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Immobilien

Verfall in der Oberen Sandstraße: Kaufen statt enteignen

Wie soll es mit dem Gebäude Obere Sandstraße 20 weitergehen? Der Investor will nur nach einem Teilabriss sanieren. Nun möchte die Stadt die Immobilie erwerben und selbst tätig werden.
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Die Bamberger Linke Liste (Bali) spielt mit ihrem Transparent auf eine mögliche Enteignung des Investors an. DerOberbürgermeister will sich lieber mit dem Investor auf einen realistischen Kaufpreis einigen. Dieser soll durch ein Verkehrswertgutachten ermittelt werden. Foto: Bali
Die Bamberger Linke Liste (Bali) spielt mit ihrem Transparent auf eine mögliche Enteignung des Investors an. DerOberbürgermeister will sich lieber mit dem Investor auf einen realistischen Kaufpreis einigen. Dieser soll durch ein Verkehrswertgutachten ermittelt werden. Foto: Bali
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Ein denkmalgeschütztes Anwesen aus dem 14. Jahrhundert ist zu einem bröckeligen, von Holzbalken gestützten Schandfleck mitten im Welterbe geworden. Da überrascht die Forderung des Linken-Stadtrats Heinrich Schwimmbeck nicht, den Eigentümer der Immobilie Obere Sandstraße 20 zu enteignen. Es muss aber schon einiges im Argen liegen, bis auch ein FDP-Politiker Enteignung als legitimes Mittel in Betracht zieht - wenn auch nur "als letzte Konsequenz", wie Martin Pöhner betont. In einem Antrag setzt der FDP-Stadtrat zunächst auf konsequentes Vorgehen gegenüber dem Investor "German Property Group". Der steht im Verdacht, das Anwesen aus Spekulationsgründen verfallen zu lassen. Zu einer Enteignung wird es wohl nicht kommen: Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) setzt auf neue Kaufverhandlungen. Den Preis soll ein von beiden Seiten finanziertes Verkehrswertgutachten bestimmen. Zudem soll in der nächsten Sitzung des Bausenats über eine generelle Sanierungspflicht für Investoren beraten werden.

"Mein Eindruck ist: Der Investor spielt auf Zeit", sagt Pöhner. Das Unternehmen hatte im Januar einen Antrag auf Abriss des rückseitigen Gebäudeteils gestellt. Nur deshalb untersuchten die von der Stadt beauftragten Gutachter überhaupt die Immobilie - und stellten fest, dass das Rückgebäude nur bedingt, das Vorderhaus aber akut einsturzgefährdet ist. Der Grund: Der Voreigentümer hatte tragende Gebäudeteile entfernen lassen. Die Folgen: Der Kellerclub "Sound 'n Arts", musste schließen, die Kneipe "Stilbruch" auf ihren Innenhof verzichten, das THW notsichern und für die Sandkerwa musste eine zusätzliche Sicherung angebracht werden.

Die Kosten für die Stützkonstruktion übernahm bisher die Stadt, sie sollen dem Investor aber laut OB "vollumfänglich in Rechnung gestellt werden." Pöhner fordert zusätzlich eine Entschädigung für den Betreiber der Kneipe "Stilbruch", die ebenfalls die German Property Group bezahlen soll. "Uns ist klar, dass etwas passieren muss", sagt auch Monika Schröder von der Marketing-Firma Creative Clou, die die Pressearbeit für die German Property Group übernimmt. Die Außenfassade im Sand wolle der Eigentümer erhalten, doch ohne einen Teilabriss einsturzgefährdeter Gebäudeteile sei eine Sanierung nicht wirtschaftlich. Der Investor plant Gewerberäume in den unteren und Wohnungen in den oberen Geschossen.

"Wenn die Stadt meint, das wirtschaftlich ohne Abriss hinzukriegen, sind wir gesprächsbereit." Bisher habe es aber an einer gemeinsamen Basis gefehlt. Das liegt laut Stadt an "völlig unrealistischen Preisvorstellungen." Der Oberbürgermeister spricht von "Mondpreisen", Baureferent Thomas Beese konkreter vom etwa dreifachen Marktwert. "Das Angebot gab es", bestätigt Schröder. Man sei jedoch für ein gemeinsames Verkehrswertgutachten bereit. "Die Stadt hat aber bisher auf einem Gutachter beharrt, mit dem wir nicht so gute Erfahrungen gemacht haben." Stadtsprecherin Ulrike Siebenhaar widerspricht: "Bisher hat der Investor ein Verkehrswertgutachten rundweg abgelehnt. Wir freuen uns aber, dass es dazu jetzt kommen soll und sind uns sicher, dass wir einen Gutachter finden, der für beide Seiten gut ist."

Wie unabhängig von den Kaufpreisverhandlungen ein "kommunales Sanierungsgebot" aussehen soll, will die Stadt erst im Bausenat diskutieren. "Wir wollen uns noch nicht so in die Karten schauen lassen", erklärt Siebenhaar. Auch der Investor scheint mit verdecktem Blatt zu spielen. Die Schutzgemeinschaft Alt-Bamberg hat kürzlich eine Online-Petition gestartet, mit der sie den Investor zur Sanierung nicht nur des Gebäudes in der Oberen Sandstraße 20, sondern auch der - ebenfalls verfallenden - Immobilie Untere Königsstraße 13/15 bringen will. "Die gehört nicht der German Property Group", sagt die Firmensprecherin. "Die German Property Group GmbH steht unverändert als Eigentümer im Grundbuch. Es hat lediglich eine genehmigungsfreie Namensänderung der Eigentümergesellschaft stattgefunden", sagt Siebenhaar dazu.

Hinweis: Für Freitag um 16 Uhr ist eine Protestkundgebung vor dem Gebäude Obere Sandstraße 20 geplant.

Kommentar: Welterbe blickt nach Thüringen

Bamberg ist nicht die einzige Stadt, die sich mit fragwürdigen Investoren-Methoden auseinandersetzen muss. In Thüringen gab es einen Präzedenzfall: Das Bundesland strebte erstmals ein Enteignungsverfahren wegen Denkmalschutzes an. Das Schloss Reinhardsbrunn, um das es ging, wechselte häufig den Besitzer und wurde mit Hypotheken belastet, wohl um Geld herauszuziehen. Für Schutzmaßnahmen vor dem Totalverfall musste immer wieder die Gemeinschaft aufkommen, weil sich die Investoren weigerten. Doch im Frühjahr 2019 bekam Thüringen Recht. Kaufpreis: Ein Euro. Wenn sich also das nächste Mal ein Investor im Welterbe vor seinen Eigentumspflichten drücken will, lohnt sich ein Blick auf das Schloss im Nachbarland.

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