Laden...
Bamberg
Jugendarbeit

Streetworker verklagen die Stadt Bamberg

Nach sechs Jahren endet die Ära der Streetworker bei der Stadt mit unrühmlichen Begleitgeräuschen. Aus dem erhofften sanften Übergang zu "Iso" wird nichts. Statt dessen geht es um die Glaubwürdigkeit der Stadt als Arbeitgeberin und um die Fragen, wie weit öffentliche Aufgaben privatisiert werden sollen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Unter der Löwenbrücke waren Bambergs Streetworker in der Vergangenheit öfter im Einsatz. Nun droht ein Bruch bei der aufsuchenden Jugendarbeit in Bamberg.
Unter der Löwenbrücke waren Bambergs Streetworker in der Vergangenheit öfter im Einsatz. Nun droht ein Bruch bei der aufsuchenden Jugendarbeit in Bamberg.
Was "dauerhafte Planstellen" sind, darüber sollte man nicht streiten können. Dauerhaft ist dauerhaft. Oder etwa nicht? Im Januar 2009 meldete die Pressestelle der Stadt Bamberg, dass der Stadtrat die Planstellen für zwei Streetworker nun "dauerhaft" eingerichtet habe. Zwei junge Leute starteten mit vielversprechendem Elan in ihre schwierige Aufgabe.

Sechs Jahre und drei Befristungen später ist die Euphorie bei den Bamberger Streetworkern verflogen, zumindest, was den Dienstherren angeht. Statt eines sanften Übergangs steht im Aufgabenfeld "Streetwork Bamberg" ein abrupter Umbruch bevor: Für die Mitarbeiter, die den geplanten Wechsel zu einem freien Träger ablehnen, und statt dessen die Stadt verklagen, aber auch für ihre Klienten aus dem teils schwierigen sozialen Milieu, die sich an neue Ansprechpartner gewöhnen müssen.


Stadt will "Synergieeffekte"

Dass es so weit kam, ist kein Naturgesetz, sondern die Folge eines Beschlusses im Familiensenats im Juli dieses Jahres. Eine Mehrheit aus CSU und SPD stimmte damals in der von Bürgermeister Christian Lange (CSU) geleiteten Sitzung für die Auslagerung des aufsuchenden Jugendbereichs an ISO, den freien Träger der offenen Jugendarbeit in Bamberg. Damit hofft die Stadt, etwas für "Flexibilität und Synergieeffekte im Sozialbereich" zu tun, sagt Ulrike Siebenhaar. Ziel sei es, die Jugendlichen nicht nur auf der Straße zu betreuen, sondern von der Straße zu holen und wieder zu den Angeboten der offenen Jugendarbeit zu bringen.

Man muss wissen: Iso, eine gemeinnützige GmbH für "Innovative Sozialarbeit", hat 2012 die offene Jugendarbeit bei der Stadt übernommen und bekommt für diese Dienstleistung bislang 410 000 Euro im Jahr. Nun soll ab Januar auch noch der Bereich Streetwork dazukommen. Hört man Iso-Geschäftsführer Matthias Gensner, dann sprechen vor allem fachliche Gründe für eine Verlagerung: die räumliche Einbindung der Streetworker im Jugendzentrum am Margaretendamm, die Steuerung der Arbeit durch den mit 100 Mitarbeitern personalstarken Träger und generell die gesetzlichen Vorgaben zur Subsidiarität sozialer Aufgaben. Dass es um das Einsparen von Kosten gehen könnte, bestreitet Iso-Chef Gensner: Iso zahle nicht weniger als die Stadt.

Freilich gibt es auch Stimmen in Bamberg, die bei "Privatisierungen" hellhörig werden. SPD-Stadtrat Felix Holland hat der Beauftragung von Iso nicht zugestimmt - gegen die Mehrheitsmeinung von CSU und SPD. Mehr als einmal habe sich erwiesen, dass die Übertragung von öffentlichen Aufgaben auf private Dienstleister von Kosteneinsparungen diktiert und mit einer Schlechterstellung der betroffenen Mitarbeiter verbunden gewesen sei. Holland glaubt, dass dies auch beim geplanten Wechsel für die Streetworker zutrifft. "Es heißt zwar, die Bezahlung sei am öffentlichen Tarif angelehnt. Doch wer genau hinsieht, erkennt, dass die Abstriche deutlich sind."

Wird der Erfolg gefährdet?

Doch es geht beim Streit um die Zukunft der Streetworker nicht allein um die persönliche Betroffenheit von Mitarbeitern, die durch die Befristung ihrer Verträge nur begrenzte Möglichkeiten haben, sich zur Wehr zu setzen. Noch während der Sitzung des Familiensenats hat Streetworker Thomas Neubert eine Reihe von Gründen genannt, weshalb die bisherige Organisation ganz wesentlich zum Erfolg beigetragen hat. Für ihn sind die Streetworker eine unverzichtbare Unterstützung gerade für die hoheitlichen Aufgaben des Jugendamts: "Als Mitarbeiter der Stadt Bamberg unter dem Dach des Jugendamtes sind wir für unsere junge Zielgruppe ein gewichtiges Sprachrohr geworden. Es geht hier um Familien, bei denen nicht alles rosarot ist, um Alkoholabhängige und Junkies, die nicht durch die Jugendarbeit erreicht werden können und auf die Unterstützung eines gewichtigen Trägers angewiesen sind." Dass dies nun gefährdet werde, sei sehr enttäuschend.
Es ist nicht so, dass diese Argumente nicht bekannt wären. Peter Gack von den Grünen stellt den Bamberger Streetworkern ein hervorragendes Zeugnis aus. Sie hätten einen sehr guten Draht zu den Jugendlichen aufgebaut. Dass die fachlichen Gründe ausschlaggebend gewesen seien für die Auslagerung, bezweifelt er: "Hier geht darum, Kosten einzusparen."

Kurioserweise gab es auch in der CSU Sympathie für das Anliegen der Streetworker. You Xie, der deutsch-chinesische Senkrechtstarter der CSU-Fraktion, hatte vor der Sitzung des Familiensenats einen Antrag formuliert, dass die Streetworker auch in Zukunft zum Jugendamt gehören sollten. "Als Außenstelle des Stadtjugendamtes bauen sie Ängste junger Leute gegenüber dem Jugendamt ab und können für Ihre Zielgruppe schneller und unkomplizierter Unterstützung erwirken als dies unter privater Trägerschaft der Fall wäre", begründet Xie seine Forderung, den Status Quo beizubehalten. Freilich: Im Interesse der Fraktionsdisziplin zog er den Antrag zurück und blieb der Sitzung fern, um nicht gegen die Kollegen stimmen zu müssen.

Arbeitsgericht entscheidet

Zwischenzeitlich ist der Fall bei Gericht gelandet. Die drei Bamberger Streetworker haben das Angebot zu Iso zu wechseln, abgelehnt und klagen gegen die Stadt auf Entfristung ihrer Arbeitsverträge. Eine Gütetermin ist dem Vernehmen nach gescheitert.

Kommentare (2)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren