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Wohnen

Tiny, Container, Jurte? Bamberg sucht nach dem Haus der Zukunft

Tiny House, Jurte oder Container-Modulhaus? Eine Bamberger Gruppe beschäftigt sich seit knapp zwei Jahren mit neuen Wohnformen. In einem Punkt sind sich alle einig: Es muss nachhaltiger und minimalistischer gebaut werden.
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Veronika Renn und Jonas Börnicke suchen in der Nähe von Bamberg einen Stellplatz für ihr selbstgebautes Eigenheim auf Rädern.  Foto: Ronald Rinklef
Veronika Renn und Jonas Börnicke suchen in der Nähe von Bamberg einen Stellplatz für ihr selbstgebautes Eigenheim auf Rädern. Foto: Ronald Rinklef
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Veronika Renn wischt ein paar Sägespäne von der roten Latzhose und führt dann durch ihr 18 Quadratmeter kleines Eigenheim, das derzeit in Baiersdorf parkt. Die 28-Jährige präsentiert mit einer schwungvollen Bewegung beider Arme eine Klapptür zum winzigen Bad wie eine Moderatorin den Hauptpreis einer Fernsehshow. "Darauf sind wir schon stolz", sagt Renn, die vor kurzem ihr Studium der Betriebswirtschaftslehre abgeschlossen und bis zum Bau des Tiny Houses im vergangenen Oktober "wahrscheinlich noch nie eine Schraube irgendwo reingedreht" hat.

Tiny House im Eigenbau

Renn und ihrem Verlobten Jonas Börnicke war es wichtig, ihr Haus selbst zu bauen - "zumindest alles, wofür man keinen Elektriker oder Klempner braucht", sagt Börnicke. Er ist ebenfalls 28 Jahre alt, handwerklich unerfahren und hat BWL studiert. Und er freut sich ebenso, etwas mit eigenen Händen geschaffen zu haben. Auf Tiny Häuser kamen die beiden Erlanger vor etwa zwei Jahren über Internetvideos. Dann waren sie fast drei Jahre lang mit dem Rad unterwegs. Währenddessen lebten sie größtenteils im Zelt, "von daher sind die 18 Quadratmeter schon ein Upgrade", sagt Börnicke. Ihr 29 000 Kilometer langer Radweg führte sie auch zu einer Firma in Rumänien, die Minihäuser auf Rädern herstellt. Sie kauften es für rund 30 000 Euro und bauten zwei Monate lang vor Ort - "sechs Tage die Woche, zehn Stunden am Tag", erzählt Renn. Nun fehlten nur noch wenige Handgriffe.

Neben dem Eigenbau schätzt das junge Paar vor allem den Minimalismus: "Wenn man am Ende des Monats mehr Geld übrig haben will, kann man entweder mehr verdienen oder man kauft weniger. Wir haben uns für das Zweite entschieden", sagt Renn. Ihr Miniheim wollen die beiden nun bei Bamberg aufstellen. Börnicke arbeitet hier. Das junge Paar habe bereits in Hallstadt, Ebern und Memmelsdorf nachgefragt - "und viel mehr Rückmeldungen bekommen, als wir erwartet haben", freut sich Renn. Ein Tiny House kann als Erstwohnsitz genutzt werden, wenn es an Strom-, Trink- und Abwasser-Leitungen angeschlossen wird. Dann fällt es unter das Bauordnungsrecht. Etwas erschwert werde die Suche allerdings, weil das junge Paar kein Grundstück kaufen, sondern pachten will. "Dieser Markt ist bisher kaum erschlossen", sagt Börnicke. Doch die beiden sind zuversichtlich, bald etwas zu finden.

