Bamberg
Unser Thema der Woche // Grenzerfahrung

Teure Taxifahrt in die Freiheit

Nur einen Monat vor dem Mauerfall am 9. November 1989 floh Oliver Meißner aus der DDR in den Westen Deutschlands. 30 Jahre später blickt der Bamberger auf sein Leben in Ost-Berlin und die Flucht nach Köln zurück.
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Bis heute gruselig: Oliver Meißner blättert durch Stasi-Akten, die sein Leben dokumentiert haben.  Fotos: Antonia Wild, privat
Bis heute gruselig: Oliver Meißner blättert durch Stasi-Akten, die sein Leben dokumentiert haben. Fotos: Antonia Wild, privat

BambergOliver Meißner ist guter Dinge, während er durch den großen schwarzen Ordner blättert. Darin befindet sich sein halbes Leben, festgehalten in Stasi-Dokumenten.

Seine Geburtsurkunde, die Lebensdaten seiner Eltern, die Stasi-Protokolle zu seiner Tauglichkeit als Interner Mitarbeiter. Als Meißner im Oktober 1989 die Deutsche Demokratische Republik verließ, wusste er nicht, wie viele Daten die Stasi über ihn gesammelt hatte. Doch er wusste: Mit offenen Karten wurde in der DDR nicht gespielt.

Mit 31 Jahren fasste Oliver Meißner den Entschluss, Ost-Deutschland zu verlassen. Damals arbeitete er als Taxifahrer in Ost-Berlin. Schon von Geburt an war er Ostdeutscher, hatte durch seinen Beruf am Lenkrad weite Teile der DDR gesehen. "Man muss wirklich sagen: Wir in Ost-Berlin hatten es ja noch gut im Vergleich zum Verfall in Dresden, Leipzig oder gar auf dem Land", sagt Meißner.

Flucht in den Westen

Den finalen Anstoß zur Flucht gab ihm aber erst eine Arbeitsbekanntschaft. "Während einer Taxifahrt bin ich mit ein paar Westdeutschen aus Nordrhein-Westfalen in Kontakt gekommen. Sie sicherten mir Hilfe für die Zeit nach der Flucht in die BRD zu", sagt Meißner.

Und so schmiedete er den Plan, mit seiner Frau und seiner damals achtjährigen Tochter Ostdeutschland zu verlassen. Von ihren Plänen erzählten sie nur einem Nachbarn, nicht einmal Meißners Eltern waren eingeweiht. Zunächst versuchte die Familie im September 89 über die damalige Tschechoslowakei zu flüchten, doch die Lücke in der Grenze wurde genau in der Zeit ihrer Abreise dichtgemacht.

Nach mehreren Bemühungen um ein Visum schaffte es Meißner schließlich, am 7. Oktober 1989 mit seiner Familie nach Ungarn auszureisen. Mit dem Flugzeug gelangten sie nach Budapest, von dort aus ging es mit dem Taxi nach Österreich weiter. "Die Taxifahrt hat mich damals einen ganzen Monatslohn gekostet; das war auch fast alles, was wir an Geld mitgebracht haben", erklärt Meißner.

Die Überfahrt im Taxi gelang - und Familie Meißner wurde herzlich in Österreich aufgenommen. "Es war ein großartiger Empfang: Jeder bekam 20 Deutsche Mark Taschengeld, neben uns warfen die Fahrer ihre Ost-Kennzeichen von den Autos, und wir wurden sogar auf eine Tour durch Wien eingeladen, bis uns der Zug nach Deutschland gebracht hat", erzählt der Taxiunternehmer, der heute in Bamberg aktiv ist.

Für die Fahrt bekamen Oliver Meißner und seine Familie damals kistenweise Essen mit auf den Weg. "Wir waren ganz bescheiden, niemand von uns konnte fassen, wie großzügig wir versorgt wurden", erinnert sich Meißner. Auch einen Telefonanruf durfte er tätigen, um seinem Freund in Nordrhein-Westfalen Bescheid zu geben. "Als ich ihm gesagt habe, dass wir nun in Österreich sind, hat er erstmal aufgelegt, so ungläubig war er", sagt Oliver Meißner. Doch beim zweiten Anlauf gelang die Absprache, und am 9. Oktober betraten alle drei Familienmitglieder in Köln westdeutschen Boden.

In Köln angekommen, lebte sich Oliver Meißner schnell ein. Nachdem er günstig ein Auto erworben und eine Wohnung für die Familie gemietet hatte, holten seine Frau und er ihre westdeutschen Abschlüsse nach. So konnten beide schnell Arbeit finden und sich in ihr neues Umfeld integrieren.

"Leider mussten wir uns auch komplett neu einrichten, das meiste unserer Sachen hatten wir in der DDR zurückgelassen, sonst wäre die Stasi misstrauisch geworden", sagt Meißner. Als die Mauer dann am 9. November 1989 fiel, war Meißner gerade in der Arbeit in Köln. Über das Radio hörten er und seine Kollegen von dem historischen Ereignis. "Meine Kollegen haben damals direkt Sprüche geklopft, dass die ‚Bananenfresser aus dem Osten‘ ihnen jetzt alles wegnehmen würden, da war ich extrem sauer", erzählt Meißner. Und auch heute bewegt ihn dieser Gedanke noch. "Ich finde es furchtbar, wenn wir noch heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall, von einem Ost-West-Gefälle reden. Bis auf die Zeit der DDR war Deutschland immer ein Land, und so sollte es auch sein", sagt er. Doch vor allem blickt er jetzt am großen Jubiläum mit Dankbarkeit auf die Flucht und den Mauerfall zurück. "Damals hatten wir große Angst, dass die DDR-Regierung die Mauer noch höher baut und sozusagen ‚die Tür bald endgültig zu ist‘", sagt Oliver Meißner, "doch zum Glück ist es anders gekommen und Deutschland ist wieder eins geworden".

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