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Leben

Manchmal kommen ihm noch die Tränen: Ein Bamberger Palliativpfleger erzählt aus seinem Alltag

Seit 20 Jahren wird Helmut Metzger tagtäglich mit dem Tod konfrontiert. Der Palliativpfleger aus Bamberg hat gelernt, damit umzugehen - es ist sogar der beste Beruf, den er sich vorstellen kann. In manchen Fällen kommen aber selbst ihm noch die Tränen.
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Palliativversorgung ist mehr als reine Sterbebegleitung: Helmut Metzger ist seit 20 Jahren in der palliativen Pflege in Bamberg aktiv. "Wir werden den Tod nicht aufhalten.  Beim letzten Atemzug eines Menschen dabei zu sein, lässt die Zeit stillstehen. Foto: Matthias Hoch
Palliativversorgung ist mehr als reine Sterbebegleitung: Helmut Metzger ist seit 20 Jahren in der palliativen Pflege in Bamberg aktiv. "Wir werden den Tod nicht aufhalten. Beim letzten Atemzug eines Menschen dabei zu sein, lässt die Zeit stillstehen. Foto: Matthias Hoch
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Helmut Metzger lächelt, wenn er das Zimmer betritt. Das tut er immer. Dafür muss sich der 55-Jährige gar nicht anstrengen, obwohl seinen Besuchen nur selten ein freudiger Anlass vorausgeht. Auch jetzt: Auf dem Bett liegt eine ältere Dame, Metzger kennt sie von seinen Besuchen bei ihr zu Hause. Ihr Zustand hat sich etwas verschlechtert, nun ist sie vorübergehend auf die Palliativstation des Bamberger Klinikums gezogen. Metzger lässt es sich auf keinen Fall nehmen, ihr selbst nach Dienstschluss Hallo zu sagen. Denn der Palliativpfleger weiß nicht, wie oft er noch die Chance dazu hat.

"Wir werden den Tod nicht aufhalten", sagt Metzger. "Und das wollen wir auch gar nicht." Aber im Bamberger Palliativzentrum liegt mehr als nur der Tod in der Luft. Bücherschränke und Spielecken, Terrassenmöbel und Springbrunnen zeugen vom Leben, das sich in diesen Räumen abspielt. Abspielen kann. Zur Palliativversorgung gehört mehr als nur begleitetes Sterben - nicht selten werden Menschen wieder zurück auf andere Stationen überwiesen oder gar nach Hause entlassen.

In der Regel schwerwiegende Diagnosen

In der Regel aber begegnet Metzger Menschen mit schwerwiegenden Diagnosen. Wie viele er bereits beim Sterben begleitet hat, kann er nicht mehr zählen. Seit nunmehr 20 Jahren ist der Bamberger in der Palliativpflege tätig, seither bestimmen Sterbenskranke seinen Berufsalltag. Zweimal sei er an einem Punkt gewesen, seinen Beruf wechseln zu wollen. "Zum Glück bin ich geblieben", sagt er. Denn Helmut Metzger liebt seine Arbeit.

Erst mit 31 Jahren entschied sich der vormals gelernte Automechaniker für einen Pflegeberuf. "Ich wollte weg von Maschinen, hin zu den Menschen." Nach langen Reisen um die Welt und innerer Einkehr fasst Metzger den Entschluss, Krankenpfleger werden zu wollen. Recht schnell nach seinem Examen zum Krankenpfleger wird das Palliativzentrum in Bamberg gegründet. Metzger ist von Beginn an dabei, hilft beim Aufbau der Station.

"Die Patienten gewinnen", sagt Chefärztin Dr. Brigitte Lotter. "Der Tod kommt sowieso irgendwann. Wie gut die Patienten bis dahin leben können, ist entscheidend." Die Schulmedizin konzentriere sich auf das Bekämpfen der Erkrankungen, "aber kranke Menschen sind mehr als nur ihre Krankheit". Daher ist der Ansatz der Palliativmedizin ein besonderer, Untersuchungen und lebensverlängernde Maßnahmen werden weitgehend vermieden. Vor allem dann, wenn Patienten keine Therapien mehr wünschten oder weitere Anwendungen mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen würden.

