Bamberg

Suche das Glück - biete mein Leben: Von der schleichenden Gefahr der Glücksspielsucht

Fast verzockte er alles. Doch der heute 64-Jährige Bamberger kämpft sich zurück. Geklappt hat das nur dank Unterstützung von Gleichgesinnten und Familie. Auf die Gefährlichkeit der Zockerei macht der Aktionstag gegen Glücksspielsucht am 25. September aufmerksam.
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Ob Online-Casino oder Spielhalle: Glücksspiel ist heute rund um die Uhr verfügbar. Fatal für die mehr als 33000 Süchtigen in Bayern. Matthias Hoch
Ob Online-Casino oder Spielhalle: Glücksspiel ist heute rund um die Uhr verfügbar. Fatal für die mehr als 33000 Süchtigen in Bayern. Matthias Hoch

Es ist ein Tag wie immer. Hans Schmitt (Name von der Redaktion geändert) eilt von seiner Arbeitstelle in die Spielhalle. Wie so oft holt er sich einen Kaffee, steckt sich eine Zigarette an und erst nachdem er die ersten Münzen in den Automaten wirft, beruhigt sich sein Puls etwas. Er wirft weitere Münzen ein. Wieder und immer wieder. Irgendwann schaut er gar nicht mehr hin, was sich in dem blinkenden und piependen Gestell mit den rotierenden Scheiben tut. Geld wirft er weiter hinein. Wieder und immer wieder. Nach Stunden fragt er sich: "Was tue ich hier eigentlich?". Von da an behält Hans Schmitt seine Münzen für sich.

Das war vor 30 Jahren. Die Sucht aber verfolgt ihn bis heute. "Ich spiele nicht einmal Rommé und kann nie wieder einem Automaten zu nahe kommen. Zu groß ist meine Angst vor einem Rückfall." Dabei hatte Schmitt Glück im Unglück. Weil er schon damals recht gut verdiente, fiel die Sucht nicht gleich auf, seine Schulden hielten sich verhältnismäßig in Grenzen. Auch überstand seine Ehe die Talfahrt. Einfach war sein langer Weg zurück ins glücksspiellose Leben aber nicht.

Die meisten Spielhallen-"Karrieren" beginnen ähnlich. Man gewinnt ein paar Euro, fühlt sich im Glückstaumel unbesiegbar und macht weiter. Wer richtig Pech hat, hat zu Beginn richtig Glück. Den typischen Spieler gibt es indes nicht, jene extrovertierten Spielkisten können quasi jeden bezirzen. "Die Sucht macht keine Ausnahme."

Es gibt klare Anzeichen für eine Glücksspielsucht. Hier sind einige zusammengestellt.

Das fiese an der Glücksspielsucht sei, so Schmitt, dass sie sich schleichend und für Außenstehende kaum merklich ins Leben der Betroffenen fresse. Irgendwann kommt aber der Zusammenbruch, der Tag, an dem die vielen Lügen und Ausreden der Realität nicht mehr standhalten. Bei Hans Schmitt hatte es 16 Jahre lang, finanzielle Verluste im Wert eines Einfamilienhauses und einen gescheiterten Selbstmordversuch gedauert, bis er die Reißlinie ziehen konnte. Manche schaffen es dagegen nie.

Schätzungen der Landesstelle Glücksspielsucht Bayern (LSG) nach gibt es im Freistaat etwa 33 000 pathologische Glücksspieler, noch einmal mindestens genauso viele weisen ein "problematisches Spielverhalten" auf. Wie hoch die Dunkelziffer ist, lässt sich nicht einmal erahnen. "Häufig verlieren Betroffene alles, sei es ihre Beziehung, ihr Vermögen oder ihren Job. Auch die Angehörigen sind massiv betroffen", erklärt LSG-Geschäftsführer Konrad Landgraf. Dennoch findet das Thema im Gegensatz zu prominenten Krankheitsbildern wie Alkohol- und Drogensuchterkrankungen wenig öffentliche Wahrnehmung. Die LSG will das ändern, unter anderem mit einigen Kundgebungen anlässlich des Aktionstags am heutigen Mittwoch.

