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Landtagswahl

Wahlkampf 2.0 - Welchen Einfluss das Netz auf Frankens Wähler nimmt

Der Wahlkampf in Bayern startet in die heiße Phase - auch im Internet. Dort genießen Informationen nicht immer den seriösesten Ruf. Manipulationen durch sogenannte Meinungsroboter wie im US-Wahlkampf und bei der Abstimmung über den Brexit sind im Freistaat nicht zu befürchten. Dennoch sollten Internetnutzer wachsam sein.
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Der Wahlkampf geht in die heiße Phase, auch im Netz. Bei allen Vorteilen des digitalen Zeitalters birgt das Internet auch Gefahren. Welche Rolle spielen Fake News und Social Bots in Bayern? Matthias Hoch
Der Wahlkampf geht in die heiße Phase, auch im Netz. Bei allen Vorteilen des digitalen Zeitalters birgt das Internet auch Gefahren. Welche Rolle spielen Fake News und Social Bots in Bayern? Matthias Hoch

Teils überlebensgroße Plakate säumen nahezu jede Straße, im Fernsehen und Radio werden die Kandidaten präsenter und auch im Internet kolportieren sie ihre Ideen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Knapp zwei Wochen vor den Landtagswahlen in Bayern geht der Wahlkampf in die heiße Phase. Weil sich potenzielle Wähler neben der "echten" Welt auch immer mehr ihrem digitalen Dasein im Internet hingeben, weiten die Parteien ihren Wettlauf um deren Gunst verstärkt aufs Internet aus. Das birgt Gefahren.

Noch nie waren so viele Menschen so gut informiert wie heute. Das Internet schafft es, uns zu jeder Zeit mit Wissen zu versorgen. Bei dieser Flut an Informationen fällt nur eins immer schwerer: Was ist wahr? Was ist gefälscht? Spätestens seit den US-Wahlen vor zwei Jahren und der Abstimmung über den Brexit sind sogenannte Fake News, also gezielt verbreitete Falschinformationen, ein ernstzunehmendes Thema. Die gute Nachricht: In Deutschland sind sie noch nicht zu einem großen Problem geworden. Zu diesem Schluss ist die Stiftung Neue Verantwortung (SNV) gekommen, die die Bundestagswahl im vorigen Herbst dahingehend analysiert hatte und aktuell den bayerischen Wahlkampf beobachtet.

Für die 2017er-Wahl konstatiert Andreas Sängerlaub, Leiter des Projekts "Messung Fake News" der SNV, dass Fake News "vor allem von Rechten, Rechtspopulisten und Rechtsextremen" verbreitet werden. Dabei fiel ihm auf, dass nur wenige Akteure einen Großteil der Reichweite erzielten. Als "Speerspitze der Verbreitung" hat er die Partei AfD ausgemacht. Die finde in den Medien nicht so statt, wie sie es gerne hätte - deshalb setze die Partei auf die Strategie der "Lügenpresse" und verbreite ihre Inhalte über eigene Kanäle, sagt Sängerlaub. Direkt und ohne Einordnung durch Journalisten.

Fake News: Kaum relevant

"Im Moment spielen Fake News zwar kaum eine Rolle im bayerischen Landtagswahlkampf", erklärt er. Dies liege laut Sängerlaub zum einen daran, dass sich ein Großteil der Wähler, auch der jungen, noch aus klassischen Medien über Kandidaten und deren Inhalte informierten. Spitzenreiter: Fernsehen. Zudem seien herkömmliche Themenfelder für Fehlinformationen (vor allem von rechts), wie Zuwanderung und Asyl, stets vertreten in der politischen Diskussion. Etablierte Parteien treiben diese Stoffe täglich voran, deshalb lohne sich die Mühe für Fake News schlicht nicht.

Werden doch Falschinformationen im Netz verbreitet, kommen oft sogenannte Social Bots zum Einsatz. Bots (Kurzform von Roboter) sind Computerprogramme, die weitgehend automatisch Aufgaben erledigen. Sie werden zu unterschiedlichen Zwecken eingesetzt. In sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter können sie vorgeben, als echte Menschen zu agieren. Sie verbreiten selbstständig Inhalte und kommentieren Nachrichten. Gezielt in großer Anzahl eingesetzt, können sie beispielsweise das Meinungsklima systematisch manipulieren.

