Bamberg
Adventskalender

Vorne gelebt, hinten gearbeitet

In den prachtvollen Häusern entlang der Hainstraße lebten einst erfolgreiche Hopfenhändler. Und die Bauten dahinter dienten der Lagerung des Hopfens.
Artikel drucken Artikel einbetten
In den prachtvollen Vorderhäusern in der Hainstraße lebten einst die Hopfenhändler.  Foto: Eva-Maria Bast
In den prachtvollen Vorderhäusern in der Hainstraße lebten einst die Hopfenhändler. Foto: Eva-Maria Bast
+1 Bild

"Hier möchte man gerne wohnen", sagt Franca Heinsch und blickt die mit prachtvollen Baumen gesäumte Hainstraße hinunter. In der Tat: Ein wunderschönes Haus reiht sich ans andere, schmuck, strahlend weiß, stuckverziert. Die hohen Fenster der zweistöckigen Gebäude lassen lichtdurchflutete Wohnungen dahinter erahnen. "Das Besondere sind aber nicht nur diese Häuser, sondern das Zusammenspiel mit den Gebäuden in der zweiten Reihe", erklärt die Leiterin der Bamberger Geschäftsstelle des Vereins "Geschichte Für Alle". "Die Häuser hier sind genauso hoch, aber dreistöckig."

Der Grund: All diese Gebäude wurden für die Lagerung des Hopfens errichtet. In den prachtvollen Häusern an der Straße lebten die Hopfenhändler, die durch ihr Geschäft zu Geld gekommen waren und repräsentieren wollten, in den hinteren Häusern wurde der Hopfen verarbeitet. "Die Hopfenernte fand immer Ende August bis Mitte September statt", erklärt die Historikerin.

Bei kleineren Betrieben erledigte die Hopfenbauerfamilie selbst die Ernte, aber in den größeren Unternehmen, wie denen, deren Besitzer in der Hainstraße wohnten, mussten Erntehelfer, auch Hopfenzupfer genannt, zu Tausenden anreisen. Zunächst kamen sie aus dem Bayerischen Wald und aus Böhmen, zwischen den beiden Weltkriegen aus den umliegenden Städten und Gemeinden und während des Zweiten Weltkriegs mussten nicht selten Mitglieder des Bundes Deutscher Mädel oder der Hitlerjugend Hand anlegen.

Nach dem Krieg halfen häufig Flüchtlinge aus dem Osten bei der Ernte. Die Verwendung von Hopfen hat in Bayern eine sehr lange Tradition und ist urkundlich im 9. Jahrhundert erstmals belegt. "Archäologische Nachweise zum Hopfen aus dem bayerischen Raum finden sich, anders als andernorts, erst ab dem Hochmittelalter. Schon seit der Antike durfte er als Heilpflanze Verwendung gefunden haben, beim Brauen von Bier kam er bis dahin jedoch wohl kaum zum Einsatz", schreibt Christoph Pinzl im Historischen Lexikon Bayerns.

Konservierung vor Geschmack

Besonders in den Klöstern wurde häufig mit Hopfen Bier gebraut. "Im Zentrum stand in dieser Zeit weniger die Frage nach einer Geschmacksverbesserung des Bieres als vielmehr die stark konservierende Wirkung, die der Hopfen entfaltete. Seine hohe antibakterielle Wirksamkeit durfte sich aus dem tradierten Wissen der Volksmedizin auf das Brauwesen übertragen haben", schreibt Pinzl weiter und nennt Hildegard von Bingen als Quelle.

Bevor der Hopfen in Bamberg eine Rolle spielte, musste er sich allerdings erst noch gegen andere Zutaten im Bier durchsetzen. Wichtig hierfür war das in Ingolstadt erlassene Reinheitsgebot von 1516, in dem zum Beispiel festgelegt wurde, dass nur Hopfen als Bierwürze verwendet werden darf. "Trotzdem dauerte es noch mehr als 300 Jahre, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, bis der Hopfenanbau nach Bamberg kam", sagt Franca Heinsch. "Bier fand immer mehr Abnehmer, durch die Eisenbahn wurde der Transport der Hopfenballen viel einfacher und auch Erntehelfer hatten es nun viel leichter, von A nach B zu gelangen", nennt die Historikerin die Gründe für die Entstehung des Hopfenanbaus in der Stadt an der Regnitz.

