der Welt.

Offiziell "Goldener Löwe"

Greta Dillers Welt, ja ihre Mission, das ist die Traditionswirtschaft gleich gegenüber vom Rathaus. Das denkmalgeschützte Ensemble stammt aus dem 16. Jahrhundert. Vieles ist noch heute so erhalten, wie es die Hallstadter seit Jahrzehnten kennen. Im Sängerzimmer probt der Gesangverein seit 1880 jede Woche. "Im Brauhaus könnte man sofort wieder anfangen, Bier zu brauen", zeigt sich Nachbar Thomas Söder überzeugt. Freilich wurde das schon vor etlichen Jahren eingestellt.

Die urige Gastwirtschaft, offizielle Bezeichnung "Brauhaus Goldener Löwe", ist immer noch in Betrieb. Als Stammlokal nicht nur der Sänger, sondern auch vieler Hallstadter. Als legendär gelten Faschingsbälle im Saal im Obergeschoss und so manche politische Weichenstellung der vergangen Jahrzehnte gingen Bürgerversammlungen in dieser Räumlichkeit voraus.

Immer dabei Greta Diller und die Ihren. Adelgunde, Amanda, Jutta und wie sie alle heißen, Greta-Freunde oder zumindest Fans. Treue Helfer, die Öfen schüren, Bierfässer schleppen, Greta einfach da und dort unter die Arme greifen. Oft mit von der Partie Gretas Großneffe Gerd Groh. Mechaniker von Beruf, vielbeklatschter Hallstadter Laienschauspieler, Geschichten- und Hallstadt-Bierkrug-Sammler und deswegen mit Spitznamen Scherbensepper betitelt. Er sorgt dafür, dass Bilder, Hauschronik und Regulator (eine historische Wanduhr) in Szene gesetzt werden.

Pressescheu

So dezent die guten Geister hier wirken, so scheu, so pressescheu ist deren Chefin. Naht eine Kamera, ist die Greta beinahe schon reflexartig auf der Flucht. Im Mittelpunkt zu stehen, das ist so gar nicht ihr Ding. Das mag sie nicht, weiß der Großneffe, dem die Wirtschaft wie vielen anderen ein Stück Hallstadter Heimat bedeutet. Und wo Großtante Greta Generationen Hallstadter und Hallstadts Geschichte(n) erzählt. "Anekdoten", wie sie diese nennt. Traurige, wie die, als ein Hallstadter auf dem Gelände im Krieg erschossen wurde; oder wie das Wirtshaus beschlagnahmt und von den US-Streitkräften zur Disco namens Satan umfunktioniert wurde.

Gretas Eltern, von ihr immer "mei Leut" genannt, schwante nichts Gutes für ihre Teenager-Tochter. Sie brachten sie im Internat bei Klosterschwestern in Volkach in Sicherheit. Da widmete sich Greta brav weiter ihrer schulischen Ausbildung und kehrte nach eineinhalb Jahren zurück. Wäre sie seinerzeit daheim geblieben, so hält ihr Stammgast und Gastrokollege Jürgen Walz immer vor, wäre sie wohl schnell unter der Haube gewesen und bräuchte sich jetzt nicht so plagen. "Ich war einfach nicht fürs Heiraten gemacht", steht jedoch für Greta fest. Dafür aber wohl als Wirtin.

Freilich könnte sie manchmal schon dem Storch einen Flügel abbrechen, der sie genau da abgesetzt hat. Also da, wo das Leben aus Arbeit bestand. Auch das erzählt Greta Diller mit einem Augenzwinkern. Sie konzentriert sich lieber auf die Gäste, die Stammgäste und Freunde, die zur Familie geworden sind.

Greta hat auch viele schöne "Anekdoten", wie die vom Weimarer Planungsbüro, das beim Marktscheunen-Architekten-Wettbewerb im Bürgerhaus keinen Platz fand und die sie kurzfristig aufnahm. Am Ende hat das Team sogar gewonnen, verrät sie schmunzelnd. Bis heute sei man in Verbindung. Gerne erzählt die Hallstadterin diese Geschichte.

Diese und andere noch hoffentlich lange, meint Thomas Söder, der Nachbarsjunge, der mittlerweile Bürgermeister geworden ist.

Treue Kirchgängerin

Auch als solchem liegt ihm das prägnante Ensemble im Stadtkern am Herzen. Doch Greta wäre nicht Greta, wenn sie sich in irgendeiner Form in die Karten gucken lassen würde. Die treue Gottesdienstbesucherin, die bei der Messe für gewöhnlich (vom Eingang gesehen) auf der linken Seite im Kirchenschiff sitzt, vertraut vermutlich darauf, dass es der Liebe Gott schon richten wird, und werkelt wie in den meisten ihrer bisherigen Lebensjahrzehnte in der Gastwirtschaft. Und so wie die Zöpfe das Wahrzeichen der schwedischen Greta sind, ist es der weiße Schörzer der Hallstadter Greta, die im Gegensatz zur Schwedin allerdings ungleich weniger polarisieren dürfte.

KOMMENTAR:

Von Greta lernen

Ein bisschen so wie Englands Queen jede Menge Fans hat, so verhält es sich mit der Dillers Greta in Hallstadt. Warum? Vermutlich, weil beide lebende Geschichte sind, sie Zeiten überdauert, eine Vielzahl von Widrigkeiten überstanden, ihre jeweilige "Firma" durch die Ereignisse der Welt- und der Stadtgeschichte gesteuert haben. Weil sie deswegen Ansehen und Respekt genießen, ihn sich sehr wohl verdient haben, weil sie weise und zu Institutionen geworden sind. Für Menschen meines Alters waren diese Beiden schon immer da und im wahrsten Sinne schon lange emanzipiert, bevor eine Alice Schwarzer das für Frauen einzufordern begann. Es ist ein Hochgenuss, der Hallstadter Greta zu lauschen. Wer dies mit offenem Herzen und Ohr tut, erfährt Hallstadt-Geschichte(n) aus erster Hand. Die sollten eigentlich festgehalten werden.

Gretas Wirtschaft atmet Geschichte, als Zeitzeugnis sollte das Ensemble der Nachwelt erhalten bleiben und zwar genauso wie es ist.

Und obwohl sie das nicht mag, sollte sich Greta an ihrem 90. mal richtig feiern lassen und die Hallstadter nicht nur an diesem Tag bei ihr vorbeikommen. Denn Wirtschaften überleben nur, wenn Gäste regelmäßig kommen. Genau wie Dorfläden. Sagt Greta und: Zu viele sind schon weg.

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