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Kronach
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Oberfränkischer Fanclub-Vorsitzender:"Geisterspiele sind alternativlos"

Bundesligaspiele ohne Fans - trotzdem ist die Vorfreude des Vorsitzenden der Fanclub-Vereinigung Oberfranken des FC Bayern groß. Er spart aber auch nicht mit Kritik am Fußball-Geschäft.
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Anfang März standen die Bayern-Fans beim 2:0 gegen den FC Augsburg noch dicht gedrängt in der Südkurve - ein Bild, das es nach Ansicht des Vorsitzenden der oberfränkischen Fanclub-Vereinigung, Frank Müller, dieses Jahr wohl nicht mehr geben wird.  Foto: Imago
Anfang März standen die Bayern-Fans beim 2:0 gegen den FC Augsburg noch dicht gedrängt in der Südkurve - ein Bild, das es nach Ansicht des Vorsitzenden der oberfränkischen Fanclub-Vereinigung, Frank Müller, dieses Jahr wohl nicht mehr geben wird. Foto: Imago

Die Entscheidung ist gefallen: Die Bundesliga nimmt am 16. Mai wieder den Spielbetrieb auf - allerdings ohne Fans im Stadion. Für die Anhänger bleiben nur die TV-Übertragungen. Der gebürtige Kronacher Frank Müller, Vorsitzender der Fanclub-Vereinigung Oberfranken des FC Bayern München, befürwortet die Fortsetzung und sieht Geisterspiele als alternativlos an. Zudem hofft der 43-Jährige, dass der Profi-Fußball die Corona-Krise auch nutzt, um einige Entwicklungen der vergangenen Jahre zu hinterfragen.

Was machen Sie am 16. Mai um 15.30 Uhr?

Frank Müller: Wenn das Wetter passt, in der Gartenlaube sitzen und Bundesliga schauen. Endlich mal wieder Fußball. Die Vorfreude ist enorm.

Hätten Sie erwartet, dass die Bundesliga so schnell wieder startet?

Ein wenig bin ich schon überrascht. Aber die Bundesliga ist kein Freizeitverein, sondern ein Wirtschaftsunternehmen. Und das versucht natürlich, den Betrieb schnell wieder hochzufahren. Und für die vielen Fußball-Fans ist es Balsam auf die Seele, dass es bald wieder losgeht. Ich arbeite im Außendienst und spüre in Oberfranken bei vielen Menschen Sorgen und Unsicherheit. Vielleicht tut die Ablenkung durch zwei Stunden Bundesliga am Wochenende auch aus psychologischer Sicht gut. Man kommt einfach auf andere Gedanken - obwohl es nur Geisterspiele sind.

Normalerweise sind Sie samstags im Stadion und genießen die Stimmung - wie lange macht man als Fan Geisterspiele mit?

Ich mache mir wenig Hoffnung, dass vor dem Jahr 2021 wieder Zuschauer in die Stadien dürfen. Natürlich: Umso eher, desto besser. Denn Geisterspiele will kein Fußball-Fan, aber sie sind gerade schlicht alternativlos. Was wäre, wenn es keine Geisterspiele gäbe und man die Saison abbricht? Die großen Klubs wie Bayern oder Dortmund würden das überleben, aber viele andere sicher nicht. Die brauchen die TV-Gelder. Der jetzige Re-Start ist auch ein Schutz für zahlreiche Traditionsvereine. Und ich freue mich immer speziell auf Traditionsduelle. Übrigens telefoniere ich aktuell mit vielen Fanclub-Vorsitzenden, die die Situation genauso einschätzen. Man muss das jetzt eben so lange wie nötig so durchziehen.

Die Saisonfortsetzung ist eine Entscheidung des Geldes gewesen. In der Vergangenheit haben auch die Bayern-Fans immer wieder die Entfremdung des kommerzialisierten Fußballs von der Basis kritisiert.

