Bamberg
Fußball

Wenn es am Ende wieder klingelt

Die Schlussphase ist am torreichsten - das zeigt die Statistik. Welche Rolle der Kopf in den letzten Minuten einer Partie spielt, beurteilen unmittelbar Betroffene aus der Region: ein Sportpsychologe, ein Trainer und ein Spieler.
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In der Schlussphase oft eine Fußspitze voraus: Der FC Eintracht Bamberg um Torjäger Tobias Ulbricht (weißes Trikot) hat in dieser Saison vier Spiele in den letzten Minuten noch für sich entschieden.  Foto: sportpress
In der Schlussphase oft eine Fußspitze voraus: Der FC Eintracht Bamberg um Torjäger Tobias Ulbricht (weißes Trikot) hat in dieser Saison vier Spiele in den letzten Minuten noch für sich entschieden. Foto: sportpress
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Die Klasse wird der 1. FC Nürnberg wohl nicht mehr halten. Gegen die Hoffenheimer blieb der Club zum 19. Mal in Folge in der Bundesliga ohne Sieg. Andrej Kramaric besiegelte in der 78. Minute die 1:2-Niederlage.

Einige Klassen tiefer machte es der FC Eintracht Bamberg besser. Der Spitzenreiter der Landesliga Nordost lief im ersten Spiel nach der Winterpause lange einem 0:1-Rückstand hinterher, dennoch gab es drei Punkte: Ausgleich in der 77., Siegtreffer in der 87. Minute.

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Egal welche Liga, oft fallen späte Treffer. Das belegt die Statistik. Teilt man die Spielzeit in sechs Abschnitte, so werden in den letzten 15 Minuten (inklusive Nachspielzeit) die meisten Tore geschossen. Der Druck wächst, die Anspannung und die Müdigkeit nehmen zu - gerade in engen Spielen fällt der entscheidende Treffer oder das Ausgleichstor erst spät.

Schweinfurt als Negativbeispiel

Gerade Spitzenmannschaften haben den Ruf, spät zu treffen. So wird dem deutschen Serienmeister FC Bayern München schon seit Jahren der "Bayern-Dusel" nachgesagt. Aber es gibt Topteams, die in den Schlussminuten Punkte verspielen. Ein Beispiel dafür ist der FC Schweinfurt 05 in der laufenden Regionalliga-Spielzeit. Die Mannschaft von Trainer Timo Wenzel steht mit 41 Punkten auf dem dritten Rang und hat zwölf Zähler Rückstand auf Spitzenreiter FC Bayern München II. Doch die Remiskönige aus Schweinfurt fingen sich in fünf Partien jeweils in den letzten 15 Minuten noch den Ausgleich und ließen so zehn Punkte liegen. "Zehn Punkte mehr und wir wären im Titelrennen dick im Geschäft", sagt Wenzel.

Das Saisonende beim Höchstadter EC sorgt für Unmut

m Titelrennen ist in der Landesliga Nordost der FC Eintracht Bamberg - und das ebenfalls dank 15 Treffern in der Schlussviertelstunde. Diese brachten elf Punkte. Die Experten in Reihen der Eintracht sind die Stürmer Max Großmann und Tobias Ulbricht. Von seinen 17 Saisontoren erzielte Großmann sieben ab der 76. Minute, sein 34-jähriger Sturmpartner hat der Eintracht schon vier Punkte durch späte Tore beschert.

Fürther sind offensiv Spätzünder

In der 2. Liga stellt die SpVgg Greuther Fürth mit 24 Treffern einen der schwächsten Angriffe. Dabei sind die Kleeblätter offensiv Spätzünder. Mit 13 Treffern haben sie mehr als die Hälfte ihrer Tore in der Schlussviertelstunde erzielt und damit noch 13 Punkte gesammelt. Wirkt sich hier auch die Zusammenarbeit mit dem technischen Direktor Martin Meichelbeck aus? Der Ex-Bundesligaprofi ist studierter Sport-Psychologe. "Der Kopf steuert vieles, was sich gut trainieren lässt", sagt der 42-Jährige, der in Baunach aufwuchs.

Da widerspricht der Schweinfurter Coach Wenzel. Er hält psychologisches Training im Fußball nur für schwer umsetzbar. Eintracht-Stürmer Ulbricht schreibt die späten Tore Spielern zu, die jede Mannschaft haben sollte. "Du brauchst Typen, die es unbedingt wollen", sagt der Torjäger.

Das sagt Martin Meichelbeck (Sportpsychologe und technischer Direktor der SpVgg Greuther Fürth:

Der Körper erfährt gegen Ende eines Spiels eine körperliche und mentale Ermüdung. Wenn die stattfindet, geht das zulasten der Konzentrationsfähigkeit und der Handlungsschnelligkeit. Die Fehlerzahl steigt, es gibt mehr Abschlussmöglichkeiten für die Offensive.

Gegentore in den Schlussminuten haben auch einen psychosomatischen Zusammenhang. Das Team spürt, wenn beim Gegner die Ermüdung eintritt. Es entsteht das Gefühl, dass noch etwas möglich ist. Bei der führenden und müden Mannschaft kann ein Gefühl von Angst entstehen. Du erstarrst, denn Angst kann dich in all deinen Abläufen lähmen. Das ändert deine periphere Wahrnehmung maßgeblich. So können Spiele oft noch ihre Richtung verändern.

Im Fußball spielen auch emotionale und kognitive Faktoren eine Rolle, die häufig eine zu geringe Beachtung erfahren. Im Hinblick auf späte Gegentore ist Angst aus psychologischer Sicht ein wesentlicher Faktor. Es geht um die Angst, etwas zuvor Aufgebautes verlieren zu können. Viele können damit nicht gut umgehen. Ermüdung spielt auch eine Rolle, doch die psychologische Seite wird oft unterschätzt. Der Druck lässt sich fußballspezifisch im Training nur schwer simulieren. Psychologisch lässt sich das aber wunderbar trainieren. Wenn du öfter ein spätes Gegentor kassierst, fällt es irgendwann auf. Es passiert einmal, da denkst du: Das geht noch. Passiert es ein zweites Mal oder öfter, denkst du dir: Hoffentlich passiert es nicht wieder - und schon bist du im ,Modus' der negativen selbsterfüllenden Prophezeiung. Irgendwann hast du eine negative Erwartung, die dann auch eintritt. Sportpsychologisches Training sollte ein Baustein in der Entwicklung und Betreuung der Spieler sein, denn letztlich steuert der Kopf alles. Paradox ist leider im Profifußball, dass dieser häufig zu wenig trainiert wird. Eine nachhaltige Etablierung halte ich für sinnvoll. Es gibt verschiedene Methoden und Techniken, die sich sowohl mit der Gruppe als auch individuell umsetzen lassen."

Das sagt Timo Wenzel (Trainer des FC Schweinfurt 05):

"Als Trainer warnst du dein Team vor jedem Spiel davor, keine dummen Fouls in der Schlussphase zu begehen. Bei Standards musst du eben immer aufpassen. Gegen Spielende lässt auch die Konzentration nach. Körper und Kopf werden müde. Das sind für mich die wesentlichen Punkte für späte Gegentore.

An der Einstellung der Mannschaft liegt es hingegen nicht. Wenn es späte Gegentreffer gibt, kann man zur Mannschaft natürlich sagen, dass sie cleverer spielen muss. Dass einer vielleicht mit Ball zur Eckfahne geht. Nur müssen es die Spieler auch kapieren und begreifen. Schließlich sind sie es, die die Situationen auf dem Platz lösen müssen.

Wiederholen sich die späten Gegentreffer, spielt der Kopf irgendwann eine Rolle. Du schaust immer wieder auf die Uhr und die Erfahrung verankert sich im Unterbewusstsein. Manchmal fehlen dann ein paar Prozent.

Beim 1:1 in Aschaffenburg haben wir beispielsweise einen Sonntagsschuss kassiert. Als Trainer brauchst du danach nicht viel zu sagen. Wir waren in Unterzahl und haben es richtig gut gemacht. In solchen Fällen muss man die Mannschaft loben, draufhauen bringt nichts.

Dagegen haben wir in Illertissen bei einer 2:1-Führung spielerische Lösungen gesucht, anstatt den Ball auf die Tribüne zu hauen. Kurz vor Schluss rutscht ein Spieler aus - 2:2. Da stauche ich die Mannschaft auch mal zusammen und spreche die Dinge klar an. Als Trainer ist immer auch der Psychologe gefragt - die Reaktion ist aber eben von der Situation abhängig.

Wer selbst Fußball spielt, weiß, wie es sein kann. Du führst knapp und der Gegner wirft noch einmal alles nach vorne. Das ist ein immenser Druck, so dass du deine Qualitäten nicht mehr entfalten kannst. Ich glaube nicht, dass man diesen psychischen Druck wirklich trainieren kann. Am Besten ist: so gut verteidigen, dass der Gegner einen Rückpass spielen muss."

Das sagt Tobias Ulbricht (Stürmer des FC Eintracht Bamberg):

"Für unsere späten Tore sehe ich zwei Gründe: Zum einen ist das Fitnesslevel der Mannschaft richtig gut. Wir können 90 Minuten lang Gas geben. Zum anderen hat das Team eine sehr gute Mentalität. Die Mannschaft gibt nie auf. Wir haben zwar am vergangenen Wochenende mit 0:1 gegen Neudrossenfeld verloren, dennoch haben wir den Gegner auch in Unterzahl in dessen Hälfte gedrängt.

Wenn du schon ein oder zwei Spiele gedreht hast, weißt du, wenn du hinten liegst, dass du es wieder schaffen kannst. Du glaubst als Mannschaft daran. Dieser Wille ist bei uns immer da.

Zusammen mit der entsprechenden Fitness sind das für mich Komponenten, die es möglich machen, ein Spiel in den Schlussminuten noch herumzureißen. Zumal in der Schlussphase die Konzentration bei allen Akteuren nachlässt. Wenn du nicht richtig auf der Höhe bist, passieren Leichtsinnsfehler. Bist du dagegen trotz hoher Belastung voll auf der Höhe, kannst du nochmals ein paar Prozent drauflegen. Oftmals fällt dann eben doch noch ein Treffer in den Schlussminuten.

Was du auch noch brauchst, sind die Typen, die es wollen und die vorangehen. Obwohl wir in Bamberg eine junge Mannschaft haben, die noch entwicklungsfähig ist, haben wir ein Grundgerüst. Max Großmann geht als Kapitän immer voran. Wenn er den Ball am Strafraum bekommt und relativ unbedrängt ist, ist die Chance sehr hoch, dass er trifft.

Schwer zu erlernen

Dazu haben wir mit Lukas Schmittschmitt, Marc Reischmann und Felix Popp Typen, die einen mitreißen können. Eine solche Achse mit Führungsspielern im Zentrum zu haben, finde ich enorm wichtig. Wenn es eng wird, kann diese den Unterschied ausmachen. Diese Typen sind aber auch für Spieler, die eher ruhig sind und sich mit einer solchen Rolle schwer tun, sehr hilfreich. Insgesamt glaube ich, dass es sehr schwierig ist, so eine Mentalität zu erlernen."



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