Gaustadt
Beitragszuschuss

Umstrittener Kinderbonus: Werden Frankens Kitas günstiger um jeden Preis?

Dank einer neuen Regelung sparen Frankens Familien bald bis zu 100 Euro beim Kitabesuch ihrer Kinder. Eigentlich sollte das Gesetz schon ab April umgesetzt werden. Deswegen sehen Verbände die Förderung aber nicht kritisch - sondern aus Qualitätsgründen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Lilly und Karl Gümpel aus Bamberg freuen sich über den 100 Euro-Zuschuss. Experten sehen die Beitragssenkung kritisch. Ronald Rinklef
Lilly und Karl Gümpel aus Bamberg freuen sich über den 100 Euro-Zuschuss. Experten sehen die Beitragssenkung kritisch. Ronald Rinklef

Es ist 8.20 Uhr, Karl Gümpel bringt seine Tochter Lilly in die Kita, wie fast jeden Morgen. Seit Anfang des Jahres besucht die Dreijährige die Entengruppe des Kindergartens St. Sebastian im Bamberger Stadtteil Gaustadt. Sie kommt gerne, auch weil sie hier schon viele Freunde gefunden hat. Bald sind Sommerferien, dann hat die Kita zwei Wochen geschlossen. Danach darf sich Familie Gümpel aber über ein Geldgeschenk aus der Staatskanzlei in München freuen: Lillys Kita-Besuch ist dann 100 Euro billiger als bisher.

Ab diesem Jahr sollen Familien, deren Nachwuchs den Kindergarten besuchen, einen monatlichen Zuschuss von 100 Euro bekommen. Bisher förderte der Freistaat lediglich das letzte Kindergartenjahr. Alleine in Franken werden laut Sozialministerium mehr als 114 000 Kinder von der neuen Regelung profitieren. Das gilt für alle Kinder, die einen staatlich geförderten Kindergarten besuchen.

Gut für die Eltern: Sie müssen nichts weiter tun, das Geld bekommen sie indirekt über die reduzierten Beiträge gutgeschrieben. Der Freistaat überweist das Geld an die Kommunen, die es an die Träger der Kitas weiterreichen. Letztere sind verpflichtet, die Eltern auf die Reduzierung der Beiträge hinzuweisen.

Schon früh im Jahr haben die Gümpels wie so viele andere Eltern den Brief mit der frohen Botschaft erhalten. Aber: Kinder, die wie Lilly heuer drei Jahre alt geworden sind oder noch werden, kommen erst mit dem neuen Kindergartenjahr in Betracht. Also am 1. September. Und zwar unabhängig davon, ob sie bereits einen Kindergarten besuchen oder nicht.

So sieht es die an das Kindergartenjahr gekoppelte Stichtagsregelung vor. Wessen Kind 2018 oder früher das dritte Lebensjahr vollendet hat, hat schon ab dem 1. April Anspruch auf den Zuschuss. Die rückwirkende Auszahlung verzögert sich zum Teil jedoch noch, weil erst der bayerische Haushalt verabschiedet werden musste.

Leidet die Qualität?

Bei Trägerverbänden kommt der ausgeweitete Beitragszuschuss nicht nur positiv an. "Wir hätten die Mittel lieber in der Qualitätsentwicklung gesehen", sagt Maria Hellfritsch, Geschäftsführerin des Verbandes katholischer Kindertageseinrichtungen Bayern. Ähnlich betonen es auch die kommunalen Spitzenverbände und andere Träger in Bayern auf Anfrage. Dort sei noch viel zu tun. Kerstin Schreyers Sozialministerium in München entgegnet auf die Kritik, ebenfalls die "Qualitätsentwicklung vorantreiben" zu wollen, etwa mit verbesserten Arbeitsbedingungen und der Gewinnung von Fachkräften.

Hellfritsch weist zudem auf den erheblichen Verwaltungsaufwand hin und bemängelt den verfrühten Start im April. Die Einrichtungen seien kaum vorbereitet gewesen, strukturelle Voraussetzungen wären nicht gegeben und viele Eltern verunsichert. "Wäre der Zuschuss erst mit dem neuen Kindergartenjahr in Kraft getreten, hätte uns das viel Stress erspart."

Auch Dirk Rumpff vom Evangelischen Kita-Verband Bayern (evkita) erkennt eine "übereilte Einführung". Problematisch sieht er, dass manche Einrichtungen in finanzielle Vorleistung gehen müssen. Der Zuschuss komme vierteljährlich in der Buchhaltung an, Ausgaben fielen aber monatlich an, so Rumpff. "Sollte sich an der Abwicklung der Abschlagszahlungen nichts ändern, sehe ich bei vielen Trägern dauerhafte Liquiditätsprobleme."

Karl Gümpel freut sich einstweilen auf das Plus im Geldbeutel. Ab Herbst muss er nur noch einen niedrigen zweistelligen Betrag im Monat bezahlen. Gleichzeitig mahnt er aber an: "Dass Bildung Ländersache ist, macht es unübersichtlich. Hier ist es so, dort so. Dass es auf den Wohnort ankommt, ob und wie viel man zahlen muss, geht am Sinn einer Förderung vorbei."

Tatsächlich könnte es unter Umständen passieren, dass bei der einen anderen Familie am Ende gar nicht so viel von den 100 Euro ankommen wird. Weil die aus dem "Gute-Kita-Gesetz" von Bundesministerin Franziska Giffey versprochenen Mittel zu einem großen Teil in den Beitragszuschuss flössen, müssten viele Träger den Qualitätsausbau selbst in die Hand nehmen, meint Dirk Rumpff von evkita. In Einzelfällen könne der Beitrag sogar erhöht werden.

Die schwarz-orange Koalition setzt ihren Kurs in Richtung beitragsfreie Kinderbetreuung derweil fort. Ab 2020 sollen auch Krippengebühren für Kinder ab zwei Jahren um 100 Euro gesenkt werden. Näheres dazu könne das Sozialministerium vorerst aber nicht sagen.

Zuschuss für alle ab drei Jahren

Ausweitung Bisher wurde nur das letzte Kindergartenjahr um 100 Euro entlastet. Seit dem 1. April gilt Beitragszuschuss für die gesamte Kindergartenzeit.

Kaum Ausnahmen Die Regelung gilt für alle Kinder, die einen staatlich geförderten Kindergarten besuchen (kommunal, privat, gemeinnützig).

Stichtag Für Kinder, die 2018 oder früher drei Jahre alt geworden sind, erhalten Familien das Geld rückwirkend bis zum 1. April. Werden die Kinder heuer drei Jahre, gibt es erst ab dem

1. September Geld - unabhängig davon, ob sie schon vorher einen Kindergarten besuchen.

Formlos Eltern müssen keinen Antrag stellen, die Abwicklung läuft über die Träger und Kommunen. Statt einer Auszahlung vermindert sich der Kita-Beitrag um 100 Euro. Liegt der Beitrag unter 100 Euro, verbleibt der Rest beim Träger.

Informationen Konkrete Änderungen sind von Träger zu Träger unterschiedlich. Betroffene Familien können Details dort erfragen.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren