Reckendorf
Erinnerung

Symbol der jüdischen Geschichte

Versteckt Reckendorf seine reiche jüdische Vergangenheit? Diese Kritik wurde bei der Bürgerversammlung laut. Nun soll der Ahornweg an der Synagoge wieder in Judengasse umbenannt werden.
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Der jüdische Friedhof oberhalb von Reckendorf ist auf der Gemeinde-Internetseite als Sehenswürdigkeit angegeben. Den Schlüssel bekommt man im Rathaus.  Fotos: Sebastian Schanz
Der jüdische Friedhof oberhalb von Reckendorf ist auf der Gemeinde-Internetseite als Sehenswürdigkeit angegeben. Den Schlüssel bekommt man im Rathaus. Fotos: Sebastian Schanz
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Wie eine feine Staubschicht liegt der Schnee auf den alten Gräbern auf dem jüdischen Friedhof im Wald über Reckendorf. Moos hat sich an die Steine geheftet, aber die hebräischen und deutschen Inschriften sind noch lesbar. "Ein Mann der Tora und guter Werke", steht dort über Gabriel Chajjim Taubenheimer geschrieben, der 1881 hier beerdigt wurde. Zu Lebzeiten des Reckendorfer Toraschreibers war jeder zehnte Einwohner des Dorfes Jude, 1815 sogar fast jeder Dritte.

Das Zusammenleben war laut Historikern allerdings nicht von Integration geprägt, sondern von Absonderung. Religion und Arbeit prägten das Leben der Juden, die sich durch Kleidung, Haartracht und Essensregeln abgrenzten - aber auch ausgegrenzt wurden, durch Schutzgelder, Sondersteuern und Sanktionen. Rechte hatten die Juden wenige, dafür umso mehr Pflichten.

Dazu kamen Vorurteile. Vergiftet wurde das Nebeneinander in Reckendorf 1746 durch üble Ritualmord-Verdächtigungen - keine Seltenheit, vergleichbare Fälle gab es in den meisten Orten, in denen Juden lebten. Seinen traurigen Höhepunkt erlebte der Antisemitismus dann auch in Reckendorf in der "Reichskristallnacht": Wie die Chronistin Adelheid Waschka schildert, kündigte am Morgen des 10. November 1938 früh gegen halb 8 Uhr ein Trupp von einem SS-Wagen dem Reckendorfer Bürgermeister Baptist Zöttlein an, man werde die Synagoge in Brand stecken. "Sie trieben alle Juden zusammen, plünderten und schändeten ihre Häuser", berichtet Waschka. Die Einrichtung der Synagoge wurde zerschlagen. Mütter aus der Nachbarschaft des heutigen Ahornwegs konnten den Mob gerade noch abhalten, das Gotteshaus anzuzünden, weil sie ein Übergreifen des Feuers auf ihre Häuser fürchteten.

Symbolträchtiger Name

80 Jahre später, am Dienstag, wird sich der Reckendorfer Gemeinderat mit eben jenem Ahornweg beschäftigen - und mit eben jener jüdischen Vergangenheit des Ortes. Denn es geht um die Frage, ob die kleine Straße zur Synagoge wieder in Judengasse umbenannt werden soll.

Eine Formalie, freilich, aber eine symbolträchtige. Denn in der letzten Bürgerversammlung ist die kritische Frage aufgetaucht, ob Reckendorf seine jüdische Geschichte nicht zu sehr verstecken würde.

"Wir verstecken unsere jüdische Vergangenheit nicht", sagt dazu Bürgermeister Manfred Deinlein (SPD). "Reckendorf hat den Juden viel zu verdanken", erklärt er und verweist etwa auf die Nathan-und-Rosa-Walter'sche-Kinderheimstiftung, die bis 1974 das Kinderhaus betrieb und der Gemeinde wertvolle Immobilien vermachte. Das alte jüdische Gotteshaus ist zu einem weltlichen Treffpunkt in der Gemeinde geworden, der jüdische Friedhof wird auf der Internetseite als Sehenswürdigkeit beworben. Für Autofahrer gibt es Wegweiser.

