Bamberg

Von Schönheit und Schändung

Der Bamberger Kunstverein widmet seine Jahresschau in der Dessauervilla der "Natur als Argument".
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Kunstvereinsvorsitzende Barbara Kahle vor Florian Hüttners Bilderkiste, auf der ein deformierter Wildkadaver liegt.  Fotos: Barbara Herbst
Kunstvereinsvorsitzende Barbara Kahle vor Florian Hüttners Bilderkiste, auf der ein deformierter Wildkadaver liegt. Fotos: Barbara Herbst
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Wer immer schon einmal in einen Eichhörnchen-Kobel schlüpfen wollte, gehe hinter die Villa Dessauer in die Hainstraße und stecke sein Haupt in ein von Thomas May geschaffenes ovales Gebilde aus Gras und Lehm. Der Nürnberger Künstler gründete ein "Grashalminstitut", das sich "der überaus weit verzweigte[n] kulturelle[n] Bedeutung von Gras" widmet. Was nicht so exotisch ist, wie es sich zunächst liest.

Denn hat nicht Albrecht Dürer - zurzeit ist in der Wiener Albertina eine monumentale Ausstellung zu sehen - mit seinem "großen Rasenstück" ein Monument der Kunstgeschichte geschaffen? Seine Naturstudie weist auf den neuen Blick, den Renaissancekünstler wie etwa der Bauernbrueghel oder Hieronymus Bosch auf ihre Umwelt warfen. Durch die Jahrhunderte zieht sich die Landschaftsmalerei als ein bestimmendes Genre der bildenden Kunst, gerade in Deutschland wird "die Natur" seit der Romantik geradezu mystifiziert und im besonderen Verhältnis der Deutschen zu ihrem Wald von außen gerne karikiert.

Alles Gründe für den Vorstand des Bamberger Kunstvereins, künstlerische Auseinandersetzungen mit Natur, Landschaft, Ökologie, unser Verhältnis zur Umwelt in einer (Jahres-) Ausstellung zu dokumentieren, sagt Vorsitzende Barbara Kahle. Bis 10. November sind in der Villa Dessauer die Arbeiten von 24 Künstlern zu sehen, die unter dem "lockeren Oberbegriff" (Kahle) "Natur als Argument" außerordentlich vielfältige Herangehensweisen ans Thema dokumentieren. "Argument" meint dabei Beweis für oder Behauptung von Schönheit, Selbstvergewisserung des Subjekts in der Dialektik zwischen Idealisierung und Nutzung der Natur bis zu ihrer Vernichtung.

Irritation erwünscht

Dabei geht es nicht um die platte Dokumentation des Letzteren, nicht um eine grüne Agitprop-Kunst. Das wäre leicht angesichts aktueller Diskussionen und Hysterien - leicht und unendlich langweilig. Kopfnickendes Einverständnis zu provozieren wie im aktuellen politischen Kabarett ist die Sache der ausstellenden Künstler nicht. Eher zu irritieren: Da hängen im Eingangsbereich der Villa zwei fotorealistisch anmutende Ölbilder Richard Wientzeks. Auf den ersten Blick alpenländische Idyllen, auf den zweiten erkennt man menschliche Technik-Artefakte - es ist die Ködeltalsperre aus ungewohnter Perspektive. Eine von Menschen umgestaltete, neu erschaffene Natur. Wie es ja überhaupt schwierig sein dürfte, in Mitteleuropa noch eine ursprüngliche, "unberührte" Landschaft zu finden. Man assoziiert die populären Bilder Caspar David Friedrichs, die deutsche Romantik, die nicht zufällig der Industrialisierung vorausging.

Lois Weinberger fotografiert "Ruderale" in seiner Arbeit "Wüstung". Das ist "Unkraut" auf Brachflächen. Auf dem Boden liegen Plastiksäcke, darüber Lehmscheiben, Symbole für Migration, für zähen Widerstand, für Neubeginn auch. Im Raum davor steht ein Gegenstand, den man nicht unbedingt in einer Kunstausstellung vermuten würde: ein hölzernes Paddelboot Bob Braines. Er befuhr für die Hamburger "Galerie für Landschaftskunst" - deren Aktivitäten auf einer Litfaßsäule dokumentiert sind - städtische Wasserwege.

Ebenfalls für die Galerie arbeitet Florian Hüttner, auf dessen Bilderkiste ein deformierter Wildkadaver liegt. Den Kontrast zwischen Styropor-Künstlich- und scheinbarer Natürlichkeit thematisiert eine Installation Anja Ciupkas, die Baumarkt-Pflanzen (ohne Übertopf) in ein Regal gestellt hat. Sie werden im Lauf der Ausstellung verwelken ...

Wie steht es mit klassischer Landschaftsmalerei? Die gibt es technisch perfekt schon noch, freilich verfremdet, aktualisiert, ironisiert. Anna Bittersohl schafft großformatige Landschaftswelten, Figuren und Pflanzen, die ineinanderfließen, fast wie Visionen nach der Einnahme von Halluzinogenen. Sebastian Nebe schuf die vielleicht eindrucksvollsten Exponate: handwerklich perfekt inszenierte Wälder in Öl auf Papier. Dadurch erscheinen sie beschädigt, comichaft, trivialisiert. Das Bedrohliche in Friedrichs romantischen Szenarien fortgeführt hat Gerhard Rießbeck zu surrealen, alptraumhaften Bildern aus dem Eismeer.

Eine große Vielfalt

Videos stammen von Jürgen Wilhelm, der Figuren aus einem Computerspiel-Ambiente getilgt und so eine scheinbar unschuldige Landschaft kreiert hat, von Klara Hobza, die für ihre "Schlickschlacht zu Schillig" Ju-Jutsu-Kämpfer im Schlamm sich balgen lässt, so auf die Nähe zu Industriehäfen verweisend. Thilo Westermann schafft florale Stillleben in einer eigens entwickelten aufwendigen Technik.

Eine große Vielfalt also, die nur in Ausschnitten vorgestellt werden konnte. Eine große Leistung auch der Mitglieder des Kunstvereins, die mit großem persönlichen Einsatz die Werke überregional bekannter und renommierter Künstler nach Bamberg geholt und ein opulentes Ausstellerverzeichnis erstellt haben. Möge ihr Engagement durch regen Besuch belohnt werden!

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