Bamberg

Von der Anklage bleibt nur wenig

Eigentlich beginnt der Gleusdorf-Prozess komplett von vorne. Dennoch droht den Angeklagten wohl keine Verurteilung wegen Totschlags durch Unterlassen mehr. Die weitere Beweisaufnahme konzentriert sich auf zwei Vorwürfe.
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Auch die frühere Heimleiterin von Schloss Gleusdorf muss sich weiterhin vor dem Landgericht Bamberg verantworten. Foto: Matthias Hoch
Auch die frühere Heimleiterin von Schloss Gleusdorf muss sich weiterhin vor dem Landgericht Bamberg verantworten. Foto: Matthias Hoch

Die befürchtete Zeitschleife, in der sich die quälenden vier Monate Gleusdorf-Prozess noch einmal Punkt für Punkt wiederholen werden, wird es so nicht geben. Zwar ist wie Mitte Juli der Presseandrang am Landgericht Bamberg groß, und die Anklageschrift entspricht noch der damals verlesenen. Und doch steht dieser Prozess nun unter anderen Vorzeichen.

Denn Vorsitzender Richter Manfred Schmidt berichtet von einem Rechtsgespräch im Dezember, an dem unter anderem auch Oberstaatsanwalt Otto Heyder und die Verteidiger der drei Angeklagten teilnahmen. Damals stand schon fest, dass der Prozess wegen der längeren Erkrankung eines Beisitzenden Richters neu aufgerollt werden musste. Die Verfahrensbeteiligten waren sich unter dem Eindruck der bisherigen Beweisaufnahme einig, dass in einigen Anklagepunkten wohl alles auf einen Freispruch hinausläuft. "Wir haben bemerkt, dass eine ganze Reihe von Zeugen zu den angeklagten Fällen nichts beitragen konnte", sagt Schmidt. Gerade die schwerwiegendsten Vorwürfe, bei denen es im Fall eines 80-jährigen Heimbewohners um Totschlag durch Unterlassen und bei einer 74-Jährigen um versuchten Totschlag ging, ließen sich durch die bisherigen Aussagen nicht erhärten. Das gilt auch für den Faustschlag ins Gesicht eines weiteren Heimbewohners, der von Pflegedienstleiter Peter N. (alle Namen geändert) ausgegangen sein soll. Zu diesen Vorwürfen werden zwar erneut Zeugen befragt, aber der Schwerpunkt des Verfahrens liegt nun auf zwei weiteren Punkten, die bislang nur am Rande thematisiert wurden.

In einem Fall soll laut Anklage ein 69-Jähriger trotz schlechten Allgemeinzustands nicht in ein Krankenhaus verlegt worden sein, stattdessen habe N. ihm eine Spritze unbekannten Inhalts in den Bauch verabreicht. Wenig später sei der Mann gestorben. Im anderen Fall, um den es heute vor dem Landgericht gehen wird, hatten sich an den Händen eines 86-jährigen Heimbewohners krankheitsbedingt starke Wunden und Zellschädigungen gebildet - verbunden mit massiven Schmerzen.

Die Angeklagten hätten es laut Staatsanwaltschaft bewusst unterlassen, dem Bewohner wirksame schmerzlindernde Medikamente zu verabreichen. Stattdessen seien dem Mann Kompressen und Wundverbände angelegt worden, "damit den Angehörigen die drastische Verschlechterung des Krankheitsbildes und die durch eindringende Bakterien verursachte Zerstörung des Gewebes der Hände und der Fingernägel verborgen blieb".

"Vermeidbare Schmerzen"

Zwar habe die 60-jährige frühere Heimleiterin Angelika R. den damaligen Heimarzt Martin L. mit einem Handy-Foto über den besorgniserregenden Zustand des Bewohners informiert. Eine wirksame Bekämpfung der nahezu unerträglichen Schmerzen sei jedoch nicht erfolgt. Immer wieder habe eine Mitarbeiterin den Pflegedienstleiter N. gebeten, dem 86-Jährigen Betäubungsmittel zu besorgen oder ihn ins Krankenhaus zu bringen. Letzteres habe N. laut Anklage abgelehnt und der Pflegekraft schließlich geschrieben: "Macht ihn schön zurecht und lasst ihn in Ruhe sterben." Zwei Tage später wurde der Mann in ein anderes Heim verlegt, wo er zwei Wochen später starb. Den Angeklagten wird nun vorgeworfen, dass der Bewohner aufgrund der unzureichenden Medikation "über einen längeren Zeitraum ganz erhebliche und massive, vermeidbare Schmerzen" erleiden musste.

Schmidt machte deutlich, dass die Prozesswiederholung auch für das Gericht mit einem erheblichen Kraftakt verbunden sei. "Es macht niemandem Freude, so ein Verfahren noch einmal beginnen zu müssen, aber die Strafprozessordnung lässt uns keine andere Wahl." Zugleich unterstrich er, dass es für seine Strafkammer allein um die fünf von der Staatsanwaltschaft angeklagten Punkte gehe "und nicht um andere Dinge, die vielleicht irgendwann mal in Gleusdorf passiert sind".

Die Verteidiger wiesen für die Angeklagten erneut sämtliche Vorwürfe zurück. "Wir verwahren uns insbesondere gegen den Wortlaut der Anklage, nach dem meine Mandantin aus Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Heimbewohner gehandelt und sich als Herrin über Leben und Tod geriert habe", erklärte etwa Rechtsanwalt Alexander Seifert für die frühere Heimleiterin.

Die Verhandlung vor dem Landgericht wird heute um 9 Uhr fortgesetzt.

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