LKR Kitzingen
Zeitgeist

Verdummen wir?

Ein Feuerwehrmann will die Menschen wachrütteln. "Wir sind dabei, Grundfähigkeiten zu verlieren. Wir befinden uns in einer wirklich gefährlichen Situation."
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Wie geht Überleben 4.0? Markus Ungerer, Feuerwehrkommandant, Autor und Redner, hat sich profunde Gedanken gemacht, wie man dem gesunden Menschenverstand (wieder) auf die Sprünge helfen kann.Diana Fuchs
Wie geht Überleben 4.0? Markus Ungerer, Feuerwehrkommandant, Autor und Redner, hat sich profunde Gedanken gemacht, wie man dem gesunden Menschenverstand (wieder) auf die Sprünge helfen kann.Diana Fuchs
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D ie Menschheit wird immer unfähiger, sich selbst zu helfen." Der Mann, der das sagt, ist professioneller Helfer in der Not. Seit den 80er Jahren ist er aktiver Feuerwehrmann. Heute, als Kommandant der FFW Kitzingen, begegnet Markus Ungerer noch immer Mitmenschen, bei denen es brennt - oder halt auch nicht.

Ungerer sagt: "Wir werden nachts um drei Uhr zu Leuten bestellt, die ihren Hauptwasserhahn nicht zudrehen können. Es wird immer schlimmer." Egoismus und Unkenntnis bilden eine gefährliche Symbiose, findet der 51-Jährige. Gegen diese Symbiose will er anschreiben und ansprechen. "Denn wenn wir nichts tun, wenn die Entwicklung so weitergeht, verlernt die 'Krone der Schöpfung', wie das echte Leben funktioniert."

Schon in den 90er Jahren veröffentlichte Ungerer Artikel in Fachzeitschriften, Fachbücher über den Themenkomplex Brandschutz sowie auch Kinderbücher und Krimis - bei Letzteren wird natürlich mit Feuer gemordet. Zu Beginn des neuen Jahrtausends begann er, Vorträge auch außerhalb der Feuerwehrwelt zu halten. Mittlerweile hat er seine Vortragstätigkeit professionalisiert. Mit "Überleben 4.0" bietet er quasi Lebenshilfe an. In einer Zeit, in der die Abhängigkeit von Technik immer mehr zunimmt und gleichzeitig das eigenverantwortliche Handeln "aus der Mode zu kommen scheint", will Ungerer den Menschen Mut machen. Mut, wieder sachbezogen und zügig Entscheidungen zu treffen "und nicht nur auf Geld, Macht und Wählerstimmen zu schielen". Dafür kämpft er an drei Fronten gleichzeitig: als aktiver Feuerwehrmann, Autor und Redner.

Der Stadtbrandinspektor nennt konkrete Beispiele für die Veränderungen in der Gesellschaft, die er anprangert. Nach einem Starkregen erlebte er Folgendes: "Wir waren per Notruf alarmiert worden. Und was kriegen wir zu sehen: Vater und Sohn sitzen im Wohnzimmer vor dem Fernsehgerät - und die Mutter kämpft im Keller erfolglos mit ein paar Eimerchen gegen das Hochwasser. Ich habe gedacht, ich seh' nicht richtig." Ungerer wusch den Männern den Kopf und brach den Einsatz ab.

Andernorts wurde das Team ebenfalls wegen einer Überflutung gerufen. "Eine Rohrleitung war geplatzt, direkt am Gewinde. Die Überschwemmung hätte ganz einfach vermieden werden können, wenn jemand mal den Hauptanschluss zugedreht hätte." Offensichtlich wusste aber keiner der Bewohner, dass es einen solchen gibt beziehungsweise wo er sich befindet. "Es ist unfassbar", sagt Markus Ungerer dazu, "aber heutzutage ist die Ignoranz unglaublich. Ständig wird erwartet, dass schon irgendjemand da ist, der's richtet. Die Leute rufen die 112 wegen nichts und wieder nichts an!"

Tatsächlich steigen die Einsatzzahlen der Rettungskräfte. Die Integrierte Leitstelle in Würzburg, zuständig für die Stadt und den Landkreis Würzburg sowie die Landkreise Main-Spessart und Kitzingen mit einer halben Million Einwohnern, listet für das Jahr 2012 115.300 Rettungsdienst- und gut 4.700 Feuerwehrfahrten auf. Im vergangenen Jahr waren es über 128.200 Rettungsdienst- und 5.200 Feuerwehreinsätze.