Aktuell agieren Social Bots zwar vorrangig auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, können aber über Umwege die breite Öffentlichkeit erreichen. Auch außerhalb des Internets. Weil hauptsächlich Politiker, Journalisten und Wissenschaftler auf Twitter aktiv sind, lohne sich eine Manipulation dort, erklärt Juan Carlos Medina, Data Scientist an der TU München. "Fallen Nutzergruppen auf falsch gesetzte Twitter-Trends herein, bringen sie erfundene oder falsch fokussierte Themen schnell in die öffentliche Diskussion ein", sagt er.

Die Zahl dieser Programme wird in Zukunft zunehmen, meint Medina. Auch er untersuchte die letzte Bundestagswahl und stellte fest, dass vor allem rechte Parteien Social Bots nutzen. "Soziale Medien und Rechtspopulismus funktionieren gut zusammen, nicht nur in Deutschland. In beiden Bereichen geht es ums Emotionale." Dennoch möchte er entwarnen. Nicht nur, weil Bots nach aktuellem Kenntnisstand bei der Wahl in Bayern wohl kaum eine Rolle spielen. "Menschen werden im Normalfall ihre politische Ausrichtung nicht ändern, nur weil Social Bots aktiv sind", sagt er.

Zielgruppen genau ansprechen

Die Zahl der Wechselwähler hat in den vergangenen Jahren zugenommen, was vor allem den Volksparteien Verluste bescherte. Um ihre Wähler wieder gezielter abzuholen und eventuell sogar Nichtwähler zu mobilisieren, schneiden die Parteien ihren Wahlkampf thematisch genau auf einzelne Zielgruppen zu. "Diese Strategie heißt Microtargeting, ist aber nicht neu", sagt der Kommunikationswissenschaftler André Haller. Im Internet geht es allerdings einen Schritt weiter als die gezielte Ansprache auf dem Marktplatz.

Wie Unternehmen sammeln auch Organisationen und Parteien eine Fülle an Daten ihrer Online-Nutzer: Zugriffe auf Internetseiten, Email-Adressen, Interessen und Abneigungen. Wer etwa online Öko-Produkte einkauft und sich über alternative Energieträger informiert, könnte vermehrt Wahlwerbung der Grünen erhalten, während Befürworter einer bayerischen Grenzpolizei eher für die Wahlkampfmanager der CSU interessant sein dürften. Laut Haller ist es wichtig, sich klarzumachen, dass jeder Schritt im Netz Spuren hinterlässt. "Wer sich einer gezielten Ansprache im Netz bestmöglich entziehen möchte, sollte so wenig wie möglich persönliche Daten preisgeben", erklärt Haller.

Manipulierte Landtagswahlen, etwa durch Fake News, fürchten die Experten unisono nicht. "Ein Mensch ist keine Black Box, in die man Informationen speist, um ihn zu bewegen, dass er wählt, wen man möchte", sagt Haller. Um die Gefahr negativer Einflussnahme auf die Internet-Nutzer gering zu halten, gelte es aber, die Medienkompetenz der Menschen nachhaltig zu verbessern.

"Medienkompetenz: mangelhaft" (Kommentar des Autors)

Wer gezielt Falschinformationen streut, um politische Gegner zu verunglimpfen oder hanebüchene Thesen zu verbreiten, handelt nicht nur moralisch verwerflich. Er handelt illegal. Das Problem ist, dass sich Quellen von Fake News aus dem Internet in vielen Fällen kaum bis gar nicht zurückverfolgen lassen. Haben sich Falschinformationen einmal in sozialen Netzwerken verbreitet, lassen sie sich kaum stoppen. Zu emotional funktionieren Plattformen wie Facebook, zu sehr dominieren Vorurteile und Befindlichkeiten, zu einfach lassen sich "Beweise" finden, um die eigenen Vorstellungen zu untermauern.

Nun scheinen Fake News und manipulative Meinungsroboter im Internet, die Social Bots, bei den Wahlen in Bayern kaum eine Rolle zu spielen. Wie Forscher für die Bundestagswahlen 2017 ermittelt haben, ist das Problem aber bereits real. Nicht so gravierend wie bei den US-Wahlen oder der Brexit-Abstimmung. Aber es wird sich verschärfen. Zugegeben, wenig digitalaffine Bürger sind nicht so anfällig für Fake News aus dem Netz. Dass die Bundesbürger keine Vorreiter in puncto Digitalisierung sind, gereicht ihnen hier zum Vorteil. Aber der Einfluss des Internets wird steigen, darauf müssen wir uns einstellen. Verschlafen wir das, wird es schnell gefährlich. Nötig ist eine Bildungsoffensive, die uns zu medienkompetenten Menschen erzieht. Das Ziel: endlich in der digitalen Realität des 21.Jahrhunderts ankommen.



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