Bamberg
Bamberger Literaturfestival

Takis Würger: Sie schlagen und sie lieben ihn

Von den Literaturkritikern ist Takis Würger für seinen Roman "Stella" verprügelt worden. In Bamberg suchte der 33-Jährige am Mittwoch den Schulterschluss mit seinen Lesern.
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Takis Würger bei seiner Lesung am Mittwoch in Bamberg Foto: Matthias Hoch
Takis Würger bei seiner Lesung am Mittwoch in Bamberg Foto: Matthias Hoch

Die Geschichte des Schriftstellers Takis Würger und seines Romans "Stella" lässt sich auf vielfältige Weise erzählen. Sie lässt sich erzählen als die Geschichte über die Frage, wie 74 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs literarisch, historisch und politisch angemessen über den Holocaust geschrieben werden muss.

Die Geschichte von Takis Würger und "Stella" lässt sich erzählen als die Geschichte einer Literaturkritik, die sich in ihrer schroffen Ablehnung des Romans einig wie selten ist. Die Geschichte von Würger und "Stella" lässt sich auch erzählen als eine Geschichte darüber, dass selbst schlechte Kritiken die Leser nicht davon abhalten, einen Roman in Massen zu kaufen.

In "Stella" schreibt Würger eine bitter-süße Liebesgeschichte aus dem Berlin des Jahres 1942. Dafür schickt Würger einen jungen Schweizer ins nationalsozialistische Berlin. Weil dieser Friedrich von der Wahrheit besessen ist und in Berlin "die Gerüchte von der Wirklichkeit" endlich trennen möchte. Ob es zum Beispiel stimmt, dass Juden nachts mit Möbelwagen abgeholt werden.

Der mit sich und der Welt fremdelnde junge Mann verliebt sich in Kristin, die in Wirklichkeit Stella heißt und die Würger nach einer real existierenden Jüdin gleichen Namens modelliert hat. Diese Stella Goldschlag kollaborierte mit den Nationalsozialisten, um das Leben ihrer internierten Eltern zu retten. Als sogenannte Greiferin verriet Goldschlag andere Juden. Mehrere Hundert Juden, so schätzen Historiker, könnten durch Goldschlag ihr Leben verloren haben.

So läuft die Geschichte von Takis Würger und seinem Roman auf eine entscheidende Frage zu: Hat Würger in "Stella" sich der richtigen Mittel bedient, um ein schuldverstricktes Leben, um auch eine Zeit, die Menschen wie Stella Goldschlag zu Tätern und Opfern zugleich machen konnte, zwischen zwei Buchdeckel zu zwingen? Darüber lässt sich Kraft guter Argumente in der Tat streiten.

Argumente gegen Gefühle

Um Argumente aber ging es am Mittwoch zuallerletzt. Es ging um Gefühle und subjektive Geschmacksurteile. Vor allem ging es um Takis Würger selbst. Der 33-Jährige hat sich entschlossen, die Geschichte von sich und "Stella" als die Geschichte eines arglosen Autors und seiner versuchten Vernichtung durch die Literaturkritik zu erzählen.

Beflissen listete Würger in Bamberg auf, welche Bücher er gelesen, welche Zeitzeugen er getroffen, wie oft er die Gedenkstätte Yad Vashem besucht hat. Damit wollte er den gelegentlich erhobenen Vorwurf entkräften, es sich mit "Stella" zu leicht gemacht zu haben.

Detailreich ließ er das Bamberger Publikum daran teilhaben, wie ihn die Kritiken kalt erwischten, verstörten und erschütterten. "Das ist alles echt nicht lustig", sagte Würger.

Man kann seinen Schock und seine Verletzungen nachvollziehen, man muss ihm auch seine Fassungslosigkeit zugestehen. Nicht zugestehen muss man Würger verstiegene historische Vergleiche: "Die Zeiten, in denen Bücher verboten werden, sind vorbei."

Der 33-Jährige suchte in Bamberg nach Verbündeten, und er fand sie im Publikum. Er suchte nach der Bestätigung, dass die Kritiker, und nicht er, der Schriftsteller selbst, geirrt haben. Auch diese Bestätigung schenkte ihm das Publikum. Die dafür nötige Frontstellung hatte Moderatorin Asli Heinzel bereits eingangs des Abends etabliert: hier das arrogant urteilende Feuilleton, dort die ehrlich literaturbegeisterten Leser und Buchhändler: "Wir Buchhändler waren schockiert über die Kritiken."

Würger revanchierte sich pflichtschuldig und würdigte neben "Freunden und Familie" die Buchhändler als seine "größte Kraftquelle".

An den literarischen Argumenten seiner Kritiker dagegen zeigte Würger kein Interesse, so tapfer Asli Heinzel mitunter auch fragte.

Auch die im Chor der Zustimmung einzige kritische Einlassung zog Würger lieber ins Lächerliche: "Wer lange Sätze mag, muss Thomas Mann lesen", beschied er einen Besucher.

Das Publikum honorierte selbst noch diese unsouveräne Abfuhr mit Applaus und Gelächter. Spätestens dann muss Würger aufgegangen sein, dass seine eigene Geschichte von "Stella", dem Autor und der Kritik an diesem Abend auch die Geschichte seines Publikums ist.



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