Die meisten der 50 Mitglieder der Tiny-House-Gruppe haben sich indes trotz des Namens vom Minihaus verabschiedet. "Ökologisch ist das eigentlich eine Scheißidee", meint Marco Aumüller, einer der Gruppenleiter. Zu diesem Schluss sei die Gruppe nach eineinhalb Jahren intensiver Recherche gekommen. So ließen sich Tiny Häuser etwa schlechter dämmen und seien durch die transportable, längliche Bauweise unpraktisch eng. Die Ziele Minimalismus und Nachhaltigkeit verfolgt die Gruppe nun anders: Sie will statt auf Mini- eher auf Modulhäuser setzen. Ein 15-köpfiges Team sucht eine Fläche von etwa zwei Hektar, um dort gemeinsam möglichst nachhaltig zu leben. Dazu wollen sie auch ein Gemeinschaftshaus errichten, so dass sich die Einzelnen möglichst viel teilen können, etwa Küchen- und Gartengeräte, Lager- und Wohnräume.

Flexible Module

Der 39 Jahre alte IT-Fachmann Aumüller könne sich etwa vorstellen, dass ein Paar mit Kind zunächst in einem Haus aus drei oder vier Modulen lebt. Kommt das Kind ins Jugendalter, kann die Familie eines der Module separat stellen. Zieht das Kind später ganz weg, können die Eltern das nicht mehr benötigte Modul verkaufen. So lebten dann nicht zwei Menschen in einem zu groß gewordenen Haus, Ressourcen und Wohnraum würden gespart.

"Das ist ohne Probleme möglich", bestätigt Murat Yilmazer, einer der Geschäftsführer der KB Container GmbH. Die Standard-Stahlcontainer, die seine Firma unter anderem in Schlüsselfeld herstellt, sind sechs mal drei Meter groß und kosten rund 15 000 Euro. Die Wände können schnell entfernt werden, die Module sind auch stapelbar. Solche und viele andere mögliche Wünsche kosten allerdings extra. Auch bei der Wärmedämmung könne ein Haus aus Containern mit einem konventionellen mithalten: "Wir haben höhere Standards als es die Energieeinsparverordnung vorschreibt", sagt Fabian Weiß, Architekt der Firma. Auch in puncto Lärm- und Brandschutz stehe ein Containerbau einem konventionellen Wohnhaus in nichts nach. Durch die Vorproduktion in der Werkstatt werde zudem viel Zeit gespart, es seien höchstens zwei Tage auf der Baustelle nötig. Und mittlerweile gebe es auch immer mehr Nachfragen nach den flexiblen Eigenheimen. "Das liegt im Trend."

Stadtplaner Franz Ullrich bestätigt, dass die Modulbauweise keine Nachteile gegenüber dem konventionellen Bau hat. Er hält Massivholz aber für den ökologischeren Rohstoff. Holz wächst natürlich und auch in der Region, Stahl benötigt viel Energie in der Herstellung und muss über weite Strecken transportiert werden. "Das Thema flexibler Modulbau beschäftigt Architekten seit 100 Jahren", sagt Ullrich. "Doch fast kein Bauherr ist bereit, sich darauf einzulassen." Aus seiner Erfahrung erkenne er momentan eher eine Gegenbewegung: "Noch ein Gästezimmer, noch eine Abstellkammer, noch gößer". Deshalb finde er es unterstützenswert, dass es Leute gibt, die sich auf das Experiment einlassen wollen.

Manchen reicht ein Zelt

Und das will die Bamberger Tiny-House-Gruppe, auch mit verschiedenen Wohnformen nebeneinander. Denn die Ansprüche unterscheiden sich. Die 26 Jahre alte Sabrina wünscht sich nicht mehr als eine Jurte für sich, ihren Partner und ihre zwei Kinder. Die traditionelle Behausung mongolischer Nomaden besteht aus einem Holzgerüst und Stoffplanen. "Minimalistisch und naturnah in der Gemeinschaft" will die junge Frau aus dem Landkreis leben. "Und möglichst viel mit anderen teilen." Diese Wünsche eint die Mitglieder. Wenn sie eine Fläche finden, will Leiter Aumüller auch gerne mit einer Universität zusammenarbeiten und die Lebensweise auf Nachhaltigkeit prüfen lassen. Angesichts von Klimawandel und Wohnungsnot "ist es eigentlich klar, dass wir nicht so weiterleben und weiterbauen können".

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