Auch Hygiene, Frühstück und sonstige pflegerische Betreuung schlagen in einem anderen Takt. Auf der Station gibt es zwölf Betten in gemütlich eingerichteten Einzelzimmern. Wer morgens länger schlafen möchte, könne dies tun. "Hier geht es um die Bedürfnisse der Menschen", sagt Lotter. Darum, dass sie sich wohlfühlen in den manchmal nur vermeintlich letzten Stunden.

Palliative Lebensverlängerung?

Eine Studie zweier Wissenschaftler aus dem US-amerikanischen Bundesstaat Portland geht sogar davon aus, dass palliative Therapien das Leben verlängern könnten. Wie die Forscher kürzlich im Fachmagazin "Jama Oncology" veröffentlichten, spielt die Zeit des Therapiestarts eine Rolle: Zwischen 31 und 365 Tage nach der Diagnose zu beginnen, hatte das Leben jedes zweiten Probanden verlängert, heißt es. Den Zusammenhang eindeutig erklären können Donald R. Sullivan und seine Kollegen zwar nicht, aber sie gehen davon aus, dass die geringere Symptomlast, die gestiegene Lebensqualität und ein besseres Verständnis der Erkrankung ausschlaggebend sein könnten.

"Sie haben noch vier Monate zu leben." Mit solchen Prognosen alleine gelassen, wenden sich immer wieder Patienten an Helmut Metzger. Um sich Trost zu holen, Mitgefühl zu spüren, Widerspruch zu erhoffen. Er hält prinzipiell nichts von solchen Schätzungen. "Einmal erzählte mir ein älterer Herr, dass heute sein prognostizierter Todestag sei. Es ging ihm gut und er lebte noch eine ganze Weile weiter."

Nur selten beim Sterben dabei

Klar gebe es Todesanzeichen: Atemrasseln, verdrehte Augen, nach oben gebeugte Arme. "Man kann den Tod aber nicht versprechen", erklärt Helmut Metzger. Das Sterben sei so individuell wie der Mensch selbst. Fakt ist nur: "Wir gehen alle." Diese Erkenntnis hilft dem 55-Jährigen stets dabei, an den alltäglich erlebten Geschichten nicht zu zerbrechen. Beim Sterben selbst ist er zwar nur selten dabei, gefragt sind da Angehörige oder Hospizbegleiter. Aber es kommt vor. "Beim letzten Atemzug eines Menschen dabei zu sein, lässt die Zeit stillstehen."

Und doch muss der Tod nicht zwangsläufig negativ sein. "Es gibt Menschen, die ein gutes Leben hatten und bereit sind, zu gehen", sagt Chefärztin Brigitte Lotter. Nicht selten sind es eher die Angehörigen, die tröstender Worte und des Zuspruchs bedürfen. Das bestätigt auch Konrad Goller, Vorsitzender des Bamberger Hospizvereins. "Die Tabuisierung des Sterbens ist da, viele kommen erst, wenn jemand tot ist." Was es braucht, sei eine umfassende Betreuung - für Betroffene und Angehörige. Da hilft das, worauf Lotter immer wieder stolz hinweist: die besondere Situation, in Bamberg Palliativstation, Hospizverein und Hospizakadamie unter einem Dach zu wissen.

"Vorreiterrolle" in Oberfranken

In der Domstadt gehört Helmut Metzger zu den Leuten der ersten Stunde. Eingeweiht wurde die Palliativstation am 24. November 1999. Die zur Jubiläums-Feierstunde am Freitag angereiste Gesundheitsministerin Melanie Huml lobte sie als Vorreiterin der Region Oberfranken. "In diesen zwei Jahrzehnten hat die Palliativstation dazu beigetragen, das Leiden von vielen Patienten mit unheilbaren, weit fortgeschrittenen Erkrankungen zu lindern", sagte sie. Solche Stationen gibt es laut Ministerium derzeit an 51 Krankenhäusern (mit insgesamt 478 Palliativbetten) in Bayern. Zudem gibt es im Freistaat 45 Teams zur spezialisierten ambulanten Palliativversorgung für Erwachsene (SAPV) und sechs Teams für Kinder und Jugendliche.

Vor fast zehn Jahren verließ Helmut Metzger den stationären Bereich, ohne dem Palliativgedanken abzuschwören. Er stieß zum hiesigen SAPV-Team. Ähnlich einem ambulanten Pflegedienst besucht er die Menschen zu Hause, spricht mit ihnen, berät sie und sorgt dafür, dass Schwerstkranke so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können. Bei den Besuchen genießt er es, nicht auf die Uhr schauen zu müssen, sich Zeit nehmen zu können. "Ich könnte mir keine bessere Arbeit vorstellen", sagt Metzger.

Klar könne er hin und wieder schlechter schlafen, etwa wenn ihn ein tragischer Fall nicht loslässt. Auch ihm, dem vor Erfahrung strotzenden Fachmann, kommen dann schon einmal die Tränen. Doch meistens kann er am Feierabend abschalten, das Sterben mit all dem Drumherum ausblenden. In jenen Momenten ist er nur Helmut Metzger, ein 55-jähriger Bamberger. Ein paar Stunden später, wenn er das Namensschildchen wieder anheftet und zu lächeln beginnt, ist er Helmut Metzger, der leidenschaftliche Palliativpfleger.

Palliativpflege - Was ist das überhaupt und an wen kann man sich wenden?

Was ist Palliativpflege?

Palliativmedizin kann und will Symptome nicht mehr heilen. Es geht darum, Schmerzen zu lindern und Angst zu nehmen, um ein würdevolles Leben zu ermöglichen (medikamentöse und nichtmedikamentöse Symptomkontrolle). Profitieren können todkranke Patienten genauso wie Patienten mit degenerativen Krankheiten und einer hohen Schmerzsymptomatik. Weiter gibt es Hospiz, in dem Schwerstkranke mit absehbarem Lebensende bis zu ihrem Tod betreut werden. Welche Formen gibt es?

Die meisten Schwerstkranken werden in der allgemeinen Palliativversorgung betreut. Dazu gehört hauptsächlich die kontinuierliche Versorgung durch Haus- und Fachärzte sowie ambulante Pflegedienste. Auch stationäre Pflegeeinrichtungen und allgemeine Krankenhäuser gehören dazu. Weiterhin empfehlen Experten, die Leistungen von ambulanten Hospizdiensten in Anspruch zu nehmen. Was verbirgt sich hinter speziellen Palliativstationen in Krankenhäusern? Diese Stationen sind eigenständige Einrichtungen zur Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen, die einer Krankenhausbehandlung bedürfen. Ziele der Behandlung sind eine Verbesserung oder Stabilisierung der jeweiligen Krankheit sowie die anschließende Entlassung - soweit möglich - nach Hause.

In Franken gibt es 15 solcher Einrichtungen, etwa in Bamberg, Coburg, Kulmbach und Schweinfurt. Eine Übersichtskarte und weitere Angebote gibt es im Internet unter www.palliativ-portal.de.

Gibt es diese Betreuung auch für zu Hause?

Ja. Zum einen gibt es allgemeine ambulante Palliativversorgung (AAPV), etwa durch einen Hausarzt. Seit 2007 hat jeder Versicherte mit einer nicht "heilbaren, fortschreitenden und weit fortgeschrittenen Erkrankung bei zugleich begrenzter Lebenserwartung" überdies das Recht auf Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV). Geschulte Fachkräfte besuchen die Patienten daheim und können diese in ihrer vertrauten Umgebung betreuen - mit einer 24-Stunden-Rufbereitschaft. SAPV wird von einem Hausarzt oder Krankenhausarzt verordnet und muss von der Krankenkasse genehmigt werden. Sogenannte Palliative Care-Teams (Ärzte, Pfleger, Ehrenamtliche) versorgen die Patienten ganzheitlich. Ziel ist es, Krankenhauseinweisungen aufgrund belastender Symptome zu vermeiden

Kommen Kosten auf mich zu? Die Kosten für Palliativpflege, Hospiz- und Palliativversorgung trägt in der Regel die Krankenkasse. Für die ambulante Versorgung können auch Leistungen der Pflegekassen hinzukommen, wenn eine Pflegebedürftigkeit nach Sozialgesetzbuch Elf (SGB XI) besteht. An wen wende ich mich?

Das SAPV-Team der Sozialstiftung Bamberg unterhält Stützpunkte in weiten Teilen Oberfrankens. Infos und Anmeldung unter 0951/50314714 oder im Netz unter www.sozialstiftung-bamberg.de. Grundsätzliche Informationen und eine Postzahlensuche für regionale Angebote gibt es beim Landesverband SAPV Bayern unter www.sapv-bayern.de.

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