Baunach
Verkehr

Visionen von der Mobilität

Wie wird der Nahverkehr von übermorgen aussehen? Drei Referenten haben beim Mobilitätsgipfel des Landkreises Möglichkeiten und Grenzen der Innovation aufgezeigt - auch unsere Forderungen zum ÖPNV im Landkreis wurden diskutiert.
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Mit Hilfe von Digitalbrillen konnten Besucher in virtuelle Visionen zum autonomen Verkehr ohne Parkplätze eintauchen - hier Landrat Johann Kalb. Foto: Sebastian Schanz Visualisierung:Wideshot
Mit Hilfe von Digitalbrillen konnten Besucher in virtuelle Visionen zum autonomen Verkehr ohne Parkplätze eintauchen - hier Landrat Johann Kalb. Foto: Sebastian Schanz Visualisierung:Wideshot

Wie schnell und unbarmherzig der technische Fortschritt sein kann, hat David Akinjise am eigenen Leib erfahren. Er war Anfang des neuen Jahrtausends bei Nokia beschäftigt, dem damaligen Marktführer für Handys. "Als Apple sein iPhone vorgestellt hat, wurde die Entwicklung im Vorstand belacht." Doch das Lachen blieb den Verantwortlichen bald im Halse stecken. Nur wenige Jahre später war Nokia am Ende - und Apple der Platzhirsch.

Auch derzeit sieht der Gründer der Zukunftsschmiede "The New Now GmbH" einen Technologiewandel im Gange - bei der Mobilität.

Familien, die sich in autonom steuernden Autos während der Fahrt die neuesten Kinofilme reinziehen; Innenstädte, die ihr grünes Wunder erleben, weil Parkplätze in Parks umgewandelt werden; Roboterdrohnen als Paketboten und Flugtaxis für Jedermann: Im wahrsten Sinne abgehoben waren die Visionen vom Verkehr der Zukunft, die am Donnerstagabend beim Mobilitätsgipfel des Landkreises in Baunach vorgestellt wurden. Die aufwendigen, knalligen Präsentationen der drei Referenten wirkten auf die rund 70 Besucher wie eine dreistündige Gehirnwäsche - irgendwo im Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Science-Fiction.

Das war durchaus gewollt. "Es geht heute nicht darum, die derzeitige Mobilität zu beschreiben", erklärte Landrat und Gastgeber Johann Kalb (CSU). Sich von bekannten Denkmustern lösen und sich auf Innovation einlassen, das war die Herangehensweise. So zeigte Oliver Bertram vom Wiener Thinktank Wideshot, wie viel Freiraum eine Stadt erhält, wenn es keine Parkplätze mehr braucht, weil die autonom fahrenden Gemeinschaftsautos außerhalb der Stadt warten (eine Vision, die wir noch näher vorstellen wollen). Und Akinjise verdeutlichte die moralischen Konflikte, die technische Innovationen mit sich bringen - von der digitalen Gesichtserkennung bis zur künstlichen Intelligenz am Lenkrad.

Fragen zum ÖPNV im Kreis

Trotz oder auch wegen so viel theoretischer Höhenflüge, brachten die Fragesteller aus dem Landkreis die anschließende Diskussion im Baunacher Bürgerhaus schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: "Im Intermodalen Mobilitätskonzept spielen diese Dinge, die wir heute gehört haben, von Robotik bis zum autonomen Fahren, überhaupt keine Rolle", sagte Thomas Ochs von den Grünen Bamberg-Land. Verkehrsplaner Markus Hammrich aus dem Landratsamt widersprach: Das autonome Fahren werde dort aufgegriffen, wenn auch am Rande.

Der Verkehrsplaner hatte selbst eine Frage an die Experten. "Spielen Verkehrsverbünde wie der Nürnberger künftig noch eine Rolle?", wollte Hammrich wissen. "Das ist eine Frage des Überlebens. Wenn sich die Anbieter der öffentlichen Verkehrsverbände öffnen und in digitale Gesamtsysteme und Apps integrieren, haben sie große Überlebenschancen", meinte Bertram. "Die Kernfrage ist: Wie können wir es schaffen, dass Menschen ihr Mobilitätsverhalten ändern", erklärte Akinjise. Auch für Bertram ist der ÖPNV eine Chance. "Für die Bürger ist das Umsteigen eine große Hürde, die erschwert wird durch die fehlende Kompatibilität der einzelnen Angebote." Dafür erhielt der Wiener spontanen Applaus.

Regionaler Busbahnhof im Fokus

Nach Fragen zum Datenschutz in öffentlichen Roboterfahrzeugen griffen die Besucher auch die Forderungen des Fränkischen Tages auf, die im Rahmen der ÖPNV-Serie entstanden waren. Thomas Ochs wollte vom Landrat wissen, wie es in Sachen Regionaler Busbahnhof weitergehen könne. "Sobald wir die Möglichkeit haben, könnten wir morgen beginnen", antwortete Kalb. Doch die Stadt müsse das Grundstück von der Bahn erst bekommen. "In der Tat ist der ROB der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Aufwertung des öffentlichen Nahverkehrs."

Kommentar des Autors:

Von Carl Benz und seinen ersten Einzylinder-Zweitaktern bis zu menschenzermalmenden Maschinen in "Terminator 3": Die Besucher gerieten in Baunach in einen Strudel aus Information und Unterhaltung. Da wurde der Bogen gespannt und überspannt - von der Gesichtserkennung im autonomen Auto bis zur chinesischen Sozialschikane und zur kniffligen Frage: Kann ich mit meiner Freundin im Roboterauto an einem Feldweg Halt machen? Die drei Stunden dauernden Vorträge waren eine Grenzerfahrung irgendwo zwischen "Star Wars" und "Knight Rider". Unmöglich, die einzelnen Inhalte in Form eines Artikels seriös zusammenzufassen. Alles Schmarrn also?

Nein, im Gegenteil: Es war spannend, sich mit Zukunftsvisionen berieseln zu lassen. Es hat gezeigt: Es lohnt sich, übliche Denkmodelle zum Verkehr zu sprengen. Vorreiter sein kann auch ein Landkreis, dafür braucht's zur Zeit weder Flugtaxis noch Raumschiffe. Ein Regionaler Busbahnhof, das wäre doch auch schon was.

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