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Tatort Bayern

Spurensuche, die unter die Haut geht

Der frühere Gerichtsmediziner Prof. Wolfgang Eisenmenger spricht auf Einladung des Justizministeriums über ein blutiges Gewerbe.
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Wolfgang Eisenmenger (links) im Gespräch mit Thortsne Otto Fotos: Ronald Rinklef
Wolfgang Eisenmenger (links) im Gespräch mit Thortsne Otto Fotos: Ronald Rinklef
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Es ist doch eigentlich eine schöne Ironie, wenn das bayrische Staatsministerium der Justiz schreibt: "Mit unseren Krimiabenden wollen wir deutlich machen: In Bayern leben, heißt sicher leben." Das stimmt sicherlich. Und um das zu feiern, hat das Ministerium einen Mann eingeladen, der ins Spiel kam, wenn es doch nicht sicher genug war, das schöne Jubiläums-Bayern: Prof. Wolfgang Eisenmenger.

Eisenmenger arbeitete von 1972 bis 2009 als Gerichtsmediziner, ist heute Vorsitzender der Ethikkomission der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilian-Universität München, gilt als einer der renommiertesten Vertreter seines Fachs. Thorsten Otto, Moderator, bekannt von Bayern 3, kommt direkt ins Schwärmen: "Die 25 000 Leichen, die Sie seziert haben ...!"

Glücklicherweise ist dieser Wolfgang Eisenmenger nicht nur ein toller Pathologe und Fachmann, sondern auch ein Entertainer, der seinem blutigen Gewerbe viele lustige Seiten abringen kann. Es sei vielleicht nötig gewesen, einen solchen Umgang zu lernen. Viele Probleme, die ihn beschäftigten, habe er am Abend bei seiner Frau abgeladen. "Noch hat sie mich nicht verlassen."

Otto fragt sogleich mal nach einem der prominentesten Fälle auf dem Tisch des Professors: Franz Josef Strauß. Wobei: Auf den Seziertisch kam der verstorbene Ministerpräsident nie. Weil vor der Tür des Krankenhauses Reporter wimmelten, musste Strauß auf dem Operationstisch geöffnet werden.
Die Aufgabenstellung in einem solchen Fall sei die gleiche wie immer. "Doch man spürt die Blicke der anderen", sagt Eisenmenger. Als er dann das Herz von Strauß in den Händen hatte, hielt er es dessen Leibarzt unter die Augen: Die langjährig ignorierte Herzerkrankung war offenbar.

Dass er heute so abgeklärt über das Sezieren der Leichen spricht, hätte er während seiner Ausbildung nicht für möglich gehalten. Während einer Operation wurde Eisenmenger schlecht. Er glaubte, kein fließendes Blut sehen zu können, wollte unbedingt und sicher Landarzt werden. "Ich war eigentlich ein empfindliches Pflänzchen", sagt er. "Man gewöhnt sich an alles."

Otto und Eisenmenger gemeinsam schaffen es, ein Gespräch zu bauen, dass die obligatorischen Anekdoten enthält und den Werdegang und die harten Fakten des Fachmanns: Die Kapitaldelikte in Bayern seien deutlich zurückgegangen, die Aufklärungsquote liege bei nahezu 100 Prozent.

Manchmal dauert's halt etwas länger: Der Fall der Wasserleiche aus dem Ammersee fällt ihm ein. Wegen Überschwemmung kam die trotz Beton-Gewichten zurück an die Oberfläche. Ein Bekannter der Toten war Taucher, sein Anzug jedoch nagelneu. "Die Polizisten vor Ort sagten: Der ist ein Schwob, der hat den alten Anzug bestimmt verwertet." Tatsächlich: Der Mörder hatte den Anzug, den er trug, als er sein Opfer wegbrachte, in Zahlung gegeben. Unter den Gürtelschlaufen: Wasser aus dem Ammersee.

Eine diebische Freude umspielt die Mundwinkel von Wolfgang Eisenmenger, wenn er solche Geschichten erzählt. "Irgendeinen Fehler macht jeder", sagt er, "und den zu finden, das macht schon Spaß." Über die Jahre hat er damit zur Aufklärung unzähliger prominenter und weniger prominenter Kriminalfälle beigetragen. Seinen Geruchssinn hat Eisenmenger dafür schon vor etwa 20 Jahren verloren, Berufsrisiko wohl.

Es ist halt nicht alles schön in der Pathologie: "Wenn im Sommer eine Leiche im Wald gefunden wird. Das Gewusel und Gewimmel ... Das hat mir nie Freude gemacht. Aber die Tiere können nix dazu."
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