Treppendorf
Musikhandel

Thomann gibt weiter den Ton an

Seine Firma besteht seit 60 Jahren und ist inzwischen der größte Musikversandhandel der Welt. Doch der Einzelunternehmer Hans Thomann denkt nicht daran, sich auszuruhen. Er macht sich aber Gedanken über seine Nachfolge.
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Foto: Matthias Hoch
Foto: Matthias Hoch
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Hans Thomann ist auf dem Weg zum Service-Center. Vor einem Jahr haben seine Mitarbeiter das acht Millionen Euro teure Gebäude bezogen. Ob Elektronik oder Musikinstrumente - was repariert oder erneuert werden muss, landet hier. "Und, Männer? Alles gut? Kommt ihr nach?" Die Mitarbeiter nicken. "Ihr macht das schon." Dass der Chef auf einem Rundgang vorbeikommt, ist nicht ungewöhnlich.

Direkt vor dem Service-Center sind Bauarbeiten in vollem Gange. "Wir investieren sechs Millionen Euro in eine Kantine", sagt Thomann. Baukräne sind die rund 170 Einwohner von Treppendorf (Landkreis Bamberg) mittlerweile gewohnt. Thomann wächst, Thomann baut. Immer wieder.

Auf dem Weg zurück in sein Büro grüßt den Firmenchef eine junge Mitarbeiterin. "Die kenne ich noch nicht", sagt Thomann. Rund 1000 Menschen arbeiten inzwischen für den weltweit größten E-Commerce-Händler im Musikgeschäft.

Auf 5,7 Millionen Kunden hat es der eingetragene Kaufmann nach eigenen Angaben gebracht. Sie bescherten ihm im vergangenen Jahr Umsätze in Höhe von 525 Millionen Euro.
Die meisten dieser Kunden kommen nicht nach Treppendorf. Auch wenn sich hier das größte Musikhaus Europas befindet, mit einer Auswahl an Gitarren, Kopfhörern oder Schlagwerk, wie sie nirgends sonst zu finden ist. "Du musst heute, was den Laden angeht, besser und noch besser sein, sonst kommen die Kunden nicht", berichtet Hans Thomann. Der Laden erwirtschafte aber gerade mal fünf Prozent des Gesamtumsatzes.

55 Prozent Umsatz im Ausland

Vor 60 Jahren, als sein Vater die Firma gründete, war das noch ganz anders. Erst fuhr dieser mit dem Fahrrad zum Kunden, um ihm ein Instrument anzubieten. Später kamen die Kunden in den Treppendorfer Laden. In den 1970er Jahren trafen sie dabei auf den heutigen Firmeninhaber, der nach der Schule mithalf.
1990 übernahm Hans Thomann junior dann die Firma. Der Jahres-Umsatz zuvor: nicht ganz sechs Millionen Mark.

Als der heutige Inhaber, der im August 52 Jahre alt wird, 1996 als erster Musikhändler in Deutschland einen Internetauftritt eröffnete, war der Grundstein für die heutige Größe gelegt. Jetzt kamen unzählige Kunden aus den Nachbarländern hinzu, vor allem Franzosen und Spanier. Heute ist Thomann weltweit ein Begriff. 55 Prozent seines Umsatzes macht das Unternehmen im Ausland.

Doch der Markt ist umkämpfter geworden. Thomanns Umsatzwachstum betrug zuletzt 5,32 Prozent. "In diesem Jahr wird es wieder knapp zweistellig", fügt Hans Thomann fast schon entschuldigend hinzu.
Jahrelang war seine Firma in keinem Jahr um weniger als 25 Prozent gewachsen. Wachstumsraten von 40 Prozent waren keine Seltenheit. Aber andere verbliebene Musikhändler tummeln sich inzwischen auch im Internet. Und neue Gegner sind hinzugekommen. Amazon verkauft auch Musikinstrumente. "Unsere Branche ist sehr speziell. Aber sie baggern unsere Lieferanten an", erzählt Thomann. Er nennt sofort "fünf Bereiche, wo wir besser sind als Amazon". Zuvorderst die Qualitätskontrolle. Jedes Teil sei geprüft. Im Gegensatz zu Amazon erfolge bei Thomann die Auslieferung von verschiedenen Produkten komplett in einer Lieferung. Dann stünden rund 300 Mitarbeiter in Laden und Call-Center für Beratung zur Verfügung. Außerdem kümmerten sich in Treppendorf etwa 100 Personen in elf Sprachen um die Hilfe bei Problemen, Thomann spricht vom "Customer-Care-Bereich". Und zuletzt fügt Hans Thomann an: "Wir reparieren alles."

Internetfirmen gekauft

"Amazons Problem sind ihre verteilten Lager. Die Ware kommt einzeln an", sagt Thomann. Aber wäre es nicht auch für ihn besser, mehr als ein großes Logistikzentrum auf dem Land zu haben? Zum Beispiel im Ausland? Hans Thomann schüttelt mit dem Kopf. Der Versand heute funktioniere wahnsinnig schnell. "Die Ware ist in zwei bis drei Tagen überall in Europa."

Dort, wo vor 60 Jahren alles begann, läuft auch heute noch alles zusammen - auch wenn der Chef schon lange im 20 Kilometer entfernten Bamberg wohnt. "Wir haben uns vom Musikladen zum Versandhandel entwickelt und dann zum Internethandel", sagt Thomann. "Du brauchst tolle Seiten, um die Leute dorthin zu bringen. Eine nicht anspruchsvolle Webseite hat keine Chance", erklärt Thomann. 3D-Ansichten, Testberichte oder Soundbeispiele gibt es beinahe zu jedem Produkt auf Thomanns Internetseite. Der Branchenprimus hat allein zwölf Mitarbeiter beschäftigt, die den Tag über nur Produkte fotografieren.

Mittlerweile gebe es auch einige Mitarbeiter, die nicht in Treppendorf sitzen. Ein knappes Dutzend an GmbHs besitzt der Treppendorfer Einzelunternehmer: Einkaufbüros in London und Kopenhagen, aber auch einige Internetplattformen, auf denen Musiker miteinander kommunizieren können.
Ob sich so etwas auszahlt? "Du musst immer erst säen, und dann kannst du vielleicht mal ernten", sagt Thomann.

Neben einer tollen Webseite sind heute weitere Dinge beim Kunden gefragt. Die Billig-Strategie von einst scheint überholt. "Der Preis ist wichtig, aber er reicht nicht", sagt der Mann, dessen Firma 2011 mit den Auszeichnungen "Versender des Jahres" und "Beste Webseite in Europa" bedacht wurde. Jetzt wollten die Leute schnelle Verfügbarkeit, Beratung, Service und Qualität. Selbst teure Instrumente wie Flügel von Steinway würden inzwischen online gekauft. "Durch die Money-Back-Garantie kein Problem", sagt Thomann in Anspielung auf die grundsätzliche 30-tägige Geld-Zurück-Garantie der Firma.

Auch im Urlaub ist der Chef immer erreichbar. "Ohne Firmenkontakt - das geht gar nicht", meint er. Er entspannt sich mit Joggen und Yoga. Einmal im Monat fliegt er nach Berlin zum Box-Training. "Solange ich fit bin, mache ich weiter", sagt er über die Tätigkeit an der Spitze seines Unternehmens.

Der 51-Jährige hat keine Kinder. Vor zwei Jahren hat er die Hans-Thomann-Stiftung gegründet, in die ein Teil des Unternehmensgewinn fließt. Sie fördert gemeinnützige Musikzwecke. Gedanken über seine Nachfolge habe er sich auch schon gemacht, erzählt er. Die Stiftung könnte da eine besondere Rolle spielen. Mehr will er dazu noch nicht sagen.










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