Die Corona-Krise hat viele auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und ist auch eine Chance. Obwohl in der Wirtschaft - und da gehört der Fußball dazu - immer alles Angebot und Nachfrage ist, sollte man die jetzige Zeit zum Nachdenken nutzen. Beispiel Trikots: Muss ein Kinder-Trikot 70 Euro kosten? Beispiel Spielergehälter und Ablösesummen: Das hat sich in einer Form entwickelt, die nicht mehr normal ist. Beispiel Eintrittspreise: Bei einem Spiel bei Arsenal London habe ich im Jahr 2015 100 Euro gezahlt, beim Champions-League-Finale in Barcelona 1999 waren es noch 30 D-Mark. Einerseits geben volle Stadien den Vereinen auch recht. Und die Fans werden weiter da sein, die Deutschen lieben den Fußball. Aber anderseits muss sich der gesamte Fußball neu aufstellen, um wieder näher an die Gesellschaft zu rücken. Sonst droht die Blase Fußball irgendwann zu platzen.

Gerade bei Geisterspielen ohne Atmosphäre sollten die Vereinsoffiziellen doch merken, wie wichtig die Fans sind und deren Meinung ernst nehmen.

Die Bundesligisten sind eben mittlerweile mehr auf die TV-Gelder angewiesen als auf die Faneinnahmen. Und trotzdem sind die Fans das Salz in der Suppe. Bei Bayern haben wir mit Karl-Heinz Rummenigge und Oliver Kahn ehemalige Spieler in Führungspositionen. Die wissen genau, wie wichtig die Fans sind. Außerdem gibt es über den Arbeitskreis Fan-Dialog einen regelmäßigen Austausch zwischen Verein und Fans. Erst letzte Woche habe ich die oberfränkischen Fanclubs bei einer Videokonferenz mit dem FCB-Vorstand vertreten. Die Bayern-Spitze wollte ein Feedback der Fans zu den Geisterspielen. Bei uns wird das "Mia san Mia" gelebt: Wir sind Fans und nicht Kunden, wie es bei anderen Vereinen teilweise der Fall ist.

Zurück zur bald wieder laufenden Saison. Wird da nicht ein Titel vergeben, dessen sportlicher Wert nach der langen Zwangspause fraglich ist? Schließlich können sich neue Dynamiken entwickeln, Spieler haben einen anderen Fitnessstand und auch die Fan-Unterstützung fehlt.

Wichtig ist, dass überhaupt gespielt wird. Eine Meisterschaft oder ein Abstieg am Grünen Tisch wären für jeden Fan eine Katastrophe gewesen. Jetzt gibt es wenigstens einen sportlichen Wettbewerb. Ich bin aber gespannt, wie die Spiele verlaufen. Der Rhythmus kann bei den Teams gar nicht da sein. Vielleicht geht auch mal ein Spiel 5:5 aus - da wäre auf jeden Fall Unterhaltung geboten.

Ein Titel wird auch in der Champions League vergeben. Glauben Sie, dass dieser internationale Wettbewerb noch beendet wird?

Die nationalen Ligen haben klar Priorität, denn hier werden auch die Startplätze für die kommende Europapokal-Saison vergeben. Vielleicht haben andere europäische Ligen auf ein Signal, wie es jetzt von der Bundesliga kommt, gewartet und können das Konzept der Bundesliga übernehmen. Für die Champions League sehe ich wegen des Vorrangs der nationalen Ligen vor August keine Chance. Dann müsste man sich wohl ein Stadion in Europa suchen, in dem alle restlichen Spiele in einem Turnier im einfachen K.-o.-System ausgetragen werden. Dieses Turnier könnte man in zwei Wochen durchziehen. Logistisch eine Herausforderung, aber wohl machbar - wenn es die Corona-Situation zulässt.

Das ist die Fanclub-Vereinigung

Die Fanclub-Vereinigung Oberfranken des FC Bayern München wurde 1983 von acht Fanclubs gegründet. Erster Vorsitzender war Wolfgang Bauernschmitt aus Oberlangheim (Landkreis Lichtenfels). Mittlerweile gehören der Vereinigung 40 oberfränkische FCB-Fanclubs an.

Weitere Informationen über die Vereinigung finden Sie hier.