Den Schlüssel zum jüdischen Friedhof können sich Interessierte im Rathaus abholen. Denn die jüdische Vergangenheit ist nicht nur sehenswert, sondern auch schützenswert. Das rückte im Sommer 2012 ins Bewusstsein, als Unbekannte Grabsteine umwarfen und teils massiv beschädigten. Er kenne Gemeinden, die weitaus defensiver mit ihrer jüdischen Vergangenheit umgehen, aus Angst vor solchen Attacken, erklärt Bürgermeister Deinlein.

Was den Ahornweg angeht, ist er für die Umbenennung. "Ich habe vielfach Rückmeldungen von Bürgern bekommen, die das wünschen, dass die Straße wieder Judengasse heißt", erzählt er. Entscheiden müsse der Gemeinderat.

Formell ist die Sache gar nicht so einfach. Denn wie sich in der Verwaltung herausstellte, gibt es bereits eine alte Entscheidung des Gemeinderates für die Umbenennung in Judengasse. "Die Eintragungsverfügung wurde im April 1962 durch den Bürgermeister Johann Stretz unterzeichnet", erklärt Bauamtsleiter Christian Günthner. Der Beschluss war also offenbar da. Im Straßenbestandsverzeichnis wurde aber Ahornweg eingetragen, wie auf den Straßenschildern auch. Warum weiß weder Günthner, noch Deinlein.

Laut Chronistin war der Weg vorher nur Hofraum der Synagoge zugehörig. Zentrum des jüdischen Lebens in Reckendorf.

INFO:

Gemeinden In einigen Orten im Landkreis Bamberg gab es in der Vergangenheit jüdische Gemeinden: in Aschbach, Bischberg, Burgebrach, Buttenheim, Heiligenstadt, Hirschaid, Lisberg, Reckendorf, Reichmannsdorf, Trabelsdorf, Trunstadt, Viereth, Walsdorf und Zeckendorf. Friedhöfe, Synagogen, Ritualbäder und Schulen sowie Überreste von jüdischen Sakralgegenständen aus Gotteshäusern sind teilweise erhalten.

Bamberg "Mit Ausnahme der Orte Marktbreit und Fürth war den Juden des 18. Jahrhunderts der Zugang zu großen Orten Frankens verwehrt", schreibt Historiker Klaus Guth. Erst im 19 Jahrhundert wuchs die jüdische Gemeinde.

Ansiedlung Wie der Bamberger Kreisheimatpfleger Wolfgang Rössler erzählt, waren es einst die Reichsritter, die Juden ansiedelten und ihnen auch Hochzeiten ermöglichten. Freilich verbunden, mit allen möglichen Abgaben, die entrichtet werden mussten: Nur der Besitz eines Schutzprivilegs eines christlichen Herrschers ermöglichte die Ansiedlung.

Sanktionen Sonderabgaben und Steuern bestimmten den Alltag der Juden. "Wie im Dorf Gunzendorf bei Bamberg (1702) mussten die vom Hochstift Würzburg angesiedelten Juden 10 Gulden Hausmiete und selbstverständlich jährliches Schutzgeld von 12 Gulden zahlen", berichtet Guth. Weitere Abgaben gab es zuhauf: Neujahrsgelder an den Grundherren, Gänsegelder, Weg- und Pflastergelder, Beiträge zu Zuchthäusern. "Die Sondersteuern nahmen kein Ende."

Vermögen All das brachte die Landjuden in Franken im Durchschnitt in die Nähe der Armut. Erst im 19. Jahrhundert gelangten die Juden in den Städten teilweise zu Wohlstand.

Literatur Einen Überblick über die "Jüdischen Landgemeinden in Oberfranken" liefert Klaus Guth in seinem 1988 erschienen Buch. In der Reckendorfer Chronik hat Adelheid Waschka die Ortsgeschichte dokumentiert.

SITZUNG: Am heutigen Dienstag tagt um 18 Uhr im Reckendorfer Rathaus der Gemeinderat. Auf der Tagesordnung stehen unter anderem die Änderung der Geschäftsordnung und die Umbenennung des Ahornwegs zur Judengasse. Außerdem geht es um die Schaffung eines einheitlichen, kommunalen Förderprogramms mit einer Bauberatung im Innenbereich und zur Stärkung der Ortsmitten im Rahmen der Baunach-Allianz.



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