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Streit um den Wohnungsmangel: Wie weltfremd ist der Bamberger Stadtrat?

Wegen ihrer Aussagen zum Bamberger Wohnungsmarkt sehen sich Bamberger Stadträte einer Welle der Kritik gegenüber. Doch sie bekommen Schützenhilfe.
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Müssen Wohnungssuchende tatsächlich bald im Zelt schlafen, wie es eine Protestaktion von Studenten im Mai 2018 nahe legte?  Ronald Rinklef
Müssen Wohnungssuchende tatsächlich bald im Zelt schlafen, wie es eine Protestaktion von Studenten im Mai 2018 nahe legte? Ronald Rinklef
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Es waren ein paar Sätze im Bausenat, die die Wogen hoch schlagen lassen. Franz-Wilhelm Heller (CSU) hatte den bevorstehenden Abbruch von 218 Studentenwohnungen in Bamberg-Ost zum Anlass genommen, vor einer Dramatisierung der Lage auf dem Bamberger Wohnungsmarkt zu warnen. Es gebe auch in Bamberg immer noch Wohnungen, die keine Abnehmer fänden, weil sie zum Beispiel keinen Balkon hätten. Sein Kollege Herbert Lauer von der Bamberger Allianz sprach gar von einer gewissen Anspruchshaltung bei Studenten.

Die Retourkutsche kam prompt. In 49 Kommentaren auf der Facebook-Seite des Fränkischen Tags entlud sich der geballte Volkszorn über die "weltfremden Politiker" in Bamberg, die nicht mehr wüssten, wie es auf dem Mietwohnungsmarkt zugeht: "Die "Ansprüche zu hoch? Wohnungsbesichtigungen mit 50 Konkurrenten... Fliesen aus den 60igern, mit veralteten Sanitäreinrichtungen, knarzenden Dielen - für 750 Euro kalt", beschreibt etwa E. S. eine aus seiner Sicht alltägliche Situation. Auch Julia H. beklagt die gestiegenen Preise und die Verharmlosung der Politiker: "Unglaublich. Wenn man was für eine Familie sucht, bekommt man nur noch Angebote, für die ein ganzes Vollzeit-Gehalt drauf geht. Und die Stadt macht nichts dagegen..."

Herbe Kritik müssen sich die Stadträte gefallen lassen: "Wenn die das wirklich so gesagt haben, dann kriegen sie nicht mehr mit, was auf dem Mietmarkt in Bamberg los ist. So kann man eigentlich nur reden, wenn man zu den etablierten Bamberger Haus- und Wohnungsbesitzern gehört...", findet Wolfgang B. Noch deutlicher wird S..: "Nächstes Jahr sind Wahlen, meine Liste der Kandidaten, die nicht wählbar sind, wird immer länger. Vielleicht ist die Idee mit der Enteignung nicht so schlecht. Man sollte die Bamberger Politiker enteignen und auf Wohnungssuche schicken..."

Doch Franz-Wilhelm Heller bleibt dabei. Im FT-Gespräch berichtet er von Wohnungen, die in seinem Bekanntenkreis für 250 Euro Kaltmiete im Monat Studenten angeboten wurden. Doch trotz der vergleichsweise niedrigen Miete sagten die Bewerber ab, "weil die Wohnung keinen Balkon und keine Badewanne hatte".

Für Heller ist diese Antwort symptomatisch für einen Markt, der nicht so schlecht sei, wie er allgemein geredet werde. Denn gäbe es eine Wohnungsnot, die diesen Namen verdient, würden wohl auch Wohnungen ohne Balkon gerne genommen werden . Und ja, die Ansprüche hätten sich gewaltig geändert, sagt Heller: "Es will halt heute jeder am liebsten in eine Neubauwohnung. Das kann ich verstehen, aber es geht halt nicht."

