Bamberg
Bamberger Literaturfestival

Timur Vermes im Kulturboden: Spaß ist, wenn die Leute lachen

Bekannt geworden ist er mit seiner Hitler-Satire "Er ist wieder da". Jetzt stellte Timur Vermes in Hallstadt seinen neuen Roman "Die Hungrigen und die Satten" vor.
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Timur Vermes bei seiner Lesung in HallstadtMatthias Hoch
Timur Vermes bei seiner Lesung in HallstadtMatthias Hoch

Was wäre wenn? Wenn zum Beispiel Europa die Grenzen zu Afrika tatsächlich dichtmachen würde? Also mit Konsequenz und ohne Durchkommen?

Was in diesem Fall passieren könnte, konnte das Publikum des Bamberger Literaturfestivals am Dienstagabend erfahren. Da nämlich las Timur Vermes im Hallstadter Kulturboden aus seinem aktuellen Roman "Die Hungrigen und die Satten".

Was wäre, wenn es bald so ist

Allerdings stellte Vermes im Gespräch mit Asli Heinzel klar, dass es immer weniger um die Frage nach dem "Was wäre wenn" zu gehen scheint: "Wir arbeiten alle daran, dass die Ausgangssituation zutrifft." Man konnte sich also ein Bild davon machen, wie es sein wird, wenn es bald so weit ist.

Im Roman von Vermes sind die Grenzen also dicht und der sinkende Fernsehstern der Nadeche Hackenbusch soll noch einmal zum Leuchten gebracht werden. Als "Engel im Elend" geht sie für eine Sendung in eines der riesigen Flüchtlingscamps in der Sahara. Dort haben sich etwa 150 000 Geflüchtete gesammelt. Hackenbusch wird begleitet von der Hochglanzreporterin Astrid von Roëll. Den ersten Artikel, den sie für ihre Zeitschrift "Evangeline" schreibt, gibt Vermes gleich zu Beginn die Möglichkeit, zu zeigen, wie gute Lesungen funktionieren können.

Mit affektierten Gesten und gespreiztem Gesicht spielt er die Reporterin in ihrem Wohnmobil hinter dem Laptop nach. Ihre - freilich kurzen - Denkpausen zögern den nächsten Nadelstich gegen den ebenso sensationsgierigen wie recherchelosen Boulevardjournalismus nur kurz heraus.

Das sitzt, vor allem beim Publikum, das den gewandten Vortrag mit häufigem erleichterten Auflachen folgt. Vorwerfen kann man dem Autor kaum, dass er sich ein allzu leichtes Ziel ausgesucht hat. Denn Spaß ist, wenn die Leute lachen. Auch der Abschnitt, in dem Nadeche Hackenbusch mit ihrem Fernsehredakteur telefoniert, gewinnt durch den Vortrag Vermes'. Das wiederum führt zwar zu keinen neuen Erkenntnissen über die Fernsehlandschaft und deren Betreiber im Hintergrund. Trotzdem muss es einer mal gescheit auf den Punkt bringen: Etwas Besonderes im Fernsehen, so Vermes, sei immer dasselbe wie vorher - nur größer.

Deswegen wird nicht bloß ein Flüchtlingscasting veranstaltet, sondern gleich eine Live-Schalte im Abendprogramm nach Afrika. Allerdings entdeckt Nadeche die Menschlichkeit und will sogar wirklich Geflüchtete retten. Warum also nicht einfach zu Fuß nach Europa?

Das denkt sich nicht nur Lionel, in den sich die Deutsche verguckt hat und der sie benutzt, um nach Europa zu kommen. Das denkt sich auch ein Kleinverbrecher, der den Zug der 150 000 mit Wasser und Strom versorgt und damit ein Heidengeld macht. Wie alle Verbrecher ist er skrupellos. Wie genau er seine Helfer trimmt, einschüchtert und damit den ganzen Flüchtlingsstrom organisiert, schildert Vermes in einer langen, eindrücklichen Passage, die an einfacher Drastik nicht spart. "Das würde ich doch gerne mal sacken lassen", beendet er süffisant die harte Szene zum Lesungsabschluss.

Geschickte Auswahl

Was passiert, wenn sich dieser Trek tatsächlich auf den Weg nach Deutschland macht, wie geht die Politik damit um und wie verändert das unsere Gesellschaft? Davon handelt der Rest des Buches.

Die vorgetragenen Passagen waren geschickt ausgewählt. Auch, weil es die Satire ist, auf die sich alle einigen können. TV-Shows und Boulevard lächerlich zu machen, ist noch keine gute Satire, auch wenn es gut gemacht ist. Wenn Vermes und Heinzel vor und nach der Lesung vor allem begeistert zeitkritisch betonen, was uns die Geflüchteten alles geben könnten, könnte man auch fragen, wieso es die ganze Zeit um uns geht.



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