Nürnberg
Fußball

Nate Weiss: Messi ist nahe an der Perfektion

Nate Weiss ist Individualtrainer des 1. FC Nürnberg. Der US-Amerikaner hält nichts davon, junge Spieler in ein Schema zu pressen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Im Wintertrainingslager im südspanischen Marbella: Nate Weiss (links), der Individualtrainer des 1. FC Nürnberg, beobachtet den Clubspieler Kevin Goden bei einer Übung. Fotos: Wolfgang Zink
Im Wintertrainingslager im südspanischen Marbella: Nate Weiss (links), der Individualtrainer des 1. FC Nürnberg, beobachtet den Clubspieler Kevin Goden bei einer Übung. Fotos: Wolfgang Zink
+1 Bild

Nate Weiss ist Individualtrainer des abstiegsbedrohten 1. FC Nürnberg. Er hat trotz seiner erst 31 Jahre bereits einiges von Europa gesehen: In sechs Ländern hat der aus Coral Springs bei Fort Lauderdale im US-Bundesstaat Florida stammende Amerikaner bereits Fußball gespielt - und parallel dazu stets eine Jugendmannschaft trainiert. So stand er in Spanien beim mallorquinischen Viertligisten UD Arenal unter Vertrag und war für die U13 des Klubs verantwortlich. Im schwedischen Norrköping war er Spieler der ersten Mannschaft und Trainer des U21-Teams. Beim FK Jelgava in Lettland machte er sich neben seinen Einsätzen in der "Ersten" um die Talentförderung in der Region verdient.

Auch bei seinen weiteren Stationen in Irland, Serbien und Israel war Weiss, der von sich sagt, dass er ein ordentlicher Spieler gewesen sei, stets in Doppel-Funktion tätig - weil er die Aufgabe liebe. Im folgenden Interview spricht der Inhaber der DFB-A-Trainerlizenz, der seit vergangener Saison als Individual-Coach für den Club tätig ist, über seine Motivation, sein Aufgabengebiet und seine Ziele.

Herr Weiss, wie wird man Individualtrainer?

Nate Weiss: Ausschlaggebend war ein pensionierter Individualtrainer von Manchester United, der mich seinerzeit in Südflorida trainiert hat. Durch die persönlichen Einheiten hat sich meine Beziehung zum Ball verbessert, und dadurch auch meine Körpersprache. Ich war von dieser Entwicklung fasziniert und habe beschlossen, diese Erfahrungen weiterzugeben.

Wie alt waren Sie damals?

Zwölf.

Was ist Ihre Aufgabe beim 1. FC Nürnberg?

Es geht darum, die Qualität eines Spielers zu erhöhen und ihn in den Bereichen besser zu machen, in denen er noch Defizite hat. Die meisten hier sind noch jung und längst noch keine fertigen Spieler. Mein Job ist es, ihnen bei der Entwicklung zu helfen und diesen Prozess zu begleiten. Das war der Grund, warum ich zum Club gekommen bin.

In welchen Bereichen sind Sie tätig - Technik, Konstitution, Kondition?

Originär im Bereich Technik. Aber das Techniktraining beeinflusst sehr stark die anderen beiden Komponenten.

Was sind die Schwerpunkte Ihrer Einheiten?

Das ist je nach Spieler unterschiedlich. Grundsätzlich geht es aber um Reaktions- und Wahrnehmungsschnelligkeit sowie Antizipation. Oder wie du dich in Drucksituationen mit dem ersten Kontakt aus diesen befreist. Solche detaillierten Sachen trainierst du nicht im Teamtraining.

Wie finden Sie heraus, in welchem Bereich ein Akteur noch Verbesserungspotenzial hat?

Einerseits durch den Austausch mit dem Cheftrainer, andererseits kommen die Spieler von sich aus zu mir. Da muss ich überhaupt keine Hinweise geben. Das sind Profis, die wissen am besten, was sie gut und was sie nicht so gut können.

Wie lange dauert eine Individualeinheit?

25 Minuten. Das reicht aus, um die Übungen fokussiert und in hoher Qualität durchzuführen. Und um Qualität geht es. Hinzu kommt, dass mit fortschreitender Dauer die Konzentration nachlässt - und dann wird die Ausführung unsauber.

Wie wichtig ist die Videoanalyse, um den gewünschten Lerneffekt zu erzielen?

Enorm. Die Spieler erhalten von mir ein fertiges Video, auf dem sie sich die Einheit anschauen können. Anhand der Videoanalyse erhalten die Spieler ein Gefühl dafür, was ihnen besser gelungen ist. Und das wiederum ist wichtig fürs Selbstvertrauen und die Motivation - weil sie sehen, was sie besser gemacht haben.

Wie oft trainieren Sie mit den jeweiligen Spielern pro Woche individuell?

Ein- bis zweimal.

In welcher Sprache absolvieren Sie die Einheiten mit den ausländischen Akteuren, beispielsweise mit Ewerton oder Matheus Pereira?

Da ich in Südflorida aufgewachsen bin und dort sehr viel Spanisch gesprochen wird, beherrsche ich die Sprache sehr gut. Gleiches gilt für Portugiesisch, das ich seit August vergangenen Jahres jeden Tag lerne, und Deutsch. Aufgrund meiner Sprachkenntnisse übernehme ich im Teamtraining auch die Rolle des Dolmetschers.

Welcher Spieler, national wie international, würde keine Individualeinheiten mehr benötigen?

Schwer zu sagen, weil es den perfekten Spieler tatsächlich nicht gibt. Das ist doch der Grund, warum wir Fußball lieben. Fußball ist nicht perfekt.

Wer ist denn nach Ihrer Meinung nah an der Perfektion?

Lionel Messi. Der macht Sachen, die kannst du nicht trainieren. Ich glaube, dass der Grund für sein Können in seinen zahlreichen unterschiedlichen Fähigkeiten liegt.

Gibt es Überlegungen, in naher oder ferner Zukunft als Co- oder sogar als Cheftrainer zu arbeiten?

Irgendwann vielleicht mal. Ich habe keine Eile, denn ich empfinde meine Aufgabe, Einfluss auf die Entwicklung eines Fußballers nehmen zu können, als sehr bereichernd - zumal dies von der U8 bis zu den Profis möglich ist.

Was würden Sie Jugendspielern raten, die über hohes fußballerisches Potenzial verfügen? Worauf sollten diese in der Ausbildung gesteigerten Wert legen?

Sie sollten alles mit dem Ball machen können. Darüber hinaus spielt Schnelligkeit auch eine Rolle - aber die ist nicht alles. Schauen Sie sich Xavi, Iniesta oder Toni Kroos an. Die sind sicher nicht die Schnellsten, aber sie sind begnadete Techniker mit einem hohen Spielverständnis.

Wie passt es dann zusammen, dass gerade in Jugendmannschaften mehr Wert auf das Kollektiv und das Ergebnis als auf die individuelle Entwicklung gelegt wird?

In der Tat ist mir aufgefallen, dass wir den hoch talentierten Jugendspielern nicht die Möglichkeit geben, selbst ihre Philosophie zu finden. Stattdessen werden sie beschränkt und in eine Schublade gesteckt. Neymar, Ronaldo oder auch Messi, alles außergewöhnliche Fußballer, hatten ihre Freiheiten und sind so zu denen geworden, die sie sind. Warum sind denn aktuell zahlreiche Talente aus Frankreich, Portugal oder England für die Fußball-Bundesligisten von hohem Interesse und werden unter Vertrag genommen? Weil sie ihr Potenzial entfalten konnten und jetzt den Unterschied ausmachen. Und noch etwas...

... ja, bitte!

Wir haben in Deutschland in den Nachwuchsleistungszentren beste Rahmenbedingungen, anders als beispielsweise in Serbien bei Partizan Belgrad. Und doch bringt der Klub immer wieder richtig gute Spieler hervor. Wir sollten uns Gedanken darüber machen, ob die Rahmenbedingungen hierzulande tatsächlich den gewünschten Effekt auf die Talent- und Spielerentwicklung haben oder ob diese Rahmenbedingungen nicht zu satt machen.

Die Fragen stellte unser Mitarbeiter Dirk Kaiser.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren