Bamberg
Energie

Strompreise setzen den Bambergern zu

Der Blick auf die Stromrechnung fühlt sich für Bamberger wie Jürgen Rinklef wie ein Stromschlag an. Ein Vergleichsportal scheint das zu bestätigen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Jürgen Rinklef notiert den Stromverbrauch am Stadtwerke-Zähler. Obwohl er in den vergangenen zehn Jahren fast die Hälfte weniger Energie benötigt, ist seine Stromrechnung nahezu gleich geblieben. Foto: Ronald Rinklef
Jürgen Rinklef notiert den Stromverbrauch am Stadtwerke-Zähler. Obwohl er in den vergangenen zehn Jahren fast die Hälfte weniger Energie benötigt, ist seine Stromrechnung nahezu gleich geblieben. Foto: Ronald Rinklef
+2 Bilder

Das hätte Jürgen Rinklef selbst kaum für möglich gehalten: Legt er die Stromrechnungen der Stadtwerke von 2008 und 2018 gegenüber, hat er seinen Verbrauch um fast die Hälfte gesenkt. Umso erstaunter ist er, dass er trotz Halbierung der Kilowattstunden fast genauso viel zahlt wie vor zehn Jahren. "Egal, wie man einspart, die Endsumme bleibt gleich", seufzt der 77-jährige Bamberger. Dass das große Online-Vergleichsportal Verivox jüngst Bamberg zur "teuersten Energie-Stadt Deutschlands" gekürt hat, passt für ihn also voll ins Bild. "Da muss man was dagegen tun!", meint der Rentner.

Die Internet-Plattform stellte anhand einer Musterfamilie Vergleiche zwischen den 200 größten deutschen Städten auf. Bamberg kommt dabei schlecht weg. Hier zahle die Muster-Familie mit einem Verbrauch von 4000 Kilowattstunden Strom und 20 000 Kilowattstunden Gas durchschnittlich 2789 Euro im Jahr. "Das sind 372 Euro mehr als im Rest der Republik und 679 Euro mehr als in der günstigsten Stadt Lingen in Niedersachsen", schreibt Verivox in einer Pressemitteilung.

Das bringt die Weltkulturerbestadt an die Spitze einer unrühmlichen Top-10 der teuersten Energiestädte, in die es zum Beispiel auch Pforzheim, Heidelberg oder Kerpen geschafft haben. "Hier kosten Strom und Gas mindestens neun Prozent mehr als im Bundesschnitt", schreibt Verivox. In Bamberg sogar 15 Prozent.

Harsche Kritik an Methodik

Strom und Gas fließen in Bamberg allesamt durch Netze, die von den Stadtwerken betrieben werden. Kein Wunder, dass in dem städtischen Tochterunternehmen Krisensitzungen einberufen wurden. Die Stadtwerke wehren sich und erwägen sogar, "auch im Sinne des Verbraucherschutzes juristische Schritte gegen das Vergleichsportal" einzuleiten.

"Die Aussage, Bamberg sei die teuerste Energie-Stadt Deutschlands ist falsch, weil Verivox eine Musterrechnung aufgestellt hat, die die Realität nicht widerspiegelt", kontern die Stadtwerke. Geschäftsführer Michael Fiedeldey wird deutlich: "Wir stehen für fairen Wettbewerb. Solche Falschinformationen verunsichern unsere Kunden und schädigen das Unternehmen - und damit auch die Stadt Bamberg. Auch im Sinne des Verbraucherschutzes werden wir diese Machenschaften nicht akzeptieren."

"Falsch berechnet"

Fiedeldey und seine Mitarbeiter lassen kein gutes Haar an dem Vergleich. So sei unklar, welche Anbieter und Tarife konkret verglichen wurden. Außerdem habe Verivox die Gaskosten für die grundversorgten Kunden der Stadtwerke falsch berechnet. "Die Kosten sind tatsächlich zehn Euro günstiger", betont Pressesprecher Jan Giersberg.

Und noch mehr: "Der geringste Anteil der Stadtwerke-Kunden befindet sich in einem der so genannten ,Grundversorgungstarife', die wir laut Energiewirtschaftsgesetz anbieten müssen. Der größte Teil der Kunden ist in einem günstigeren Tarif." Durch einen Wechsel innerhalb der Stadtwerke seien die Kosten bei den Stadtwerken bis zu 477 Euro günstiger, als von Verivox dargestellt.

Warum die Preisunterschiede?

Doch es geht ja nicht zentral um die Stadtwerke-Tarife, sondern um die Tarife anderer Anbieter - und die sind laut Verivox in Bamberg höher als anderswo. Da stellt sich die Frage: Warum?

"Die Kosten für Strom und Gas unterscheiden sich nach Wohnort. Schuld daran sind die Netzentgelte, die Anbieter für die Durchleitung der Energie an die Netzbetreiber bezahlen müssen", erklärt Verivox-Sprecher Toralf Richter. Diese Kosten würden auf die Verbraucher umgelegt, machten etwa ein Viertel der Strom- und Gasrechnung aus und schwankten regional stark.

"Meine Kollegen haben sich die Netzgebühren in Bamberg angeschaut. Sie liegen deutlich über dem Durchschnitt", berichtet Richter. In Bamberg werden demnach bei einem Verbrauch von 4000 Kilowattstunden Strom pro Jahr aktuell Stromnetzgebühren von rund 314 Euro (netto) fällig, fast 40 Euro mehr als im bundes- und bayernweiten Durchschnitt. Ähnlich sehe es beim Gas aus.

Laut den Stadtwerken resultieren die regionalen Preisunterschiede im Wesentlichen daraus, dass die Entgelte bei den vier Übertragungsnetzbetreibern für die Nutzung der so genannten "Stromautobahnen" in Deutschland unterschiedlich sind. "Sie differieren extrem und sind in Bayern fast doppelt so hoch als in Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz", kritisiert Fiedeldey.

Das sagt der Klimaschutzbeauftragte

Wer also hat Recht? Wer eine Antwort sucht, muss tiefer in die Materie eindringen. "Der Strompreis setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen, der eigentliche Strom macht einen marginalen Teil aus", erklärt Robert Martin, als Klimaschutzbeauftragter des Landkreises Bamberg und Chef der Klimaallianz ein gefragter Ansprechpartner bei dem Thema. Netzentgelte werden vom Netzbetreiber beantragt und müssen von der Bundesnetzagentur genehmigt werden, erklärt er. Die einzelnen Netzbetreiber hätten also durchaus Spielraum bei der Höhe.

Martin weist aber auch darauf hin, dass Verivox ein einträgliches Geschäft damit betreibe, Vergleiche anzustellen und sich Ergebnisse in den oberen Rängen von den Anbietern bezahlen zu lassen. Der Rat des Klimaschutzbeauftragten: Grundsätzlich lohne es häufig, den Preis im Auge zu behalten und Anbieter gegebenenfalls zu wechseln.

Verbraucher Jürgen Rinklef hat darüber schon nachgedacht und das verworfen: "Mein Eindruck ist, das rechnet sich nicht. Da müsste ich wohl fast jährlich wechseln - da ist mir der Aufwand zu groß!"

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren