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Vor EM-Start: Franken zwischen Skepsis und Zuversicht

Die Handballer starten am Donnerstag in die Europameisterschaft. Wir haben Spieler und Trainer aus der Region nach den Chancen für die deutsche Mannschaft und zu ihren Turnier-Favoriten befragt.
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Auf ihn wird es wieder ankommen: Torwart Andreas Wolff ist das Gesicht und Leistungsträger der deutschen Handball-Nationalmannschaft.Marius Becker/dpa
Auf ihn wird es wieder ankommen: Torwart Andreas Wolff ist das Gesicht und Leistungsträger der deutschen Handball-Nationalmannschaft.Marius Becker/dpa

Jan Gorr, Trainer des HSC Coburg: Der ehemalige Co-Trainer beim Deutschen Handball Bund (DHB), drückt nicht nur der deutschen Nationalmannschaft die Daumen. Mit Girts Lilienfelds (Lettland) und Stepan Zeman (Tschechien) sind auch zwei HSC-Zweitliga-Profis bei der EM im Einsatz. "Für Girts ist das am Ende seiner Laufbahn noch einmal ein Highlight, für sein Heimatland bei der Europameisterschaft zu spielen, und das soll er auch genießen", sagt Gorr. Anders sei die Lage bei Zemans Tschechen. "Sie sind ambitioniert und wollen den nächsten Schritt machen. Ich hoffe, dass Stepan als junger Spieler wichtige Erfahrungen sammeln kann."

Der arg gebeutelten deutschen Mannschaft - sieben Rückraumspieler haben ihre Teilnahme abgesagt - traut Gorr den Sprung ins Halbfinale zu: "Die Hauptrunde zu erreichen, ist sicherlich ein Muss, und dann kommt es darauf an, wie viele Punkte man mitnimmt. Das Halbfinale ist aber möglich." Trotz der vielen Ausfälle sei Deutschlands Tiefe im Kader ausreichend, um diese zu kompensieren. "Die Ausfälle auf Schlüsselpositionen sind ein Problem", sagt Gorr, "aber durch mannschaftliche Geschlossenheit und einer Euphorie im Team können diese ersetzt werden."

Als Favoriten hat Gorr Weltmeister Dänemark ausgemacht. "Es gibt einige Mannschaften, die Europameister werden können. Aber die Dänen haben für mich das beste Gesamtpaket. Ihre individuelle Qualität ist eine Klasse für sich. Aber sie verlassen sich nicht nur darauf, sondern überzeugen auch als Team."

Johann Andersson, ehemaliger Trainer der HG Kunstadt: An einen Europameister aus Skandinavien glaubt Johan Andersson.Der ehemalige Spielertrainer der HG Kunstadt und langjährige Profi des HSC Coburg zählt Norwegen und Dänemark zu den engsten Favoriten - und "seine" Schweden. Die sind nach langer Durstrecke zurück in derWeltspitze und haben - wie Norwegen und Österreich - Heimvorteil."Das spielt im Handball eine ganz große Rolle", sagt Andersson.

Zuletzt holte Schweden vor 18 Jahren Gold bei einer EM. Für den ersten Titel seit 2002 gehöre aber auch Glück: "Sie zählen zum Favoritenkreis und haben eine gute Mannschaft. Ob es reicht, wird man sehen", hält sich Andersson bedeckt. Im Kader von Kristján Andrésson tummeln sich zahlreiche Bundesligaspieler, ein langjähriger aber fehlt: Kim Andersson. Der Routinier sagte aus familiären Gründen ab. "Er ist ein Ruhepol und mit seiner Erfahrung ein wichtiger Spieler", sagt Johan Andersson, "aber wir haben viele gute Spieler und können ihn ersetzen."

Johan Andersson, der sporadisch beim Bezirksoberliga-Tabellenführer HSG Rödental/Neustadt aushilft, drückt aber auch der deutschen Mannschaft die Daumen. Schließlich stammt seine Frau aus Oberfranken,und seine Tochter ist hier geboren. "Da wird in der Familie auch der eine oder andere Spaß gemacht, und ein bisschen gefrotzelt", sagt Andersson schmunzelnd. Ob die deutsche Mannschaft die Ausfälle im Rückraum ersetzen kann und die Schweden nach der Krone

greifen, wird im Hause Andersson mit Spannung verfolgt.

Peter Frankmölle, Trainer des TV Marktleugast: Laut dem Männer- und Jugendtrainer beim TV Marktleugast können acht Nationen die Europameisterschaft gewinnen. Zu den größten Favoriten zählt der Kinderhandball-Referent des Bezirks Oberfranken drei Mannschaften: "Dänemark ragt von den Spielertypen und die Gastgeber Norwegen und Schweden durch den Heimvorteil heraus."

Auch der deutschen Nationalmannschaft traut Peter Frankmölle trotz zahlreicher Ausfälle ein erfolgreiches Turnier zu und fühlt sich an den letzten Titel 2016 erinnert. "Genau darin sehe ich eine gute Chance, dass wiederum Neulinge wie 2016 für eine Überraschung sorgen. Das ist das Spannende, und dafür drücke ich ganz fest die Daumen!" Der Turnier-Modus mit vielen Spielen in wenigen Tagen spreche ebenfalls für eine ausgeglichen besetzte Mannschaft, wie es die von Bundestrainer Prokop sei.

Frankmölle zieht vor dem EM-Start auch eine interessante Statistik heran. "Als Handball-Mutterland und mit der stärksten Liga im Rücken, müsste Deutschland die anderen Nationen seit Einführung des jährlichen WM-/EM-Wechsel 1994 dominieren. Das tut es aber nicht." Denn statistisch betrachtet liegt Deutschland im Handball europaweit deutlich vorne was Anzahl an Vereinen und aktive Mitglieder angeht. In Goldmedaillen zeigt sich das aber nicht: Bei einer EM reichte es für gerade einmal zwei von 13 möglichen Titeln. Peter Frankmölle und die deutschen Fans hätten gegen eine Verbesserung dieser Bilanz sicher nichts einzuwenden.

