Bamberg
Adventskalender

Unschuldige Opfer der Flammen

Am 6. August 1628 starb Johannes Junius auf dem Scheiterhaufen. Der Bürgermeister war einer von vielen Unschuldigen, die wegen Hexerei angeklagt waren.
Artikel drucken Artikel einbetten
Das Malefizhaus wurde 1627 von Fürstbischof Fuchs von Dornheim als Hexengefängnis erbaut, um vermeintliche Hexen und Zauberer gefangen zu halten und zu foltern.  Foto: Wikimedia Commons
Das Malefizhaus wurde 1627 von Fürstbischof Fuchs von Dornheim als Hexengefängnis erbaut, um vermeintliche Hexen und Zauberer gefangen zu halten und zu foltern. Foto: Wikimedia Commons
+1 Bild
von Annina Baur

Brennende Scheiterhaufen. Schon der bloße Gedanke daran lässt uns heute fassungslos erschaudern. Es gibt in der Frühen Neuzeit viele schreckliche Strafen; bei lebendigem Leib zu verbrennen, gehört zu den qualvollsten. Langsam fängt das Holz Feuer, die Opfer erleiden unmenschliche Schmerzen, weil der entstehende Qualm nicht ausreicht, um sie bewusstlos zu machen.

Unter den Fürstbischöfen Johann Gottfried von Aschhausen und Johann Georg II. Fuchs von Dornheim erreicht die Hexenverfolgung in Bamberg zu Beginn des 17. Jahrhunderts ihren grauenvollen Höhepunkt. Allein zwischen 1628 und 1631 werden in der Domstadt zusätzlich zu den 37 bereits im Jahr 1627 Inhaftierten 196 Bewohner wegen Hexerei gefangen genommen - was fast zwei Prozent der Bevölkerung der Stadt entspricht. Einer von ihnen ist Johannes Junius.

Der ehemalige Bürgermeister der Stadt stirbt am 6. August 1628 auf dem Scheiterhaufen. Kurz zuvor schreibt er einen Brief an seine Tochter Veronika, um sie zu warnen und ihr zu raten, aus dem Hochstift zu fliehen. Obwohl der Brief wohl nie die Empfängerin erreicht, scheint sie geflohen und mit dem Leben davongekommen zu sein - es gibt keinen Hinweis auf einen Prozess gegen sie oder ein anderes Mitglied der Familie Junius. Das Dokument ist ein wichtiges Zeugnis: "Es ist eine der wenigen Quellen, in denen ein Opfer selbst berichtet, was einen ganz anderen Blick auf die Hexenverfolgung ermöglicht als die oft sehr formalisierten Prozessakten", weiß Stadtführerin Rosa Karl.


Etwas erdichten

Im Brief versucht Johannes Junius seiner Tochter zu erklären, warum er, ein Unschuldiger, sich dazu bekennt, Hexer zu sein: "Unschuldig bin ich in das Gefängnis gekommen, unschuldig bin ich gefoltert worden, unschuldig muss ich sterben. Denn wer in dieses Haus kommt, der muss ein Hexer werden, oder er wird so lange gefoltert, bis er etwas erdichten muss", schreibt Johannes Junius. Ihm wird der Daumenstock angelegt und beide Hände zusammengebunden, bis das Blut zu den Nägeln und überall sonst herausdringt, berichtet er.

Und das ist noch nicht das Schlimmste: "Danach hat man mich erst aufgezogen, die Hände auf den Rücken gebunden und mich in der Folter in die Höhe gezogen. Da dachte ich, Himmel und Erde gingen unter. (...) Und dies ist alles splitternackt geschehen", vertraut er seiner Tochter an. Rosa Karl erklärt: "Der Brief ist ein Beispiel dafür, dass in Bamberg die durchaus existenten Regeln für die Anwendung der Folter gebrochen wurden. Üblicherweise wurden Beschuldigte, die eine gewisse Anzahl an Folterungen ohne Geständnisse überstanden hatten, als unschuldig entlassen."

Nicht so in Bamberg: "In der Stadt wurde so exzessiv gefoltert, bis irgendwann fast jeder gestand." Johannes Junius wird klar, dass er die Untersuchung nicht überstehen wird. Sein Henker bekniet ihn: "Herr, ich bitte Euch, um Gottes Willen, bekennt etwas, sei es nun wahr oder nicht! Denkt Euch etwas aus, denn Ihr könnt die Marter nicht ausstehen, die man Euch antut. Und wenn Ihr sie auch alle aussteht, so kommt Ihr doch nicht frei, selbst wenn Ihr ein Graf wäret, sondern es folgt eine Folter auf die andere, bis Ihr sagt, Ihr seid ein Hexer, und bis Ihr etwas bekennt."


Andere denunziert

Letztlich "gesteht" Junius auch das Erwartete, um die Folter zu beenden, die er "unmöglich länger hätte ausstehen können", wie er seiner Tochter schreibt. Er behauptet, dass er in einem schwachen Moment von einer Frau verführt worden sei, die sich danach als Dämon entpuppte und ihm mit dem Tod gedroht habe, wenn er nicht Gott verleugne. Er gibt an, einen Hexensabbath und Schwarze Messen besucht und die Hostie entweiht zu haben.

Außerdem denunziert auch er andere Bürger: "Ob ich niemanden in der Burg wüsste, es sei egal wer, ich mich weiter nach allen Gassen befragt, doch ich habe nichts mehr sagen wollen noch können. Da haben sie mich dem Henker übergeben, er sollte mich ausziehen, mir die Haare abschneiden und mich auf die Folter ziehen. Der Schelm weiß jemand auf dem Markt, er geht täglich mit ihm um und will ihn nicht nennen. Damit haben sie den Dietmeyer gemeint, also habe ich ihn auch nennen müssen."

Die Stadtkennerin berichtet: "Da die Geständnisse bei allen Hinrichtungen, die sich in Bamberg üblicherweise auf dem Schönleinsplatz vollzogen, öffentlich vorgelesen wurden, wussten die Beschuldigten, was es zu gestehen galt." In Bamberg ist dies ein ganz schwarzes Kapitel der Geschichte: "Der Bischof Fuchs von Dornheim und sein Weihbischof glaubten an Hexen und bezeichneten deren Verfolgung als schreckliches, aber notwendiges Werk." Brisant: "Die Opfer mussten ihre Prozesse selbst bezahlen, die Hexenkommissare wurden zu Miterben der Opfer."


Brandmal als Erinnerung

Auch das erklärt, warum die Hexenverfolgung in Bamberg so viele Mitglieder einflussreicher Ratsfamilien wie Johannes Junius traf. Jeder zehnte Bamberger, insgesamt etwa 1000 Menschen, wird damals Opfer der Hexenverfolgung. An sie erinnert heute ein Brandmal hinter dem Geyerswörther Rathaus - eine Skulptur, von deren Oberfläche rund ein Zehntel ausgebrannt wurde. Ihnen allen seien die Worte gewidmet, mit denen sich Johannes Junius von seiner Tochter verabschiedet: "Du darfst darauf schwören, dass ich kein Hexer, sondern ein Märtyrer bin, der hiermit stirbt. Tausendmal gute Nacht, denn dein Vater Johannes Junius sieht dich nimmermehr."

Die Türen in die Bamberger Geschichte öffnen wir dieses Jahr mit unserem Adventskalender im FT. Die einzelnen Folgen entstammen dem Buch "Was Bamberg prägte", das im Verlag Bast Medien in Kooperation mit dem Fränkischen Tag erschienen ist. Es hat 192 Seiten, kostet 14,90 Euro (ISBN: 978-3-946581-21-5) und ist erhältlich in der Geschäftsstelle des FT, in Buchhandlungen und online unter www.bast-medien.de. Am 15. Dezember um 18 Uhr laden wir zur Buchvorstellung mit Eva-Maria Bast ins Verlagsgebäude, Gutenbergstraße 1 ein und bitten um telefonische Anmeldung unter 0800/5005080. red
Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren