Burgebrach
Gottesdiensttest

St. Vitus Burgebrach: In der Predigt geht der rote Faden verloren

Wie ein indischer Pfarrer vom Lukas-Evangelium zu einem Spendenaufruf für seine Heimat kommt, ist schwer nachzuvollziehen. Zu Besuch in der Burgebracher Kirche.
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Die Kirche St. Vitus in Burgebrach hat auf der einen Seite einen schönen Vorplatz zum Austausch der Gläubigen zu bieten, auf der anderen Seite sind reichlich Parkplätze vorhanden. Michael Memmel
Die Kirche St. Vitus in Burgebrach hat auf der einen Seite einen schönen Vorplatz zum Austausch der Gläubigen zu bieten, auf der anderen Seite sind reichlich Parkplätze vorhanden. Michael Memmel

Das Urteil unseres Testers:

Beim Gottesdienstbesuch in Burgebrach spielt die Tatsache, dass es sich beim Pfarrer um einen indischen Reverend handelt, keine unwesentliche Rolle. Dr. Samson Badugu aus der Diözese Cuddapah (Andhra Pradesh) spricht laut und eher langsam, seine ungewohnte Aussprache erfordert allerdings etwas Konzentration, um ihn gut zu verstehen. Seiner Predigt zu folgen und einen roten Faden zu entdecken, ist keinesfalls leicht, was auch daran liegen dürfte, dass Deutsch nicht die Muttersprache des Geistlichen ist.

Badugu scheint bei den Burgebrachern jedoch beliebt zu sein, was sich direkt nach dem Gottesdienst zeigt, wenn er sich Zeit für ein langes Gespräch mit den Gläubigen nimmt. Dieser Austausch offenbart: Es stimmt in der Gemeinde.

Unter den etwa 120 Besuchern des Gottesdienstes am Sonntag haben die meisten ihren 60. Geburtstag bereits hinter sich, aber auch ein paar Jüngere sind zu entdecken. Wie es um den Besuch an anderen Tagen bestellt ist, lässt sich aus diesem Hinweis an der Eingangstür erschließen: "Aus Kostengründen werden an Werktagen nur die ersten fünf Bankreihen beheizt."

Die Bewertungen im Einzelnen

1. Einstieg

Mit einem "Herzlich willkommen zusammen" beginnt Reverend Samson Badugu den Gottesdienst. Er nimmt Bezug zu einer Aussage von Papst Franziskus, blickt in Richtung Evangelium und Predigt voraus und beschönigt die Entwicklung der Kirche nicht: "Wir werden weniger!" Trotzdem wird das Thema der Messe nicht wirklich deutlich und ein persönliches Wort vom indischen Pfarrer in Richtung der Gläubigen fehlt leider. - Ein guter Plan - mit Luft nach oben umgesetzt. 2. Musik Orgel und Gemeinde sind nicht immer 100 Prozent synchron - meist galoppiert die schon etwas mitgenommene Orgel mit ordentlichem Spiel eine halbe Sekunde voraus, aber die Besucher hecheln keineswegs hinterher. Nein, die Gemeinde singt entschlossen, fast leidenschaftlich mit. Beim dritten Lied tritt ein Vorsänger im Altarraum auf, der sich mit den Gemeindemitgliedern abwechselt - eine bemerkenswerte Einlage. - Absolut solide. Und das Wichtigste: Die Besucher sind mit dem Herzen dabei. 3. Lesungen Eine Lektorin trägt den Brief von Paulus an die Galater vor. Darin zeigt sich, wie sehr dieser von manchen bekämpft wurde. Der Vortrag ist etwas leise und monoton, aber in einem guten Tempo gehalten, so dass kleine Holperer zu verzeihen sind. - Ein keinesfalls einfacher Text wird verständlich vermittelt. 4. Predigt Das Evangelium nach Lukas dreht sich um Missionsarbeit ("Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe"). Leider gelingt es Reverend Samson Badugu in sieben Minuten nicht, aus dieser Vorlage eine stimmige Predigt zu entwickeln. So bleibt unklar, wie eine Geschichte vom Straßburger Münster in die Thematik passt. Letztlich stellt er über die Missionsarbeit einen Bezug zu seiner Heimat Indien her und seinem Verein "Wanitha Wani - Stimme für Frauen". Für diesen bittet er um Spenden. - Ein Verein, der sich für Frauenrechte in Indien einsetzt, hat sicherlich Unterstützung verdient. Trotzdem: Ein Spendenaufruf ist etwas dünn als Conclusio einer Predigt. 5. Kommunion/Abendmahl Die Kommunion selbst kommt klassisch daher. Kommunionhelfer erhalten Brot und Wein im Altarraum. Jeweils zu zweit teilen sie vorne und in der Mitte der Kirche aus. Menschen, die in der ersten Reihe - auch nach dem Mittelgang - sitzen, erhalten die Kommunion direkt am Platz und müssen nicht nach vorne kommen - eine gute Idee. Das Austeilen ist rasch erledigt und wie alles von einer gewissen Straffheit gekennzeichnet. - An Personen mit Handicap wird gedacht - so dürfte es auch in anderen Kirchen sein! 6. Segen Mit dem gewohnten Segen und dem Satz "einen wunderschönen Sonntag wünsche ich Ihnen - Gehet hin in Frieden!" endet der Gottesdienst nach 52 Minuten. Ein persönliches Wort oder ein Satz, der die Themen vorher noch einmal einfängt, sind nicht zu hören. Noch ehe der Pfarrer in der Sakristei ist, erheben sich die ersten Gläubigen. Das Orgelspiel ist noch nicht verklungen, da ist die Kirche schon wieder leer. - Der Nachklang hätte intensiver ausfallen dürfen. 7. Ambiente Da die Kirche ohne Säulen im Langhaus auskommt, wirkt sie weit und groß. Sie stiftet aber trotzdem Gemeinschaft. Die Kreuzwegstationen an den Seitenwänden lenken kaum ab vom üppig verzierten und vergoldeten Altarraum. Über dem Marmorboden liegt teilweise roter Teppich und erhebt alle Besucher zu Ehrengästen. Die grauen Wände bräuchten mal wieder einen neuen Anstrich, ansonsten wirkt die Kirche sauber und einladend. - Das Gotteshaus signalisiert eindeutig: Hereinspaziert!

8. Kirchenbänke Die Polsterung der Bänke ist super, aber trotzdem sorgt das Sitzen für kein großes Vergnügen. Der Grund: Die Ablage der hinteren Bank drückt in den Rücken und bewirkt, dass sich die Gläubigen ständig etwas nach vorne lehnen müssen und den Gottesdienst in unentspannter Haltung verbringen. Die Kniebank nimmt zudem viel Platz ein und zwingt zu angewinkelten Beinen. Immerhin: Es gibt wohl Sitzheizung. - Der Platz ist beengt, das Sitzen etwas ungemütlich. 9. Beleuchtung Das Licht kommt sehr schlicht und unaufdringlich ins Dunkel der Kirche. Wer die modernen Leuchter, die mehrfach von der Decke hängen, nicht bewusst sucht, wird sie in der 1154 erstmals erwähnten, mit gotischen und barocken Elementen versehenen Pfarrkirche kaum wahrnehmen. Auch durch die Fenster strömt einige Helligkeit ins Innere. Im Zentrum der Glasfenster sind klein und bunt Heiligen-Figuren dargestellt. - Dunkelheit hat in St. Vitus keine Chance - und das gelingt ohne viel Aufhebens. 10. Sinne Als Reverend Samson Badugu das Evangelium vorträgt, stehen zwei Ministranten mit Leuchtern daneben und begleiten ihn danach zu einem Seitenaltar, wo er die Bibel ablegt; die beiden Leuchter werden daneben platziert. Es ist neben dem sehr lauten Klang der Glocke, die vor dem Gottesdienst die Gläubigen in die Kirche ruft, einer der wenigen festlichen und sinnlich greifbaren Situationen. Die Fürbitten kommen von Gemeindemitgliedern, darunter auch Kinder. Es beginnt zwar etwas durcheinander, dann aber ist es eine starke Geste des Miteinanders. - Die Kirchenbesucher emotional mitnehmen - das Bemühen ist erkennbar.

Warum ein Gottesdiensttest?"

Wir wollen mit unserem Gottesdienst-Test die Kirchen ein wenig mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. Unter Kirchgängern, Geistlichen und Lesern soll eine Diskussion darüber entstehen, was einen guten Gottesdienst ausmacht. Dieses in der Regel sonntägliche Treffen hat für evangelische wie katholische Christen ja bis heute eine große Bedeutung. Soll lebender Ausdruck des Christseins sein. Wir haben uns für eine Bewertung nach objektiven Kriterien theologische Hilfe geholt bei den Professoren Martin Stuflesser (Würzburg), er ist auch Berater der deutschen Bischofskonferenz, und Martin Nicol (Erlangen), der mit seinem Buch "Weg im Geheimnis" ein Plädoyer für den evangelischen Gottesdienst abgibt. Ergänzt werden objektive Kriterien um die subjektiven Eindrücke, die unsere Kollegen gewonnen haben. Alle Berichte unserer Serie finden Sie auf unserer Übersichtsseite zum Gottesdiensttest. Dort finden Sie auch ausführliche Infos.

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