Bamberg
Gottesdiensttest

St. Stephan in Bamberg: Ein Ohrenschmaus für die Minderheit

In der evangelischen Kirche St. Stephan wird der überzeugende Prädikant von der Kirchenmusikdirektorin Ingrid Kasper noch übertroffen.
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Die Stephanskirche in Bamberg Ronald Rinklef
Die Stephanskirche in Bamberg Ronald Rinklef

Das Urteil unseres Testers:

Schon die Kirchengeschichte ist erstaunlich: Ursprünglich im 11. Jahrhundert als katholische Kirche im Auftrag von Kaiserin Kunigunde erbaut und im 17. Jahrhundert erneuert, wurde sie 1808 im Zuge der Säkularisation zur evangelischen Kirche umgewandelt. Sie wurde damit zur Heimstatt für die protestantische Minderheit im katholisch geprägten Bamberg. Im nächsten Jahr feiert das Gotteshaus sein 1000. Weihejubiläum mit einer Fülle von Aktionen und Veranstaltungen, die weit über Religion hinausgehen werden und alle Bamberger zum Besuch einladen.

Aber auch an jedem Sonntag lohnt sich das Vorbeikommen in St. Stephan, wenn Ingrid Kasper den Gottesdienst gestaltet. Für die Gläubigen bietet sich hier immer wieder die Möglichkeit, ein kostenloses Konzert zu erleben, ja sogar selbst mitzugestalten. Ein erhebendes Erlebnis, dass die emotionale Grundlage für die Geistlichen bereitet, die Besucher auf jeder Ebene anzusprechen.

Die Bewertung im einzelnen:

1. Einstieg "Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrlich auferstanden." Am ersten Sonntag nach Ostern hallt die Botschaft noch nach. Das greift auch Prädikant Frank Jenschke in seiner Einführung auf und erklärt die Hintergründe dieses Tages, der bei den Katholiken als "Weißer Sonntag" bekannt ist. Das Thema für den Gottesdienst wird deutlich umrissen: Können wir wirklich darauf vertrauen, dass Jesus den Tod überwunden hat? Sympathisch: Jenschke stellt sich selbst auch kurz vor. Der Auftakt ist mehr für den Kopf als für das Herz. 2. Musik Was hier geboten wird, kann sich hören lassen. Das garantiert die Dekanatskantorin Ingrid Kasper. Die Kirchenmusikdirektorin reißt nicht nur mit ihrem gewaltigen Orgelspiel mit, sie dirigiert anfangs auch einen Chor, der abwechselnd mit den Gläubigen das "Halleluja" intoniert. Der Höhepunkt folgt jedoch noch: Nach dem Abendmahl taucht Kasper vor dem Altar auf, um alle Besucher zum Kanon zu animieren. Mit Erfolg! Kirchenmusik wie sie besser kaum sein kann.

3. Lesungen Ein älteres Gemeindemitglied liest die Geschichte vom "ungläubigen Thomas" mit kräftiger, raumfüllender Stimme. Die Zuhörer können problemlos folgen, nicht nur weil die Geschichte bestens bekannt ist, sondern weil der Vorleser auch Pausen macht, den Text wirken lässt. Direkt im Anschluss betet die Gemeinde das Glaubensbekenntnis, gleichsam als Antwort auf den Jünger, der Beweise benötigt, um an die Auferstehung zu glauben. Eine einleuchtende Kombination. Die Gläubigen werden doppelt mitgenommen.

4. Predigt Auch der Bibeltext zur Hoffnung der Christen (Petrus 1,3-9) nimmt direkt Bezug zum Glauben. Und so fragt auch Jenschke in seiner Predigt von der Kanzel: "Wie steht es um unsere Glaubensgewissheit angesichts der Flüchtlingskrise?" In seinen gut 15-minütigen Ausführungen schweift er davon jedoch ab. Er landet schließlich beim Mut, den Christen aufbringen müssen, um ihren Glauben auch gegen Widerstände zu bekennen. Anspruchsvoller Ansatz, der auch aufgeht. 5. Kommunion/Abendmahl Die Gemeinde versammelt sich in mehreren Gruppen im Halbkreis hinter dem Altar, um zusammen Brot und Wein zu empfangen. Es ist an alles gedacht: Die erste Gruppe erhält nur Traubensaft, für die folgenden Runden gibt es tatsächlich Wein. Und Jenschke lädt auch all diejenigen ein, nach vorne zu kommen, die kein Abendmahl wollen. Ihnen bietet er stattdessen eine Segnung an. Danach fassen sich alle an den Händen. Die Zeremonie findet ohne Hast statt und dauert trotzdem nicht ewig, denn das Ausgeben der Gaben teilen sich fünf Männer und Frauen. Hier wird die Gemeinschaft spürbar. 6. Segen Zum Abschluss bleibt der Rückgriff auf das Thema des Gottesdienstes aus. Nach dem ritualisierten Segen folgt ein letztes Lied und erhebende Orgelmusik. Damit sind die Besucher aber noch nicht entlassen, denn Jenschke nimmt sich die Zeit, um am Ausgang jedem die Hand zu geben und "Gottes Segen" mitzugeben. Erst nüchtern, dann doch sehr persönlich.

7. Ambiente Die Innengestaltung von St. Stephan ist bemerkenswert. Im kreuzförmigen Grundriss steht seit 1986 der Altar im Mittelpunkt, also direkt dort, wo die beiden Kreuzachsen aufeinandertreffen. Schräg darüber sticht eine eiserne Skulptur von Rui Chafes namens "Stärker als der Tod" ins Auge - eine Dauerleihgabe des Erzbistums. Nicht die einzige Kunst in der Kirche, die zum Nachdenken anregt: Walter Green hat zwei Stelen aus ausgedientem Bauholz geschaffen, Jürgen Goertz einen Taufstein, der Geburt und Passion Christi vereint. Ungewöhnlich ist der Eingang über einen modernen, durchaus gelungenen Vorbau, den Stephanshof. Wenig Schnörkel, aber viele spannende Details.

8. Kirchenbänke Es gibt keine feste Polsterung auf den Sitz- und Kniebänken - wobei Letztere bei der Messe auch nicht benötigt werden. Sitzkissen können allerdings geliehen werden, sind durchaus bequem und dämpfen etwas die Hitze der Sitzheizung. Hier lassen sich auch längere Messen "aussitzen".

9. Beleuchtung Der Raum kommt gerade für ein ehemals katholisches Gotteshaus eher puristisch daher. Weiß dominiert seit der Innenrenovierung von 1987 als Farbe, goldene Verzierungen sind selten zu finden, dafür häufiger dunkles Holz, das dem Gotteshaus eine ordentliche Portion Wärme verleiht. An den Fenstern fehlen die bekannten Buntglasbilder, stattdessen strömt viel Licht durch das Klarglas herein. Das lässt die Kirche hell und freundlich wirken. Eine künstliche Beleuchtung dürfte tagsüber nicht häufig nötig sein. Mehr Licht: Goethe wäre sicher zufrieden.

10. Sinne Langweilig wird es im gut einstündigen Gottesdienst in St. Stephan nicht. Er überrascht mit Chorgesang, einfühlsamer Lesung, gemeinschaftlichem Abendmahl und mit einem Kanon aus heiterem Himmel. Und wer möchte, kann sich ansonsten von spannender Kunst gedanklich ablenken lassen. Beste Unterhaltung, die auch an einem ganz normalen Sonntag gleich doppelt geboten wird - um 9.30 und um 11 Uhr. Warum zum ersten Gottesdienst diesmal nur 40 Besucher kamen? Vielleicht lag's auch am Weißen Sonntag bei der "Konkurrenz". Kopf und Herz - für beide ist reichlich geboten.

Warum ein Gottesdiensttest?

Die Ergebnisse unserer unangekündigten Gottesdiensttests, das wissen wir, sind rein subjektiv. Warum dann dieser Test? Weil wir glauben, dass es eine Diskussionsbasis braucht, um Kirche und Bürger wieder näher zusammenzubringen. Und weil wir denken, dass Kirche und Glaube nicht weiter auseinanderdriften sollten. Wir freuen uns deshalb auf den Dialog mit Kirchenvertretern, Gläubigen und allen Menschen, die uns ihre Meinung zu diesem wichtigen Thema mitteilen wollen. Schreiben Sie uns: redaktion@infranken.de. Alle Berichte unserer Serie finden Sie auf unserer Übersichtsseite zum Gottesdiensttest. Dort finden Sie auch ausführliche Infos.

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