Bamberg
Selbsttest

Mit der Laufanalyse zum Halbmarathon

Sportler geben Geld für Laufanalysen aus, um ihren Stil zu verbessern oder um herauszufinden, wo ihre Schmerzen herkommen. Doch was bringen diese Analysen?
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Von vorne und von der Seite wird mein Laufen aufgezeichnet. Die Ergebnisse überraschen mich.  Foto: Barbara Herbst
Von vorne und von der Seite wird mein Laufen aufgezeichnet. Die Ergebnisse überraschen mich. Foto: Barbara Herbst
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Schuhe und Socken aus, die Hose über die Knie gekrempelt und rauf aufs Laufband. "Ganz gemütlich laufen, die Füße relativ nah an den weißen Punkten lassen und immer auf Höhe des Fadenkreuzes bleiben", erklärt Julia Emmler, Sporttherapeutin und Sportlehrerin bei Saludis, dem Zentrum für rehabilitative Medizin der Sozialstiftung Bamberg. Okay, das sollte ich hinbekommen - das dachte ich zumindest, als das Laufband noch aus war. Je schneller das Laufband wird, umso mehr habe ich zu kämpfen. Doch nach ein paar wackligen Schritten läuft es sich ganz gut.

Nachdem ich erst ein paar Minuten in die eine Richtung gelaufen bin, folgt nach einer kleinen Pause ein Wechsel: Verkehrt herum auf dem Laufband laufen, sieht zwar komisch aus, klappt aber eigentlich auf Anhieb ganz gut. Dass jedoch jeder Schritt von mir ganz genau beobachtet und sogar von mehreren Seiten gefilmt wird, ist für mich ein komisches Gefühl.

Ich will alles unbedingt richtig machen - aber was ist richtig? Das sollte ich ziemlich bald herausfinden. Bevor Julia Emmler meine Lauftechnik analysiert, braucht sie noch ein paar Bilder mit Laufschuhen, damit sie besser vergleichen kann. Also das gleiche Spielchen noch einmal - nur mit Schuhen. Nach nicht einmal zehn Minuten war's das schon - also zumindest für mich.


Analyse am Computer

Julia Emmler setzt sich an ihren Computer und öffnet das speziell für die Laufanalyse vorgesehene Programm. Als erstes schauen wir uns die Aufnahme meiner Unterschenkel, das Abrollverhalten und den Fußaufsatz an. Grundsätzlich gibt es - nach Aussage der Sporttherapeutin - verschiedene Modelle im Fußaufsatz - den Fersenläufer, den Vorfußläufer und den Mittelfußläufer.

"Bei dir hat sich der Körper intelligenterweise für den Vorfußlauf entschieden. Damit setzt er auf einem harten Untergrund die körpereigenen Dämpfungssysteme maximal gut ein. Wenn man sich das Ganze in Zeitlupe noch einmal ganz genau anschaut, sieht man auf der linken Seite ein ganz leichtes Einknicken nach innen", erklärt die Sportlehrerin und lässt die Zeitlupe immer wieder ablaufen. Doch das sei nicht dramatisch. Ein Schuh mit einer leichten Pronationsstütze könne das bereits korrigieren. Emmler öffnet auf ihrem Computerbildschirm dieselbe Aufnahme nur mit Schuhen und lässt beide Videos nebeneinander ablaufen. "Der Schuh korrigiert das aber gut."


Die Ergebnisse überraschen

Nun ruft Julia Emmler die Bilder der seitlichen Kamera auf - die Videos mit Schuh und ohne Schuh laufen nebeneinander. Meine Beinachsen werden unter die Lupe genommen - irgendwie ein komisches Gefühl, dass jede noch so kleine Bewegung ganz genau analysiert wird, aber auch wahnsinnig interessant. Auf dem Computerbildschirm sind vier Bilder zu sehen - barfuß und mit Schuh jeweils von hinten und von der Seite.

"Die seitlichen Bilder sind hier besonders spannend", sagt Emmler, während sie die Bewegung in Zeitlupe immer wieder abspielt. Für mich als Laie ist da nichts Besonderes zu erkennen. So lauf' ich halt, denke ich mir. "Wir haben jetzt hier in der Schuhaufnahme wenig Kniehub. Wenn das der Fall ist, schwenkt der Unterschenkel weit nach vorne über den Körperschwerpunkt hinaus."

