Bamberg
Ortstermin

Vollzug ohne Gefängnismauer ist das Problem

Thomas Vogt übernahm im September die Leitung des "Café Sandbad", der Bamberger Justizvollzugsanstalt. Er sagt, in einem zeitgemäßen Gefängnis an anderer Stelle wäre es leichter, die Menschenwürde der Insassen mit den Sicherheitsbedürfnissen zu vereinbaren.
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Aufschluss im Barockbau der Justizvollzugsanstalt Bamberg: Strafgefangene halten sich gerade auf dem Gang auf. Alle Fotos: Matthias Hoch
Aufschluss im Barockbau der Justizvollzugsanstalt Bamberg: Strafgefangene halten sich gerade auf dem Gang auf. Alle Fotos: Matthias Hoch
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Draußen scheint die Märzensonne, drinnen ist vom blauen Himmel nichts zu sehen. Der Raum ist dämmrig wie an einem Novembertag, weil die Fenster nur wenig Tageslicht hereinlassen: tiefe Mauernischen, Gitter, Lochblech und mattierte Scheiben sperren es aus.

Könnten die Bewohner dieser Zelle ins Freie schauen, hätten sie einen Traum-Blick auf die Häuser von Klein-Venedig, die Regnitz und den blauen Himmel, der sich an diesem Tag darüber spannt.



Die Lokalredaktion ist zu einen Ortstermin im "Café Sandbad", wie Einheimische gern zur Justizvollzugsanstalt in der Oberen Sandstraße sagen. Seit September ist Thomas Vogt dort der Chef. Ein Vollzug, der die Menschenwürde der Gefangenen wahrt und das Sicherheitsbedürfnis der Gesellschaft erfüllt, nennt er als zentrales Anliegen.


Bessere Lösung gesucht

Die Fensterkonstruktion im Barockbau findet er nur bedingt menschenwürdig. Gemeinsam mit dem Staatlichen Bauamt, das für den Bauunterhalt der JVA zuständig ist, sinnen Vogt und Mitarbeiter auf eine Lösung, die so sicher ist wie die jetzige, aber den Blick nach draußen nicht gänzlich versperrt.

Die Fenster führen Vogt und der stellvertretende Dienstleiter Georg Winkler als Beispiel für die speziellen Probleme an, die der Strafvollzug in einem historischen Komplex mitten in der Altstadt mit sich bringt.

In einem Neubau hätten Häftlinge normal vergitterte Fenster, "weil nach fünf Metern die Anstaltsmauer kommt". Bambergs Gefängnis dagegen grenzt direkt an Privathäuser und öffentliche Straßen. Der Weg in die "Freiheit” wäre für potenzielle Ausbrecher denkbar kurz.

Einem Ersatzneubau an anderer Stelle, wie ihn die politische Spitze Bambergs kürzlich in einem Brief an die Staatsregierung vorgeschlagen hat, stehen unsere Gesprächspartner durchaus positiv gegenüber.

Vogt wusste, als er nach Bamberg kam, von diesen Überlegungen. Überrascht hat ihn der Zeitpunkt, zu dem sie öffentlich wurde.

Dass man sich im Rathaus für die staatliche Immobilie zwischen Fluss und Elisabethenkirche, und damit in schönster Altstadtlage, auch eine andere Nutzung vorstellen kann, wundert ihn nicht. Der Gefängnis-Standort liegt heute mitten im Welterbe. Der Titel ist freilich erst 20 Jahre alt, die Anstalt an dieser Stelle gibt es seit Mitte des 18. Jahrhunderts.

Der Gebäudekomplex wurde seither vielfach an- und umgebaut und modernisiert. Einem zeitgemäßen Vollzug entspricht er dennoch nicht, weder in Ausstattung noch Lage. Das ist eines der Hauptprobleme, mit dem sich unsere Gesprächspartner konfrontiert sehen.

Die Zellenfenster im Barockbau sind so dicht, weil man jede Kommunikation zwischen Insassen und Passanten am Leinritt unterbinden und verhindern will, dass Handys, Drogen oder andere Dinge ins Haus gelangen.

Außerdem vermeidet man so Ärger mit den Bewohnern von Klein-Venedig: Sie waren früher oft Zielscheibe beleidigender Kommentare, als Häftlinge noch freien Blick auf die Häuser und Gärten jenseits der Regnitz hatten.

Im ältesten Teil der JVA befinden sich zugleich die meisten der 185 Haftplätze für Männer. 110 sind in dem riesigen gelb gestrichenen Barockbau untergebracht, vorwiegend in Mehrbett-Zellen.

Davon gibt es in Bamberg noch viel zu viele, sagen Vogt und Winkler. Wünschenswert wäre ein Verhältnis von Mehrbett- und Einzelhafträumen von 50:50; tatsächlich liege es bei 80:20.

Bis zu sechs Mann in einer Zelle

Die größten Räume müssen sich bis zu sechs Männer teilen. Auf fünf Quadratmeter hat jeder Häftling nach dem Gesetz Anspruch. Auch wenn diese Vorgabe laut Vogt eingehalten wird: Das erzwungenen Miteinander ist eine Herausforderung für die Häftlinge wie auch für das Personal.

"Unser Leben wäre viel einfacher, wenn wir mehr Einerzellen hätten", stellt Winkler fest. Seine Begründung: "Wo nicht drei, vier oder fünf zusammen sind, gibt's abends keine Schlägereien." Soweit Konfliktpotenzial zu erkennen ist, beugt man vor. Raucher werden beispielsweise nicht zu Nichtrauchern gelegt.

Einzelhafträume, die nach dem Gesetz der Standard sein sollten, werden in Bamberg vorrangig den Untersuchungshäftlingen zugewiesen. Sie befinden sich überwiegend in den jüngeren Gebäuden, die aber auch nicht neu sind, sondern aus den 1960er Jahren stammen.

Immerhin: Dort gehen die Fenster zum Innenhof, die Bewohner auf Zeit können - wenn auch durch Gitterstäbe hindurch- den Himmel sehen und ordentlich lüften.

Überall in der JVA geht es verwinkelt und beengt zu. Für den täglichen Hofgang von über 200 Menschen steht nur ein kleines Karree im Schatten der Kirche St. Elisabeth zur Verfügung. Es fehlt auch drinnen an Aufenthaltsräumen.

Es gibt keine Sporthalle, die den Namen verdient. Man behilft sich: Unter dem ausgebauten Dach des Barockbaus können Gefangene unter Aufsicht Tischtennis und Kicker spielen. Auch die Kapelle dient außerhalb der Gottesdienste als Gruppenraum.

Hinauf führt ein riesengroßes Treppenhaus, zu dessen Ausmaßen Vogt anmerkt: "Da ist Raum, den wir woanders gut brauchen könnten." -

Besuch aus dem Ministerium

Am 17. April erwartet man eine Delegation aus dem Bayerischen Staatsministerium der Justiz und für Verbraucherschutz sowie der Obersten Baubehörde im "Café Sandbad". Der Besuch erfolgt nach Auskunft eines Ministeriumssprechers "vor dem Hintergrund der geäußerten Wünsche nach einem Ersatzneubau".

Man wolle sich vor Ort ein Bild von der Lage machen. Bislang heißt es aus dem Haus von Staatsministerin Beate Merk, der Handlungsbedarf in anderen JVA sei größer und man schon in einer Reihe von Bauvorhaben gebunden.

Gleichwohl antwortete sie kürzlich den Landtagsabgeordneten Melanie Huml und Heinrich Rudrof (beide CSU), dass ein anderer Standort mit Außenmauer "durchaus wünschenswert" wäre.

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