Zunächst arbeiteten die Bamberger Bierbrauer und die Hopfenhändler aber nicht zusammen. "Die Bierbrauer vor Ort haben sehr gern den böhmischen Hopfen verarbeitet, sie waren der Ansicht, dass dieser besonders gut sei. Der Bamberger Hopfen wurde hauptsachlich exportiert und gar nicht in die hiesige Bierproduktion mit einbezogen, sondern als Verkaufsschlager in die Welt geschifft." In der Tat, erzählt die Historikerin, taten die bayerischen Kurfürsten und Bamberger Fürstbischöfe viel, um den Hopfenanbau zu fördern. Zum Beispiel mit Steuerbefreiungen, aber auch mit ausgeschriebenen Preisen, um auch dem kleinen Mann den erfolgreichen Hopfenanbau nahezubringen.

Das Konzept ging auf, die Bamberger Hopfenanbauer lebten gut, "und so ist hier letztendlich ein ganz neuer Stadtteil entstanden, das sogenannte Haingebiet, das heute ein bisschen als Luxusstadtteil gesehen wird." Seine Blütezeit erlebte der Bamberger Hopfenhandel Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts, anschließend begann der Niedergang: "Die Industrialisierung hat viel dazu beigetragen, der ganze Ablauf der Bierproduktion hat sich sehr verändert und auch der Nationalsozialismus hat letzten Endes eine Rolle gespielt", nennt Franca Heinsch die Gründe. Denn die Hopfenhaädler seien vornehmlich jüdisch gewesen und von den Nationalsozialisten verfolgt worden.

Vom Schicksal Willy Lessings

Ein trauriges Beispiel hierfür ist die bekannte jüdische Familie Lessing: Der Hopfengroßhändler Simon Lessing gründete 1885 mit dem "Frankenbräu" Bambergs erste Großbrauerei, die schon zwei Jahre später 50 000 Hektoliter Ausstoß für sich verbuchen konnte. Und als das Bier dann um die Jahrhundertwende auch den Gaumen Prinz Rupprechts von Bayern erfreute, durfte die Brauerei ihr Bier "Hofbräu" nennen. Simons Sohn Willy führte das Unternehmen zwischen den beiden Weltkriegen zu enormer Bedeutung, aus dem Frankenbräu wurde eine der größten Brauereien Nordbayerns.

Doch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden Willy Lessing und sein Partner aus der Firma gedrängt. Willy Lessing, nach dem heute in Bamberg eine Straße benannt ist, wurde von den Nationalsozialisten in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 so schwer misshandelt, dass er verstarb. Pinzl schreibt: "Während des Nationalsozialismus stand der bayerische Hopfenbau unter einer staatlich reglementierten Anbauflächenkontrolle, die noch bis 1958 Gültigkeit behielt. Nach diesem System war jeder Hopfenpflanzer nur zur Bewirtschaftung einer bestimmten Flache berechtigt, was in nationalsozialistischer Zeit zu rigiden Kontrollmaßnahmen mit einer Offenlegung der Flächen bis hin zum Abschneiden ausgewachsener Hopfenreben fuhren konnte." Heute zeugen von der großen Bamberger Hopfenzeit nur noch die Häuser in der Hainstraße.

Unser Adventskalender Serie Viele Merkwürdigkeiten Bambergs enthüllen wir in diesem Jahr in unserem Adventskalender. Die einzelnen Folgen entstammen dem Buch "Bamberger Geheimnisse - Spannendes rund um das Weltkulturerbe mit Kennern der Stadtgeschichte", das im Verlag Bast Medien in Kooperation mit dem Fränkischen Tag erschienen ist. Es hat 192 Seiten, kostet 19,90 Euro (ISBN: 978-3-946581-54-3) und ist erhältlich in den Geschäftsstellen des Fränkischen Tags, in Buchhandlungen und online auf der Homepage www.bast-medien.de. Termin Am 7. Dezember um 16 Uhr laden wir zur Buchvorstellung und Signierstunde mit der Autorin Eva-Maria Bast in die FT-Geschäftsstelle in der Bamberger Innenstadt, Austraße 14, ein.



Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren