Kronach

War fränkischer V-Mann selbst in Gefahr?

Steinwiesen im Landkreis Kronach, Nürnberg, Wunsiedel: Kai D., der mutmaßliche verdeckte Ermittler (V-Mann) des Bayerischen Verfassungsschutzes im Umfeld der Thüringer Neonazi-Mordzelle NSU, hat im Internet so viele Spuren hinterlassen, dass man sich fragen muss, wie er so lange "verdeckt" bleiben konnte.
Artikel drucken Artikel einbetten
Ein Sicherheitsbeamter steht vor dem Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln. Foto: Oliver Berg
Ein Sicherheitsbeamter steht vor dem Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln. Foto: Oliver Berg
Der Verfassungsausschuss des Landtags, der sich mit der Frage beschäftigt, was bayerische Behörden von den Umtrieben des NSU gewusst haben, sucht einen neuen Namen: "Fassungslosigkeitsausschuss müssten wir heißen", sagt ein Politiker aus dem Kreis der Ausschussmitglieder unserer Zeitung. Die Politiker sehen ihren Auftrag gefährdet.

"Wie sollen wir zu einer Bewertung der Vorgänge kommen, wenn uns Informationen vorenthalten werden", drückt sich der Ausschussvorsitzende Franz Schindler (SPD) offiziell recht diplomatisch aus, findet aber im Hintergrundgespräch deutliche Worte. Von "Lügen" will er nicht reden, was die Aussagen führender Ermittler vor dem Ausschuss angeht. "Aber doch von einem bisweilen eigenartigen Umgang mit der Wahrheit."

Die Meinung der Politiker ist eine Seite, die der Ermittler eine andere. Von Verfassungsschutz und Landeskriminalamt gibt es nach wie vor keine offizielle Bestätigung der seit Tagen kursierenden Medienberichte über den "fränkischen V-Mann" im NSU; andererseits versteht man in Ermittlerkreisen die Aufregung der Politiker nicht.


Verdeckt ist verdeckt


"Ein verdeckter Ermittler heißt ja eben deshalb verdeckt, weil sein Name nicht in der Zeitung steht", sagt ein Insider, der sehr über die Tätigkeit der früheren Sonderkommission "Döner" in Nürnberg weiß. Die Polizei war zunächst davon ausgegangen, dass es sich um Gewalttaten im türkischen Drogenmilieu handelte. Hätten die Behörden nicht schon früher sehr viel mehr wissen müssen? Bis zu 14 000 Telefonanschlüsse hatten die Ermittler angezapft (unter anderem in Nürnberg) und 20 Millionen Datensätze gespeichert. Die Zahlen gab das Bundesinnenministerium am Freitag bekannt.

Ein wichtiges Thema in den nächsten Sitzungen des Untersuchungsausschusses wird die Rolle von Kai D. sein. Der heute 48-Jährige war bis Ende der 90er Jahre in der rechten Szene Thüringens als V-Mann aktiv. Aktiv im buchstäblichen Sinn, denn D. organisierte unter anderem Gedenkveranstaltungen für Rudolf Heß in Wunsiedel und gilt als Verfasser von"Todeslisten", mit denen Rechtsextreme bürgerliche Politiker einzuschüchtern versuchten. D. kannte auch die Drahtzieher des "Nationalsozialistischen Untergrunds" in Thüringen. Als V-Mann stieg D. aber wohl schon vor der Mordserie des Erfurter Trios aus.

Möglicherweise geriet er sogar selbst in die Schusslinie. In einem Leserbrief an den "Spiegel" deutete D. 1997 an, dass er um sein Leben fürchtet.

Kommentare (2)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren