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Streit unter dem Sternenlogo: Autohaus-Mitarbeiter streiken in Bamberg für Tarifvertrag

Die Mitarbeiter des Autohauses Scholz haben am Montag oberfrankenweit für die Fortführung des Tarifvertrags gestreikt, auch am Standort Bamberg. Die Geschäftsleitung spricht von existenzbedrohenden Forderungen.
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Etwa 100 Mitarbeiter des Mercedes-Händlers Auto Scholz streiken für die Fortführung des aufgekündigten Tarifvertrags.  Fotos: Ronald Rinklef
Etwa 100 Mitarbeiter des Mercedes-Händlers Auto Scholz streiken für die Fortführung des aufgekündigten Tarifvertrags. Fotos: Ronald Rinklef
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Dominik Baumann arbeitet seit 16 Jahren beim Autohaus Scholz in Bamberg. "Mit Stolz", sagt er und deutet auf den großen Mercedes-Stern in luftiger Höhe. An diesem sonnig-heißen Montagvormittag steht Baumann gemeinsam mit etwa 100 Kollegen in orangener Warnweste der Gewerkschaft IG Metall vor den Toren des Autohändlers in der Kärntenstraße in Bamberg. "Nicht weil wir wollen, sondern weil wir keine Wahl haben", sagt Baumanns Kollege Robert Geiger. Der im März ausgelaufene Haustarifvertrag, den es seit zwölf Jahren gibt, sei "für beide Seiten stets zufriedenstellend gewesen", so Baumann. Doch die Geschäftsleitung will ihn nicht fortführen. Dadurch kam es zum ersten Streik in der fast 125-jährigen Unternehmensgeschichte.

Drei Runden gescheitert

"Wir fordern nichts Unmögliches", meint Baumann. "So blutet unser Unternehmen aus", meint hingegen Michael Eidenmüller, Geschäftsführer und Inhaber des Autohauses mit 370 Mitarbeitern in Stadt und Landkreis Bamberg und oberfrankenweit 1320 Beschäftigten. Zeitgleich wurde auch an den Standorten Bayreuth und Kulmbach gestreikt. Was ist in den drei gescheiterten Verhandlungsrunden seit Herbst 2018 passiert? Das beschreiben Geschäftsführer auf der einen und Betriebsrat sowie Gewerkschaftler auf der anderen Seite höchst unterschiedlich. Er habe im Oktober angeboten, den Haustarifvertrag um zwei bis drei Jahre zu verlängern - ohne Lohnerhöhung. Doch die Gewerkschaft habe verlangt, "dass die kleinen Gewinne der letzten zwei Jahre umverteilt werden", erklärt der Geschäftsführer. Der Betriebsrat spricht hingegen von drei guten Jahren. Auch bei den Forderungen gehen die Versionen auseinander: Eidenmüller nennt zusammengerechnet zehn Prozent, die Gewerkschaft rund drei Prozent in Anlehnung an den bayernweit verhandelten Flächentarif.

"Nicht zu erwirtschaften"

Eidenmüller bestätigt, dass er keinen Haustarifvertrag mehr wolle. Das liege an der IG Metall: "Wir mussten bereits die Standorte Hollfeld und Bad Berneck verkaufen", sagt Eidenmüller. So hätten etwa 75 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verloren. "Wir können doch nicht weiter Betriebe schließen nur wegen den Forderungen der IG Metall." Die Gewerkschaft bringe "nur Verleumdungen, um Mitglieder zu rekrutieren. Die hetzen unsere Mitarbeiter auf." Würde er auf die Forderungen eingehen, "wäre das eine zusätzliche Belastung von zwei Millionen Euro. Das ist nicht zu erwirtschaften." Die Branche stehe vor schwierigen Zeiten.

Eidenmüller ist auch Geschäftsführer von Porsche- und VW-Händlern in Oberfranken. Dort gebe es keine Tarifverträge, wie in etwa 90 Prozent der bayerischen Autohäuser. "Und es funktioniert gut." Eidenmüller setze deswegen auch beim Autohaus Scholz auf individuell ausgehandelte Verträge für die einzelnen Mitarbeiter und sei dabei bereit, eine dreiprozentige Lohnerhöhung über zwei Jahre anzubieten. Über die Hälfte der Belegschaft habe bereits an Gesprächen teilgenommen.

Kanzlei in der Kritik

Von solchen Gesprächen rät Gewerkschaftssekretär Benjamin Oster, der auch die Verhandlungen führte, während des Streiks ab. "Lasst euch nicht einlullen", ruft er ins Mikrofon. Oster prangert zudem an, dass die Geschäftsleitung die Anwaltskanzlei Schreiner und Partner beauftragte. Diese sei "dafür berüchtigt, rigoros gegen Belegschaft und Gewerkschaft vorzugehen." Die Kanzlei bietet Seminare an mit Titeln wie "Störenfriede im Betrieb - So trennen Sie sich von schwierigen Mitarbeitern".

Er wisse nicht, mit welchem Auftrag die Kanzlei betraut sei, "aber das Geld, das sie bekommt, würde ich viel lieber in euren Taschen sehen", sagt Oster. Knapp 5000 Euro hat das Autohaus Scholz an die Kanzlei gezahlt, wie aus drei Rechnungen hervorgeht, die die Geschäftsleitung der Redaktion vorlegte. Die Honorare wurden nicht für Seminare, sondern nur für Beratungsstunden gezahlt. Dabei sei es um das Anschreiben an die Mitarbeiter für die Einzelgespräche gegangen sowie darum, "welche Möglichkeiten wir haben, den falschen Behauptungen unseres Betriebsrates und der IG Metall mit rechtlichen Mitteln entgegentreten zu können", sagt Eidenmüller. So sei seitens des Betriebsrates in einer Verhandlung etwa eine Umsatzrendite von fünf Prozent genannt worden, wobei diese laut Geschäftsleiter bei 0,9 Prozent liege. Das Unternehmen erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von 500 Millionen Euro.

Gewerkschaftssekretär Oster spricht hingegen von mehreren wohlwollenden Angeboten an die Geschäftsleitung, etwa auch kürzere Laufzeiten. "In schwierigen Zeiten sind wir auch auf die Geschäftsführung zugegangen", sagt Betriebsratsvorsitzender Rainer Merkel. So hätten die Mitarbeiter teils auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichtet. Entsprechend wünsche sich Merkel aber auch, dass die Firma die Belegschaft an Gewinnen beteilige. Der Jahresumsatz lag zuletzt bei rund 500 Millionen Euro. In den Verhandlungen habe die Geschäftsleitung stets geblockt. Die statt des Tarifvertrags angebotenen Individualverträge seien zunächst zwar ähnlich, könnten aber jederzeit zu Gunsten des Arbeitgebers geändert werden. Zudem müssten die Mitarbeiter künftig einzeln um Lohnerhöhungen kämpfen. "Das kann man den Kollegen nicht zumuten", ist Merkel überzeugt.

Solidarisch beteiligten sich auch etwa 20 Mitarbeiter von Bosch und Brose am einstündigen Streik. Und auch die Kirche: "Tarifverträge sind Friedensverträge. Wer die kündigt, bringt Unfrieden", meint Manfred Böhm, Leiter des Katholischen Arbeitnehmerpastorals.

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