Bamberg
Kulturförderpreis

Von prosaischen Orten zu Bühnen

Das "Theater im Gärtnerviertel" erhielt die Auszeichnung der Stadt Bamberg überreicht - als "professionelles freies Theater".
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Nina Lorenz (2. v. r.) freut sich über den Kulturförderpreis der Stadt Bamberg, von OB Andreas Starke (r.) überreicht. Mit auf dem Bild die TiG-Urgesteine Heidi Lehnert und Stephan Bach.  Foto: Rudolf Görtler
Nina Lorenz (2. v. r.) freut sich über den Kulturförderpreis der Stadt Bamberg, von OB Andreas Starke (r.) überreicht. Mit auf dem Bild die TiG-Urgesteine Heidi Lehnert und Stephan Bach. Foto: Rudolf Görtler

Das E.T.A.-Hoffmann-Theater bis in den ersten Rang voll besetzt, was auch nicht immer der Fall ist, die Honoratiorendichte enorm: Das musste was sein. Es war die offizielle Preisverleihung des Kulturförderpreises der Stadt Bamberg am Mittwochabend. Und die war gemessen an vergleichbaren Gelegenheiten ungewöhnlich gut besucht. Ein Zeichen, wie sehr das "Theater im Gärtnerviertel" (TiG) in den fünf Jahren seiner Existenz sich in die kulturelle DNA einer nicht zu Unrecht so apostrophierten Kulturstadt eingefügt hat.

Worauf Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) in seiner Eröffnungsrede pflichtgemäß hinwies. Auf die "hohe Kulturdichte" der Stadt, die vielen Ehrenamtlichen, die "ganz viele Nischen" auch jenseits von Symphonikern, E.T.A.-Hoffmann-Theater - dass die Feier in eben jenem stattfand, ist eine nicht ganz unironische Volte - und Villa Concordia besetzten.

Nun sind die Protagonisten des TiG gewissermaßen Halb-Ehrenamtliche. Als "professionelles freies Theater" definierte später Nina Lorenz den Status der Schauspieler, Bühnenbildner, Regisseure, Techniker, Musiker (die jeweilige weibliche Form sei mitgedacht). Die gebürtige Darmstädterin ist eine der Gründerinnen des TiG. Im Herbst 2013 kam ihr zusammen mit dem Schauspieler und Rezitator Stephan Bach, beide ansässig im Gärtnerviertel, die zündende Theater-Idee. Warum auf einer festen Spielstätte beharren, warum nicht von Ort zu Ort schweifen und so "alltägliche Orte in Theaterbühnen verwandeln", wie es Starke ausdrückte?

Premiere im Bettengeschäft

Gedacht, getan. Nach der Vereinsgründung im April 2014 feierte das TiG die erste Premiere im Bettengeschäft Friedrich in der Oberen Königstraße. "Dreier" von Jens Roselt fügte sich gut ins Ambiente ein. Denn das ist der Gründungsgedanke des TiG: ungewöhnliche Spielorte suchen, die zum geplanten Stück passen, oder sich eine potenzielle Bühne ausgucken und dann die Dramenliteratur mental durchgehen ... Gespielt wird in Geschäftsräumen, open air natur- und namensgemäß in Gärtnereien, in Künstlerateliers, in Foyers, in Lagerhallen; die Fantasie der TiG-Leute, inzwischen um den harten Kern von Lorenz und Ehemann Werner, Bach und Heidi Lehnert auf eine Kohorte angewachsen, die die ganze Breite der Bühne des E.T.A.-Hoffmann-Theaters einnahm, kennt keine Grenzen, auch nicht die des Gärtnerviertels, denn inzwischen expandierte das TiG in die ganze Stadt. "Professionell" spielen sie in dem Sinne, dass sie in ihrem Beruf ausgebildet sind und davon leben können bzw. wollen. Allein von den TiG-Aktivitäten jedoch ist dies bislang nicht möglich.

"Die Sache mit dem Raum" griff auch Laudatorin Judith Aumüller-Kirchschlager auf, als "zentrales Alleinstellungsmerkmal" des TiG. Sie sah das Theaterspielen an ungewöhnlichen Orten in hautnahem Kontakt mit dem Publikum als "gelebte Quartiersentwicklung" und setzte das Modewort "Diversität", da jeder Zuschauer im TiG-Programm etwas für sich Inspirierendes finden könne. Nach ihrer geradezu dithyrambischen Hymne auf die Gruppe hätte man meinen können, das TiG habe die dramatische Kunst neu erfunden.

Was sicher nicht der Fall ist. Man könnte das dramaturgische Leitmotiv des TiG als "Unterhaltung mit Niveau" definieren, eine Alternative für all jene, die das Leid der Welt nicht unbedingt mit großem Ernst auf der Theaterbühne widergespiegelt sehen möchten. Was nicht heißt, dass im TiG-Programm nicht auch Raum wäre für Experimentelles, für Groteskes, für Zeitkritisches, für Jugendstücke. Man spürt auch, dass ein guter Geist in der Gruppe waltet - das ist die Persönlichkeit Nina Lorenz", die unaufgeregt, still und bescheiden die Fäden zieht. Und dabei sehr geschickt Geschäftsleute, die für manche Unbequemlichkeit mit Werbung entschädigt werden, und das lokale Honoratiorengeflecht mit einbezieht; die Gründung eines "Freunde"-Vereins vor vier Jahren ist ein Symptom dafür.

Meist ausverkauft

Auf 26 Produktionen in 26 Spielstätten hat es das TiG bisher gebracht und dabei etwa 25 000 Zuschauer in so gut wie immer ausverkauften Vorstellungen beglückt. Davon kann man ausgehen, denn die Kartenverkäufe entwickeln sich aus TiG-Sicht prächtig. Freilich herrscht trotz Sponsoren- und "Freunde"-Unterstützung kein ökonomisches Schlaraffenland. Der mit 7500 Euro dotierte Kulturförderpreis der Stadt, im jährlichen Wechsel mit dem E.T.A.-Hoffmann-Preis vergeben, wird daran nichts Entscheidendes ändern.

Dennoch dankte eine sichtlich gerührte Nina Lorenz in einer langen Rede allen TiG-Mitstreitern und -Förderern. Den Kulturreferenten der Stadt, Christian Lange, lud sie ein, sich auch einmal in einer Inszenierung des Theaters im Gärtnerviertel sehen zu lassen. Denn das habe der Vorsitzende der Jury, die über die Vergabe des Kulturförderpreises entschieden hat, bislang nicht getan.

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