Stegaurach
Nachbarschaftshilfe

Tauschring: Auf ein Zeidla ins soziale Netz

Getauscht wird Zeit, mit der man anderen behilflich sein oder sich selbst ungeliebte Arbeiten abnehmen lassen kann.
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Die Stegauracherinnen Regina Hoffmann und Margot Scheer sind die Initiatorinnen des Tauschrings.Foto: Ronald Rinklef
Die Stegauracherinnen Regina Hoffmann und Margot Scheer sind die Initiatorinnen des Tauschrings.Foto: Ronald Rinklef

Regina Hoffmann arbeitet gern im Garten. Rasenmähen, Unkrautjäten, Grüngut wegbringen - das würde sie auch für andere tun. Nur den richtigen Obstbaumschnitt, den möchte sie erst noch lernen. Doch wer ihr den beibringt hat vielleicht kein Interesse, dass sie sich mit Gartenarbeit revanchiert, weil er alles selber macht. Ein großes Gartenfest würde er gerne veranstalten, aber das zu organisieren ist nicht sein Ding, das von Regina Hoffmann auch nicht unbedingt. Und genau hier könnte der Tauschring greifen.

Da findet der Baumschnittexperte zum Beispiel Margot Scheer. Die ist ein großes Organisationstalent - und stellt das gerne anderen zur Verfügung. Nun muss es nicht beim Dreieckstausch bleiben. Dass etwa der Baumschnittexperte Hoffmann hilft, sich von Scheer ein Grillfest organisieren lässt, und diese wiederum sich von Hoffmann im Garten zur Hand gehen lässt. Ein Ring ist aber noch mehr als ein Dreieck. Und je mehr Talente sich dort finden und füreinander Zeit haben, desto besser ist allen geholfen.

Stetes Geben und Nehmen

Die einzig gültige Währung in diesem Tauschring ist - gut fränkisch - das "Zeidla". Ein Zeidla ist eine Viertelstunde, die man für eine Tätigkeit bei anderen erhält, oder mit der man dafür bezahlt. "Geben und Nehmen ist die Basis", sagt Hoffmann. Und für alle das sichere Gefühl ein soziales Netzwerk zu haben, das mehr als den Austausch von Dienstleistungen beinhaltet. Deshalb haben sich die beiden Stegauracherinnen Regina Hoffmann und Margot Scheer zusammengetan, um - nicht nur in ihrem Wohnort, sondern darüber hinaus - ein solches soziales Netzwerk zu initiieren. Gut ein Dutzend Mitstreiter aus Stegaurach, Bamberg, Oberhaid und Hirschaid haben sie bisher gefunden und sind dem Verein "Tauschring Region Bamberg" beigetreten. Es sollen natürlich noch viel mehr werden.

Alle Arbeiten sind gleichwertig

Hoffmann geht es vor allem um den Zusammenhalt in der Gesellschaft: "Menschen, die sich mit ihren Fähigkeiten unterstützen". Das soll alle Altersklassen ansprechen, zum Beispiel auch Senioren, die sich nicht mehr viel zutrauen, oder Jugendliche, die sich noch unsicher über ihre Fähigkeiten sind. Ob Vorlesen, Spazierengehen, ein Smartphone erklären, oder Bäume beschneiden, Elektrogeräte reparieren und Computer einrichten.

Wichtig sei, dass "nicht die Wertigkeit zählt, sondern nur die Zeit", sind sich Hoffmann und Scheer einig. Man tauscht also vor allem Zeit mit- und füreinander und nicht in erster Linie Arbeit.

Damit das Geben und Nehmen ein steter Fluss bleibt, gibt es für jedes Zeidla-Konto eine Unter-, aber auch eine Obergrenze. So dürfen sich nicht mehr als 40 Miese auf dem Konto ansammeln. Denn, wer nur nimmt, geht besser zum Bezahl-Dienstleister, so Hoffmann. Auf der Habenseite sollen dagegen nicht mehr als 100 Zeidla angehäuft werden. "Ich gebe nicht nur, sondern halte den Verein auch durch Nehmen in Schwung ", heißt es dazu in den Tauschregeln. "Überschüsse gehen auf ein sogenanntes Sozialkonto", erklärt Scheer. Damit könne man zum Beispiel auch mal jemandem in Notfällen helfen.

Aus kleinen Anfängen

Damit alles auch so funktioniert, wie es sich die Initiatorinnen vorstellen, gibt es auch verbindliche Tauschregeln und - wie es sich für einen Verein gehört - eine Satzung. Wertvolle Hilfestellungen und Informationen gab die seit Jahren gut funktionierende Nachbarschaftliche Tauschbörse Remseck aus Hoffmanns württembergischer Heimat. Die haben laut Hoffmann vor sieben Jahren mit sieben Leuten angefangen, mittlerweile machen dort rund 150 Menschen mit.

Auch bei der Technik durften sich die Franken einiges im Nachbarland abschauen. Und so ist nun alles startbereit. Eine Homepage mit allen Infos steht und das Herzstück, eine Tauschdatenbank, befindet sich im Mitgliederbereich im Probelauf. Und damit sich die Idee herumspricht, gibt es monatlich einen Tauschtreff, der als Kontaktbörse und derzeit vor allem als Informationsveranstaltung fungiert (s. Infokasten). Der nächste findet heute Abend statt.

Info:

Für Mitglieder und Interessierte gibt es an jedem 1. Mittwoch im Monat einen Tauschtreff im Gemeindezentrum von Philippus, Buger Straße 74, in Bamberg. Der nächste findet heute (Mittwoch, 7. August, 19 bis 21 Uhr) statt. Eine zusätzliche Infoveranstaltung gibt es am Freitag, 9. August, von 16.30 bis 17 Uhr im Pfarrheim "Luigi Padovese", Schlossplatz 2, in Stegaurach.

www.tauschring-region-bamberg.de

Kommentar: Taten statt Likes

Soziale Netzwerke genießen dank Facebook, Twitter & Co. inzwischen einen zweifelhaften Ruf. Nun bedient sich auch der Tauschring des Internets und will ein soziales Netzwerk bilden. Doch der Ansatz ist ein anderer: Gefragt ist nicht die Kunst der virtuellen Selbstinszenierung, sondern echtes soziales Handeln mit Hand und Fuß und Köpfchen. Also etwas, das man früher als Nachbarschaftshilfe oder gegenseitige Unterstützung im Familienverband kannte. Mit Tauschen und Teilen verkörpert der Tauschring einen aktuellen Trend. Stichwort: Sharing Economy. Geteilt werden aber keine Likes, sondern Talente und Fähigkeiten, und vor allem Zeit mit- und füreinander. Tauschwirtschaft ist ein Fundament unserer Gesellschaft. Das hat schon vor fast 100 Jahren der französische Soziologe Marcel Mauss erkannt. In seinem Werk "Die Gabe" über "die Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften" analysierte er die Prinzipien von Dienstleistung, Arbeit, Sozialstaat.

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