Dabei ist der CSU-Sprecher im Bausenat keiner, der sagen würde, der Neubau sei ausreichend. "Es fehlt an bezahlbaren Wohnungen in Bamberg. Deshalb begrüße ich es, wenn jetzt wieder mit dem geförderten Wohnungsbau in der Gereuth angefangen wird. Nur so wird es möglich sein, wirklich günstige Wohnungen zu schaffen."

Ganz ohne Hintergrund hat auch Herbert Lauer nicht über die gestiegenen Ansprüchen der Mieter lamentiert. Als Verwalter der Wohnungen der Kirchenstiftung St. Urban hat er selbst erfahren, wie eine Wohnung in Bamberg-Südwest von Studenten abgelehnt wurden, weil sie zu weit von der Universität entfernt liege. Am Preis kann die Absage nicht gelegen haben, denn die Stiftung nimmt laut Lauer nur vier bis fünf Euro pro Quadratmeter. Doch ebenso lässt der Stadtrat keinen Zweifel daran, dass gewisse Gruppen in Bamberg wie etwa Alleinerziehende extrem vom Wohnungsmangel betroffen sind. "Deshalb bin ich nach wie vor der Meinung, dass weiter viel gebaut werden muss." Es fehle besonders an günstigen Wohnungen.

Mieter wollen keinen Luxus

Da werden ihm die wenigsten Wohnungssuchenden in Bamberg widersprechen. Maria S, beispielsweise redet davon, dass viele Bamberger Mieter gerne in die ehemaligen US-Wohngebiete gezogen wären. "Die Bamberger Mieter wollen keinen Luxus, und brauchen auch keine Luxuswohnungen, nur bezahlbare", sagt sie. Auch Matthias S. kann die Erfahrungen der Stadträte nicht nachvollziehen. So habe er selbst befreundete Studenten aufnehmen müssen, weil die Suche trotz großer Mühen erfolglos verlaufen sei. "Alle angebotenen Wohnungen wurden von uns angeschrieben."

Wie heiß gelaufen ist der Bamberger Wohnungsmarkt? Interessante Zahlen kann die Stadtbau GmbH beisteuern. Veit Bergmann, Geschäftsführer des mit über 4000 Wohnungen größten Vermieters Bambergs, berichtet von 140 Anfragen von Wohnungssuchenden im zurückliegenden April. Doch trotz einer Zahl von 63 konkreten Angeboten der Stadtbau sei es nur zu 19 Vertragsabschlüssen gekommen. Dies belege, dass eine große Zahl von Bewerbern nicht auf die Angebote der stadteigenen Gesellschaft angewiesen sei.

Am Preis dürfte es auch hier nicht liegen: Die Durchschnittsmiete bei der Stadtbau beziffert Bergmann mit derzeit knapp über fünf Euro pro Quadratmeter. Die Spanne liegt zwischen drei und 12 Euro. Der höchste Preis wird u.a. für den nicht geförderte Wohnungsbau auf der Erba-Insel verlangt. Die Wohnungen unweit davon im Fabrikbau sind bereits für fünf Euro zu haben.

Ist die Situation prekär oder eher entspannt? Dies fragen wir auch den Bamberger Mieterverein? Vorsitzender Thomas Kliemann spricht von einem ziemlich knappen Markt in Bamberg. Im aktuellen Mietspiegel seien die Wohnungskosten angehoben worden. Aktuell gebe es auffällig viele Eigenbedarfskündigungen. Dennoch relativiert auch der Lobbyist der Mieter: Eine regelrechte Wohnungsnot sei nicht zu beklagen: "Noch immer hat jeder , der etwas gesucht hat, auch eine Wohnung in Bamberg bekommen."

Über den Einzelfall ist damit aber nichts gesagt: Manuela H. schildert andere Erfahrungen: "Wir haben jahrelang nach einer für eine Familie bezahlbaren Wohnung gesucht. Von den wenigen Wohnungen, die angeboten werden, sind die meisten zu klein oder die Preise utopisch."

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