Bamberg
Erziehung

Tageseltern sollen Bamberger Kita-Problem lösen helfen

Angesichts von Engpässen bei der Kita-Versorgung regt CSU-Kreisvorsitzender Lange einen Ausbau der Kindertagespflege an.
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Christian Kleimann ist einer von zwei Bamberger Tagesvätern. Foto: Stefan Fößel
Christian Kleimann ist einer von zwei Bamberger Tagesvätern. Foto: Stefan Fößel

Wer die Kindertagespflege Regenbogen sucht, wird in einem Mehrfamilienhaus in der Egelseestraße fündig. Nur das Klingelschild und ein Bataillon Kinderschuhe vor der Tür unterscheiden die Wohnung nach außen von den anderen. Doch drinnen stolpern einem gleich drei Kinder entgegen, zwei weitere finden sich im großen Spielzimmer. Natalie Kleimann bereitet gerade Waffeln für den Nachmittagssnack vor, ihr Mann Christian stapelt die nach dem Nachmittagsschlaf zurückgelassenen Bettchen. Auf 108 Quadratmetern wird kein Raum verschwendet, wenn man fünf eigene und fünf "fremde" Kinder in Vollzeit betreut. "Das ist schon eine Arbeit, die einen befriedigt, solange einem die Bürokratie keine Knüppel zwischen die Beine wirft", sagt Christian Kleimann, einer von zwei Tagesvätern in Bamberg.

Stolz präsentiert der Zwei-Meter-Mann eine zweistöckige Spielebene mit Küche, Werkstatt und Bällebad, die er selbst geschreinert hat, fachsimpelt über einen "richtigen" Bollerwagen, den er aus Holland bezogen hat. Nebenbei räumt er mit drei Kindern Bücher ein, registriert eine volle Windel und begrüßt drei Eltern. "Ich hätte das schon 20 Jahre früher machen sollen", sagt der 52-jährige frühere Verkäufer.

Angesichts langer Wartelisten bei den meisten Kindertagesstätten und vieler Eltern, die auf eine Lösung drängen, fordert nun CSU-Kreisvorsitzender Christian Lange, noch mehr Tagesmütter auszubilden. "Mir geht es in diesem Zusammenhang um drei Punkte: Wir müssen die Kinder von null bis zehn im Blick haben, möglichst viele Projekte der Kita-Offensive konkretisieren und bis dahin möglichst viele Tagesmütter ausbilden", schlägt Lange vor. In Bamberg gibt es derzeit 35 Tagesmütter und zwei Tagesväter, die insgesamt mehr als 80 Kinder betreuen.

Im Schnitt erhalten diese laut Jugendamt für eine 35- bis 40-stündige wöchentliche Betreuung eines Kindes unter drei Jahren rund 750 Euro im Monat. "Davon bleibt für einen Selbständigen die Hälfte, und dann muss man erst noch die Miete zahlen", sagt Tagesvater Kleimann.

Keine Werbung nötig

Seine neue Berufung hat er vor dreieinhalb Jahren gefunden, ließ sich mit seiner Frau Natalie, einer gelernten Kinderpflegerin, zu Tageseltern ausbilden. Weil beide die Erlaubnis zur Kindertagespflege haben und pro Person fünf Kinder betreut werden dürfen, würden sie gern in einer größeren Wohnung expandieren. Denn "wenn sie davon leben wollen, dann funktioniert das nur über die Anzahl der Kinder". Aber der Wunsch lässt sich nicht so leicht erfüllen. "Die meisten Vermieter wollen nicht so viele Kinder im Haus. Und als wir dann doch mal eine geeignete Wohnung gefunden hatten, wollte sich das Jugendamt die nicht mal anschauen, bevor wir nicht eine Nutzungsänderung beantragt hätten. Aber die kostet 1000 Euro", klagt Kleimann.

"Unser Sohn wird seit seinem ersten Geburtstag von Tageseltern betreut", sagt der freie Musikredakteur Michael Preis, dessen Frau Verena Obermayer Cellistin bei den Bamberger Symphonikern ist. "Diese Betreuungsform bietet unserer Erfahrung nach insbesondere für die Kleinsten einen geschützten Rahmen, wie man ihn sich kaum schöner wünschen kann: In unserem Fall kümmern sich zwei Erwachsene um fünf Tageskinder, dazu kommen nachmittags noch die Kinder der Tageseltern selbst", sagt Obermayer. Es sei so bedauerlich wie schwer verständlich, dass beim aktuellen Bedarf an Betreuungspersonal Tagesmütter und -väter nicht stärker gefördert werden.

"Die meisten Eltern kommen durch Mund-zu-Mund-Propaganda zu uns. Werbung brauchen wir keine, momentan hat in Bamberg keine Tagesmutter einen Platz frei", sagt Christian Kleimann. "Aber wir sind untereinander vernetzt und haben eine Regionalgruppe der Berufsvereinigung der Kindertagespflegepersonen gegründet."

Dort teilt er zum Beispiel auch seinen Ärger darüber, dass eine neunmonatige Online-Fortbildung seiner Frau in Kinderpsychologie nicht anerkannt wurde. "Dafür haben wir mehr als 1400 Euro investiert und dann wird noch nicht einmal der Kurs auf unsere 15 Stunden Pflicht-Fortbildung im Jahr angerechnet", sagt Natalie Kleimann, die wie ihr Mann einige bürokratische Ärgernisse aufzählen könnte.

Kurs hat bereits begonnen

"Als Mutter eines fast zweijährigen Sohnes bin auch ich enttäuscht vom Verlauf der Kita-Offensive", sagt Annett Seidler, deren Kind ebenfalls die Tagespflege Regenbogen besucht. Sie weist darauf hin, dass Tagesmütter und -väter "mit großem Engagement und unermüdlichem Einsatz dazu beitragen, die prekäre Betreuungssituation in Bamberg aufzufangen und dabei selbst immer mehr an ihre Grenzen kommen". Die Mutter fordert mehr flächendeckende Förderung für Tageseltern, denn "Rechtsanspruch hin und her, wer in der Bamberger Innenstadt wohnt und trotz endloser Suche nach einem Kita-Platz keine Chance hat, der hat einfach Pech gehabt."

Dass die Stadt Bamberg immer wieder nach geeigneten Tagesmüttern und -vätern suche, erklärt die städtische Pressesprecherin Ulrike Siebenhaar. "Das Angebot der Tagespflegeperson ist schon jetzt ein Teil der Vielfalt der Kinderbetreuungsangebote innerhalb der Stadt Bamberg." Voraussetzung sei die persönliche Eignung der Person, also pädagogische Kenntnisse und völlige Straffreiheit. Die räumlichen Anforderungen würden mit den Interessenten persönlich geklärt, insbesondere hinsichtlich der Schlaf- und Spielmöglichkeiten.

Wer in die Tagespflege einsteigen will, muss einen kostenlosen Qualifizierungskurs absolvieren. Dieser umfasst 160 Stunden und dauert von Januar bis Dezember. "Leider war der Start des Lehrganges 2019 bereits", sagt Siebenhaar. "Das Interesse von Teilnehmern aus der Stadt Bamberg ist jedoch sehr gering. Ein kurzfristiger Ausbau der Kapazitäten wird also kaum möglich werden."

Christian Kleimann weiß, dass im laufenden Tagesmutterkurs nur zehn von 20 Plätzen belegt sind. "Unsere Kinder Sandra und Alex wollten auch teilnehmen, dann hätten sie uns unterstützen können." Doch der Wunsch der 17- und 18-Jährigen wurde abgelehnt, weil sie in der Wohnung ihrer Eltern leben.

Forderung und Förderung - ein Kommentar von Stefan Fößel

Die Idee, das Angebot an Tageseltern auszubauen, ist prinzipiell sehr gut. Wenn dies aber daran zu scheitern droht, dass sich schlichtweg nicht genug Interessenten melden, muss nach den Gründen gefragt werden.

Finanzielle Aspekte spielen dabei sicher ebenso eine Rolle wie bürokratische. Es ist Aufgabe der Behörden, die persönliche Eignung potenzieller Bewerber genau zu überprüfen, denn ihnen müssen auch die Eltern vertrauen können. Es ist auch unerlässlich, dass die Betreuer auf ihre verantwortungsvolle Aufgabe umfassend vorbereitet werden. Nun gibt es aber sicher Grenzbereiche, wo ein Ermessensspielraum ausgeschöpft werden kann, ohne dass es Auswirkungen auf die Betreuungsqualität hat. Wenn zum Beispiel mehrmonatige Online-Fortbildungen nicht anerkannt werden, die dritte gleichlautende Sicherheitsunterweisung aber schon. Oder wenn Tageseltern ihr funktionierendes Betreuungsmodell ausbauen wollen, aber die potenzielle Wohnung ohne Nutzungsänderung noch nicht einmal angeschaut wird.

Daneben geht es nicht zuletzt um Bezahlung und Förderung. Wer geeignet ist, zur Lösung der nicht nur in Bamberg anzutreffenden Kita-Problematik beizutragen und gute Betreuung bietet, sollte dafür auch ausreichend entlohnt werden. Die Höhe der Förderung bestimmt auch mit, wie realisierbar die Forderung nach einem Ausbau der Kindertagespflege sein kann.

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