Während Emmler mir das erklärt, zeichnet sie in die Videoaufnahme eine Linie ein: Vom Bauchnabel drei bis vier Zentimeter einwärts zum Boden - hier ist meine persönliche Körperschwerlinie der Kraft. "Bei dem Laufstil, wo der Fuß weit vor der Körperschwerlinie landet, wird das Bein in den Boden gerammt. Das Bein reagiert und geht in die Knie, wie wenn man von einem Tisch herunterspringt. Mit diesem Laufstil bremst du dich mit jedem Schritt ein Stück weit selbst aus." Emmler lässt das Video noch einmal in Zeitlupe laufen. "Du kommst auf dem Boden auf und bremst, bremst, bremst und bremst - erst dann ist das Bein wieder da, wo es nach einem guten Kniehub gelandet wäre." Nun sehe auch ich, was ich falsch mache. Aber was kann ich dagegen tun? "Mehr Skippings und Kniehebeläufe machen, damit trainieren wir mehr Kniehub und eine körperschwerpunktnahe Landung", erklärt Emmler, die die "Lauf-geht's"-Gruppe Bamberg Stadt trainiert. Als Marathonläuferin und Triathletin weiß sie ganz genau, worauf es ankommt.

"Wenn wir uns jetzt mal das Frontalbild von hinten anschauen und die Armarbeit betrachten: Was sehr schön ist, ist der angewinkelte Ellenbogen - ein kleiner Hebel, der aus der Schulter leicht bewegt werden kann." Während Emmler mir das erzählt, höre ich in meinem Inneren schon ein Aber - und darauf muss ich auch nicht lange warten. "Der Armschwung kommt bei dir aber nicht aus der Schulter, sondern aus dem ganzen Schultergürtel, der gegen den Beckengürtel rotiert."

Mit einer praktischen Übung zeigt mir Emmler direkt die Auswirkungen: Wir stehen uns gegenüber und haben die Arme im 90 Grad Winkel. "Jetzt mal aus der Schulter raus schwingen." Auch auf einem Bein klappt das Ganze super. Nun zum Vergleich mein bisheriger Armschwung, der aus dem ganzen Schultergürtel kommt. Auf einem Bein komme ich mächtig ins Schwanken. "Die Rotation läuft bis runter in den Fuß und das stört die Geradeaus-Bewegung. Die rotatorischen Kräfte sind ungünstig für Rücken, Knie und Fuß."

Das ist auch auf meinem Video deutlich erkennbar: "In der Auflösung macht der Fuß einen kleinen Bogen über die Seite. Das wird durch die Rotation oben beeinflusst. Auf einmal hast du unten einen kleinen X-Bein-Schwung - obwohl du sonst eine ganz saubere Beinachse hast", erklärt die Sporttherapeutin.


Saubere Technik spart Kraft

Vor der Laufanalyse konnte ich mir nicht vorstellen, wie enorm meine Armarbeit mein Laufen beeinträchtigt, doch hier sehe ich es direkt in den Bewegungen. "Eine saubere Technik spart in jeder Sportart Kraft. Und die Kraft, die gespart wird, kann in den Vortrieb laufen." Umso länger die Strecken werden, umso wichtiger wird eine gute Lauftechnik. Sie kann vor schneller Ermüdung schützen.
Doch nicht nur Anfänger entscheiden sich für eine Laufanalyse - auch erfahrene Läufer suchen Rat bei der Sporttherapeutin. "So mancher Läufer möchte seine Wettkampfzeiten verbessern. Da ist die Lauftechnik oft eine Stellschraube, an der man drehen kann."

Auch bei Schmerzen während des Laufens kann eine Laufanalyse Aufschluss geben. "Manche Läufer haben immer wiederkehrende Probleme orthopädischer Natur. Oft haben sie schon eine Odyssee an Untersuchungen und Physiotherapie hinter sich, aber es ist nichts dabei herausgekommen."
Bei einer Laufanalyse sehe man in der Dynamik der Laufbewegung Auffälligkeiten deutlicher, weil die Kräfte vom Laufen wirken. "Wenn jemand gut stabilisiert im Einbeinstand stehen kann, heißt das noch lange nicht, dass er unter dem mehrfachen des Körpergewichts dort auch beckenstabil laufen kann." Bei der Laufanalyse sieht man nach Aussage Emmlers die Ursache-Folge-Kette besonders gut: Man sieht genau was da passiert - von Kopf bis Fuß.


An der Hüftstreckung arbeiten

Auf die Ergebnisse wird dann auch direkt reagiert - egal ob die Besprechung der Schuhversorgung oder korrigierende Übungen für muskuläre Dysbalancen - durch Zwangshaltungen im Alltag wie das viele Sitzen haben wir damit immer zu kämpfen. "Wenn der Hüftbeuger immer angenähert ist, gibt er beim Laufen beispielsweise die Streckung in der letzten Stützbeinphase gar nicht so richtig frei. Das kostet dann wieder Flugphase", erklärt Emmler.

Mit speziellen Übungen wie beispielsweise mehreren Ausfallschritten hintereinander kann man an der Hüftstreckung arbeiten, was dann wieder mehr Flugphase bringt und das Laufen leichtfüßiger macht. "Und Fliegen ist doch schön. Ist es nicht toll, wenn man sagen kann, dass man heute eine halbe Stunde gelaufen und davon 20 Minuten geflogen ist? Das ist doch wunderbar."
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