Christine Feldbauer, Geschäftsführerin des Zweckverbands für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Bamberg-Forchheim, berichtete Ähnliches. "Die Notrufzahlen steigen seit Jahren, von 100.880 im Jahr 2012 auf 110.900 im vergangenen Jahr. Das hat verschiedenste Gründe. Längst nicht alle Anrufer melden einen echten Notfall." Seit Jahren höre sie bei den Verbandssitzungen immer Dasselbe, sagt Feldbauer: "Die Bandbreite, weshalb die Leute anrufen, ist riesig. Beim Sturm am letzten Wochenende meldeten sich etliche Anrufer zum Beispiel wegen hochgedrückter Gullideckel." Solche Kleinigkeiten sind das Eine. "Manche Anrufer haben aber auch richtig schlimme psychische Krisen."

... und der Nachbar schaut zu

Woran das liegt, dass der Notruf einerseits wegen Lappalien blockiert und andererseits mit heiklen seelischen Krankheiten konfrontiert wird? Markus Ungerer sieht einen Grund in der "schrumpfende Empathie" für die Mitmenschen. "Nachbarschaftshilfe stirbt vielerorts aus", meint der Stadtbrandinspektor. "Bei einem Überflutungseinsatz hat sich der Nachbar hingestellt und gegafft. Und ungefragt zum Besten gegeben, dass bei ihm so etwas nicht passieren könnte, er habe einen eigenen Ablaufschacht." Eine halbe Stunde später sei es für just diesen Nachbarn sehr peinlich geworden. "Plötzlich stand sein Keller auch unter Wasser. Er hatte vergessen, den Abfluss aufzudrehen."

Nicht nur Erschließungsanlagen stellen manche Menschen offenbar vor unlösbare Probleme. "Wir hatten in jüngster Zeit Einsätze, weil Leute einen Grill mit in die Wohnung genommen haben; die haben sich tatsächlich über die Rauchvergiftung gewundert. Andere wussten nicht, dass man ab und zu mal den Fettfilter im Dunstabzug reinigen muss, weil er sonst Feuer fangen kann. Wieder andere haben sich blind aufs Navi verlassen und endeten in einem Graben." Markus Ungerer schüttelt beim Erzählen den Kopf: "Man hat das Gefühl, dass die Menschen kein überliefertes Wissen mehr haben."

Ungerer fragt sich oft, wohin das alles führen wird. Was wird passieren, wenn die Menschheit sich immer mehr der Technik anpasst statt, wie früher, ihrer jeweiligen Umwelt? Was wird mit Menschlichkeit, Achtung, Aufmerksamkeit geschehen? Und mit der Selbstverantwortung jedes Einzelnen? "Wir agieren ganz oft viel zu bürokratisch. Wenn etwas passiert, heißt es sofort: 'Das hat mir keiner gesagt'." Aber muss einem denn wirklich alles explizit gesagt werden?

Solche Überlegungen veranlassten Markus Ungerer dazu, ein "Plädoyer für sicheres Handeln" zu erarbeiten, einen Impulsvortrag. "Charles Darwin war mir in den Sinn gekommen: Nicht der Intelligenteste oder der Stärkste überlebt, sondern der, der sich am besten an Veränderungen anpassen kann." In diesem Sinn begann der Feuerwehrmann Anfang 2017, "Überleben 4.0 - wird Darwin gewinnen?" zu schreiben. Das Werk wurde zu einer Art "Zehn Gebote fürs echte Leben".

"Ich will niemanden belehren, sondern vielmehr zum Nachdenken anregen", sagt der schreibende Feuerwehrkommandant. Mit Humor versucht der Redner Ungerer, seine Zuhörer zum "Führen durchs Feuer" zu befähigen, ihnen Mut zu machen, Entscheidungen zu treffen. Und selbst zu denken. Markus Ungerer findet, dass es höchste Zeit ist, die Gesellschaft aufzurütteln. "Wir sind dabei, Grundfähigkeiten zu verlieren, die Jahrtausende lang überliefert wurden. Wir befinden uns in einer wirklich gefährlichen Situation."

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