Ulrich Hillebrand, Trainer des HC 03 Bamberg: "Es schaut nicht besonders gut aus", sagt Ulrich Hillebrand, Trainer des Bezirksoberligisten HC 03 Bamberg, über die Aussichten der deutschen Handballer. Gerade die Vorstellung im letzten Testspiel gegen Österreich gibt Hillebrand zu Bedenken. "Gegen die großen Gegner wird es mit so einer Leistung schwer." Dass es die deutsche Mannschaft aber kann, habe das Team von Christian Prokop im Testspiel zuvor gegen Island (33:25) bewiesen.

Dennoch glaubt der Bamberger Trainer nicht an eine EM-Medaille. "Wenn wir um Platz 5 spielen, sollte man zufrieden sein." Die Hauptrunde dürfte Deutschland noch problemlos erreichen, "aber dann kommen ganz andere Kaliber". Gerade den Rückraum sieht Hillebrand als Deutschlands Problemzone: "Auf der Mitte spielen Spieler, die im linken Rückraum ihre Stärken haben. Uns fehlen ein klassischer Mittelmann und die Durchschlagskraft." Denn mit Julius Kühn stünde nur ein Spieler im Aufgebot, der für die einfachen Tore aus dem Rückraum sorgen könne.

Mit den Torhütern Johannes Bitter und Andreas Wolff habe Deutschland aber ein "geniales Duo", und auch das schnelle Spiel über die erste und zweite Welle sei gut. Die Abwehr sieht Hillebrand aber nicht auf dem Niveau, um wie 2016 den großen Coup zu landen. Als Favoriten sieht Hillebrand Weltmeister und Olympiasieger Dänemark - und auch die Schweden. "Sie haben eine junge Mannschaft und den Heimvorteil. Schweden ist der Geheimfavorit auf den Titel."

Kevin Schmidt, Sportlicher Leiter des HC Erlangen: Der ehemalige Bundesligaspieler traut der deutschen Nationalmannschaft den Sprung ins Halbfinale zu. "Das sollte ein realistisches Ziel sein." Die Ausfälle im Rückraum sollen mit schnellem Spiel aus einer stabilen Deckung und starken Torhütern ersetzt werden.

"Im Positionsangriff haben wir Probleme. Aber über die Abwehr und die erste und zweite Welle können wir das kompensieren", sagt der Sportliche Leiter des HC Erlangen. Aus der breiten Weltspitze nennt der 18-fache Nationalspieler Dänemark, Frankreich und Norwegen als Favoriten. Die Slowenen hätten das Zeug zu einer Überraschung und sind Schmidts Geheimtipp.

Der Sportliche Leiter des HCE sammelte vor sieben Jahren bei der Weltmeisterschaft in Spanien Turnier-Erfahrung und weiß, welche Strapazen auf die deutschen Nationalspieler warten. "In diesem Jahr ist die Belastung extrem und eigentlich nicht tragbar." Bis 29. Dezember waren die Bundesligaprofis im Einsatz, am 2. Januar startete Prokop die Vorbereitung. Bei der EM stehen bis zu acht Spiele in 17 Tagen an.

Da könne ein ausgeglichen besetzter Kader wie der deutsche von Vorteil sein. Gerade in der Vorrunde könnten gegen vermeintliche schwächere Gegner Kräfte geschont werden. Die Maßnahme von Bundestrainer Prokop, mit 17 statt 16 Spielern nach Trondheim zu fliegen, kann Schmidt nachvollziehen. "Das ermöglicht, im Training manchen Spielern eine Pause mehr zu geben."

Frank Ihl, Trainer des HSC Bad Neustadt: Der Trainer des Drittligisten HSC Bad Neustadt hat einige Mannschaften auf dem Zettel, wenn es um die Frage nach dem neuen Titelträger geht. "Wenn ich mich auf drei Mannschaften festlegen müsste, wären das Dänemark, Frankreich und Norwegen", nennt Frank Ihl seine persönlichen Favoriten. Was die deutschen Handballer nach Rang 4 bei der Heim-WM 2019 erreichen können? Da ist der HSC-Trainer skeptisch.

"Die Hauptrunde dürfte kein Problem sein. Und dann muss man sehen, wie sich die Mannschaft gegen große Gegner schlägt." Für Frank Ihl ist entscheidend, wie das DHB-Team mit Drucksituationen umgehen und Durchschlagskraft aus dem Rückraum entfalten kann. Denn das ist der Mannschaftsteil, bei dem Bundestrainer Prokop wohl am meisten zu tüfteln hat. "In der Abwehr sehe ich uns mit dem Torhüter-Duo Johannes Bitter und Andreas Wolff gut aufgestellt. Eine solide Deckung ist die Grundlage", hofft Ihl, dass die Abwehr wieder zum Bollwerk wird.

Die Gastgeber der auf 24 Länder aufgestockten Europameisterschaft kann der Bad Neustadter Trainer nicht ganz nachvollziehen. Gerade die Wahl Österreichs als dritten Austragungsort neben den Skandinaviern versteht Ihl nicht: "Hätte man drei Länder genommen, die nicht so weit entfernt sind, wäre das in Ordnung gewesen. So sind die Spieler tausende Kilometer unterwegs. Für die Regeneration ist das nicht gut." An eine Überraschung der Österreicher glaubt der HSC-Trainer trotz Heimvorteil nicht.

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