Nach eigenen Angaben hat auch die Automatenwirtschaft das Suchtpotenzial ihrer Produkte erkannt. Und steuert offiziell großzügig gegen. Ganz vorne dabei (in Franken mit ihren Merkur-Spielotheken) ist die Gauselmann AG. Großes Gefährdungspotenzial will das Unternehmen aber nicht erkennen, auf Anfrage schreibt ein Sprecher: "Lediglich ein geringer Teil gerät in unkontrollierte Spielsituationen." Dennoch seien Jugend- und Spielerschutz seit Jahren fester Bestandteil der Philosophie, heißt es weiter. Die Beschäftigten würden dies mit "großem Einsatz" und "Fingerspitzengefühl" umsetzen.

Doch stimmt das wirklich? Hans Schmitt winkt ab. "Glücksspielerei ist eine einsame Sache. Mich hat damals nie einer gefragt, wie es mir geht." Ähnliches spiegeln ihm die Mitglieder seiner Selbsthilfegruppe, auch heute noch. Da ändern selbst verschärfte Gesetze wenig: "Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel." Zumal es nie so leicht ist wie heute, seine Sucht auszuleben. Selbst wenn die 2700 bayerischen Spielotheken mal für eine Stunde am Tag schließen, das Internet schläft nicht.

Wie steht es um einen selbst? Glücksspielsüchtige beantworten mindestens sieben dieser Fragen mit Ja.

In den Tiefen des World Wide Web gibt es unzählige Online-Casinos und Wettbüros. Auch wenn es offiziell einzig in Schleswig-Holstein legal ist, können Menschen aus ganz Deutschland zocken -

Anmeldung genügt. Selbst TV-Werbung wird bundesweit geschalten. Dagegen tun können die Länder wenig, wie das Bayerische Innenministerium auf Anfrage zugeben muss. Die meisten Anbieter operierten aus dem Ausland, was die Vollstreckung der Untersagung "wenig erfolgversprechend" mache.

Das macht Schmitt betroffen. Er findet, dass kaum etwas getan werde. "Psychologen und andere Hilfsangebote gibt es viel zu wenige", sagt er. "Und vielleicht soll es ja der Glücksspielindustrie gar nicht an den Kragen gehen", mutmaßt er. "Stationäre Therapiekosten halten sich für den Staat in Grenzen", so Schmitt. "Die Steuereinnahmen wiederum können sich sehen lassen."

Er, der seine eigene Sucht im Griff hat, will weitermachen. Anderen helfen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. "Denn gewinnen wird am Ende immer die Spielbank."

Kommentar vom Autor: "Gedulet ist, was Geld ranschafft"

Es gibt Süchte, die lohnen sich und dann gibt es solche, die es nicht tun. Illegale Rauschgifte bringen dem Land nicht nur keine Einnahmen, sondern kosten auch noch eine Menge Geld (Kontrollen, Prozesse). Dann gibt es Substanzen, die sich in barer Münze auszahlen. Alkohol und Tabak sind solche Beispiele. Und das Glücksspiel.

Steuereinnahmen in diesen Bereichen sind beträchtlich, die sowieso viel geringeren Kosten für Therapien und Folgeerkrankungen lassen sich über andere Kanäle gut vom Staatshaushalt fernhalten. Deshalb erfahren etwa Cannabis-Konsumenten die Härte des Gesetzes, während perfide, ein gefährlich falsches Glück vorgaukelnde Spielhöllen die Menschen weiterhin seelenruhig um ihr Hab und Gut bringen dürfen. Geduldet ist, was Geld ranschafft.

Wer beißt schon in die Hand, die einen füttert?

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