Bamberg
Energie

Strom, Spannung, Widerstand

Eine neue Höchstspannungsleitung quer durch das Coburger Land und die Haßberge - oder durch den östlichen Landkreis Bamberg? Nach dem Willen der Netzbetreiber soll der Kelch an Bamberg vorübergehen. Doch sicher ist das nicht.
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Das Umspannwerk bei Würgau: Eine alternative Trassenführung (P44mod) würde in den meisten Varianten über diesen Knotenpunkt verlaufen.  Foto: Ronald Rinklef
Das Umspannwerk bei Würgau: Eine alternative Trassenführung (P44mod) würde in den meisten Varianten über diesen Knotenpunkt verlaufen. Foto: Ronald Rinklef
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Wo wie viel Strom fließt, bestimmt in der Physik das Ohmsche Gesetz. In abgewandelter Form lässt es sich auch auf die Politik anwenden, was sich beim Ausbau des Stromnetzes zeigt: Wo politischer Widerstand fehlt, wo es keine großen Spannungen gibt - da fließt mehr Strom, weil neue Masten wachsen. Das wissen auch die Bürgermeister aus dem Osten des Landkreises Bamberg. Sie fürchten, dass auf ihrer Flur neue Masten entstehen könnten, und haben ihren Widerstand mit einer weiteren Resolution gezeigt. Viel Widerstand, große Spannungen, weniger Strommasten - so ihre Rechnung. Ein Teilerfolg ist erzielt. Momentan sieht es so aus, dass der Landkreis Bamberg verschont bleibt. Sicher ist es aber nicht.

Um was geht es konkret? Um ein Hin und Her bei einer weiteren großen Höchstspannungsleitung durch Franken, damit auch in kommenden Jahrzehnten Versorgungssicherheit herrscht. Ihr Name: P44. Ihr Verlauf: von Schalkau quer durch Coburger Land und die Haßberge nach Grafenrheinfeld - fernab vom Landkreis Bamberg. Es gibt aber auch Alternativwege, in verschiedenen Varianten als P44mod zusammengefasst, die größtenteils über vorhandene Trassen über das große Umspannwerk bei Würgau nach Ludersheim bei Nürnberg führen würden. Also quer durch den östlichen Landkreis Bamberg.

Welche Trasse wird verwirklicht? Was diese Frage angeht, da zeigte das politische Oszilloskop in den vergangenen Jahren unterschiedliche Ergebnisse an. Derzeit scheint die Ursprungsvariante realistischer. Der Landkreis Bamberg bliebe also verschont.

Warum steht Bamberg derzeit nicht im Fokus? "Die Ursprungsvariante P44 ist gegenüber den verschiedenen Varianten der P44mod wegen ihrer größeren netztechnischen Effizienz vorzuziehen", lautet das Fazit des zuständigen Netzbetreibers Tennet. So steht es Schwarz auf Weiß im ersten Entwurf des Netzentwicklungsplans 2030, den die Netzbetreiber nun an die Bundesnetzagentur übergeben haben. Ein energiepolitischer Fingerzeig, mehr aber noch nicht.

Warum wird die Ursprungsvariante favorisiert? Alle Alternativen sind deutlich teurer als P44. 150 Millionen würde die Ursprungsvariante kosten, 190 die günstigste Alternative, 360 die teuerste. Und das, obwohl P44 größtenteils auf einer völlig neuen Trasse entstehen und kaum bestehende Verläufe nutzen würde. Fast alle Alternativen sind jedoch deutlich länger als P44. Alles scheint momentan also für P44 zu sprechen, fernab vom Kreis Bamberg.

Was sagen die betroffenen Landkreise und Gemeinden? Im Coburger Land und den Haßbergen ist der Widerstand freilich groß. Im Kreis Bamberg signalisieren die Volksvertreter Wachsamkeit: "Die Bevölkerung soll wissen, dass wir hellwach sind und mit Argusaugen auf die Entwicklungen schauen werden", wird Landrat Johann Kalb (CSU) in einer Pressemitteilung zitiert. Zusammen mit Bürgermeistern aus Wattendorf (Thomas Betz), Scheßlitz (Roland Kauper), Stadelhofen (Ludwig Göhl), Königsfeld (Gisela Hofmann), Litzendorf (Klemens Wölfel), Heiligenstadt (Hans Göller) und Buttenheim (Michael Karmann) hat er eine Resolution unterzeichnet.

Deren Inhalt: Weitere Stromtrassen durch die Region werden vollumfänglich abgelehnt. Eine Verschiebung der geplanten Stromtrassen durch das Kreisgebiet sei "fachlich zweifelhaft".

Bereits vorhandene Stromnetze, der Bahnausbau und die Autobahnen A 73 und A 70 greifen demnach bereits erheblich in das Landschaftsbild ein. "Beeinträchtigen Sie die Menschen, die Landschaft und den sich gut entwickelnden Tourismus nicht zusätzlich!", lautet der Appell des Landrates und der Bürgermeister. "Eine weitere Beeinträchtigung der Kultur- und Erholungslandschaft und eine zusätzliche Belastung der Bevölkerung sind nicht mehr zumutbar."

Was sagt die Bundestagsabgeordnete? Emmi Zeulner (CSU) beschäftigt sich schon seit ihrer Wahl mit dem Thema. Kein Wunder. Ihr 215 000 Einwohner starker Wahlkreis Kulmbach umfasst auch die elf Gemeinden im Landkreis Lichtenfels sowie 19 Gemeinden des Landkreises Bamberg. Die bereits realisierte Thüringer Strombrücke - eine große Schwester der jetzigen P44-Trasse - führt durch die Lichtenfelser Flur nach Redwitz und auch der große Bruder Ostbayernring wird von dort weitergeführt. Zeulner betont, dass alle die Energiewende wollen, die Energie aber auch verteilt werden müsse. "Wenn Stromtrassen gebaut werden müssen, müssen diese aber auch gut begründet sein und nachvollziehbar für die Menschen vor Ort." Und im Fall der P44-Varianten ist Zeulners Urteil daher eindeutig: "Die Varianten über das Bamberger Land sind am wenigsten erklärbar, weil sie die teuersten und längsten sind. Stromtrassen werden aber auch gebaut, um die Redispatch-Kosten zu senken, also Kosten, die aufgrund von Netzengpässen entstehen. Wenn nun die teuren Varianten gebaut würden, hätte dies also einen gegenteiligen Effekt."

Wie geht es nun weiter? Der Ball liegt nun bei der Bundesnetzagentur. Hier werden die Entwürfe der Netzbetreiber ausgewertet. Voraussichtlich bis Ende 2019 wird die Agentur den Netzentwicklungsplan dann der Bundesregierung übermitteln. Die Regierung überarbeitet danach den Bundesbedarfsplan. Dann entscheidet der Bundestag. Das Ergebnis, also der neue Bundesbedarfsplan, soll im ersten Halbjahr 2020 verabschieden werden. Am Donnerstag trifft sich der Bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Dabei sein werden auch die hessischen und thüringischen Wirtschaftsminister. Auch die Trassen werden Thema sein - ein spannungsgeladenes Treffen.

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