Witzmannsberg
Tennis

Krawietz und Mies: Der Aufstieg des Gute-Laune-Duos

Kevin Krawietz aus Coburg und Andreas Mies aus Köln sind die Tennis-Überraschung des Jahres. Im Juni gewann das Doppel, das vor zwei Jahren noch im Nirwana der Weltrangliste platziert war, die French Open. Jetzt greifen die beiden bei den ATP Finals in London nach dem WM-Titel.
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Ziemlich beste Freunde: Kevin Krawietz (unten) und Doppelpartner Andreas Mies Foto: Jürgen Hasenkopf
Ziemlich beste Freunde: Kevin Krawietz (unten) und Doppelpartner Andreas Mies Foto: Jürgen Hasenkopf
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Wo Andi und ich uns kennengelernt haben? Bei Tinder", witzelte Kevin Krawietz Anfang Juni am Eurosport-Mikrofon und spielte auf die bekannte Dating-App an. Das erste "Date" war jedenfalls ein voller Erfolg. Bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt im August 2017 gewannen Kevin Krawietz aus dem Ahorner Ortsteil Witzmannsberg (Landkreis Coburg) und der Kölner Andreas Mies prompt das Challenger-Turnier in Meerbusch.

Nach den ersten Glücksgefühlen folgte eine mehrmonatige Auszeit aufgrund einer Verletzung des Kölners. Der Harmonie tat das keinen Abbruch: Im Folgejahr gewann das fränkisch-rheinische Doppel fünf weitere Turniere auf der Challenger-Tour, dem Unterbau der ATP World Tour, und arbeitete sich Stück für Stück in die Weltspitze hoch. Das "Match" ihres Lebens hatten die beiden am 8. Juni in der Stadt der Liebe. Mit dem Zwei-Satz-Sieg im Finale der French Open in Paris gegen Jeremy Chardy und Fabrice Martin gewannen sie nicht nur die Herzen der deutschen Tennisfans. Nach ihren Erfolgen in den vergangenen Monaten gehören die beiden Deutschen zu den besten zehn Doppelspielern der Welt (Krawietz auf Rang 7, Mies auf 8) und haben in diesem Jahr noch Großes vor.

Ab Sonntag messen sich "Kramies", wie sie vor einigen Monaten getauft wurden, bei den ATP Finals in London mit den sieben besten Doppelpaarungen des Planeten und spielen um den inoffiziellen Weltmeistertitel. Eine Woche später geht es für den Franken und den Rheinländer weiter nach Madrid, wo sie zum ersten Mal für ihr Heimatland im Davis Cup antreten werden. Rosige Zeiten, von denen der 27-jährige Krawietz vor einigen Jahren nur träumen konnte - doch 2017 nahm seine Karriere Fahrt auf.

1. Der Startschuss

Im Jahr 2009 ging der Stern von Kevin Krawietz auf der internationalen Tennisbühne auf. Mit seinem damaligen Partner Pierre-Hugues Herbert aus Frankreich gewann er mit 17 Jahren das Junioren-Turnier bei Wimbledon. Krawietz beendete das Jahr 2009 auf Platz 9 der Junioren-Weltrangliste im Einzel - galt damals als größtes deutsches Tennisversprechen. Nach seinem Schulabschluss (Mittlere Reife) in Coburg zog er nach München und trainierte im Leistungszentrum "Tennis Base" in Oberhaching. Im Interview mit dieser Zeitung setzte er sich vor zehn Jahren hohe Ziele. "Eines Tages will ich zu den besten 15 Spielern der Welt gehören."

Sein Ausnahmetalent bewies Krawietz bereits in jüngsten Jahren. Mit viereinhalb begann er das Tennisspielen beim TC Weiß-Rot Coburg. "Sein Vater Rudi war ein sehr guter Squashspieler. Auch deshalb konnte er von Anfang an gut mit dem Schläger umgehen. Er hatte ein gutes Auge, hat sich gut bewegt und stark antizipiert", erzählt Zoran Obrovski, der Krawietz sechs Jahre bei Weiß-Rot trainierte. "Und vor allem hatte er eine unglaubliche Ausdauer, teilweise hat er 100 Bälle in Folge über das Netz gebracht. Es hat etwas gedauert, bis die Bälle schneller wurden. Aber mittlerweile muss man ja eine kugelsichere Weste tragen, wenn man ihm gegenübersteht."

2. Die Stagnation

Unter seinen harten Schlägen mussten früh gestandene Männer "leiden". Krawietz gewann als 18-Jähriger Herrenturniere auf der ITF-Future-Tour, der dritthöchsten Kategorie im Profitennis. "Mit 20 Jahren habe ich den Übergang zu den Herren ganz gut geschafft. Ich war relativ schnell unter den Top 300 im Einzel, der erste Schritt war gemacht", erinnert er sich. Der zweite Schritt blieb aber zunächst aus. Lag Krawietz im Sommer 2012 mit Weltranglistenposition 270 noch im Soll, stagnierten in den Folgejahren seine Leistungen - im Ranking fiel er bis auf Platz 604 (Herbst 2014) zurück. "Es hat in der Phase nicht so gut funktioniert. Viele Faktoren kamen zusammen", so Krawietz. "Auf diesem Level ist der mentale Aspekt sehr wichtig. Und ich habe es nicht konstant hinbekommen, mein bestes Niveau abzurufen. In manchen Matches bin ich vom Kopf her weggebrochen."

Im Doppel war Krawietz zu diesem Zeitpunkt mit Weltranglistenposition 317 zwar erfolgreicher, aber ans Geldverdienen war nicht zu denken. Auf der ITF-Future-Tour gibt es selbst für die Turniersieger nur einen niedrigen dreistelligen Eurobetrag - Kost und Logis müssen selbst gezahlt werden. "Wenn mich die Firma Brose mit Michael Stoschek nicht finanziell unterstützt hätte, wäre es schwierig geworden. Diese Loyalität, mich auch in der schlechten Phase zu unterstützen, ist nicht selbstverständlich", sagt der Coburger. Ans Aufgeben dachte er nie: "Natürlich gab es nervige Phasen und Momente, in denen man mal keinen Bock hatte. Aber den Gedanken, aufzuhören, hatte ich nicht. Dafür liebe ich den Sport auch zu sehr", sagt Krawietz. "Aufgebaut haben mich immer wieder meine Eltern, die nie an mir gezweifelt haben. Mein Vater war bei vielen Turnieren dabei und hat mich ermuntert, weiter an mir zu arbeiten, um jeden Tag ein besserer Spieler zu werden."

3. Der Aufstieg

Und er wurde besser. Ein wichtiges Ereignis für Krawietzs Aufstieg war der erste Turniersieg im Doppel (mit Maxi Marterer aus Nürnberg) auf der Challenger-Tour im September 2015 in Marokko, der ihn im Doppel 126 Plätze nach oben katapultierte (Rang 258). Der Coburger etablierte sich in der "2. Liga" des Profitennis, gewann bis heute 17 Challenger-Turniere. Nach einem Sieg in Rom im Mai 2018 mit Mies stand er zum ersten Mal unter den besten 100 Doppelspielern der Welt.

Ein Grund für den Aufschwung des Coburgers war sein Trainerwechsel Ende 2017. Krawietz arbeitete wieder mit Klaus Langenbach zusammen, unter dem er bereits von 2009 bis 2013 trainierte. "Die Zeit in der Tennis Base war super, aber der Tapetenwechsel zu der Zeit hat mir gut getan", erklärt Krawietz.

Gruppeneinheiten zu geordneten Trainingszeiten gehörten der Vergangenheit an, mit Langenbach arbeitete Krawietz an seinen individuellen Schwächen - und das bis zu acht Stunden täglich: "Wir haben Vollgas gegeben und viel darüber gesprochen, was ich anders machen kann. Wir haben daran gearbeitet, dass ich entspannt in jedes Match gehe und über die gesamte Spieldauer tough bleibe."

Und das mit Erfolg: Krawietz verbesserte sich bis Ende 2018 auf Position 67 im Doppel und 211 im Einzel. Die Koexistenz beider Disziplinen auf ganz hohem Niveau ist aber kaum möglich. Deshalb entschied sich der Coburger aufgrund der besseren Erfolgsaussichten im Doppel gegen das Einzel. "Insgesamt liegt mir Doppel einfach ein bisschen mehr", sagt der 1,88 Meter große Rechtshänder.

4. Das Erfolgsjahr

Eine Einzelkarriere strebte ursprünglich auch Andreas Mies an. Aufgrund einer schweren Knieverletzung musste er diese aber früh beenden und sah im Doppel seine zweite Chance. Mit dem eher ruhigen Franken Krawietz ergänzte sich die rheinische Frohnatur perfekt - ob auf oder neben dem Tenniscourt. "Kevin ist das Eis, ich bin das Feuer", beschrieb der 29-Jährige die Erfolgskombi während der US Open. Mit ihrem Triumph bei den French Open, dem Halbfinaleinzug bei den US Open und den Erfolgen bei den ATP-Turnieren in New York und Antwerpen kämpften sich die Deutschen im Jahresverlauf Stufe um Stufe nach oben: von den Plätzen 71 (Krawietz) und 73 (Mies) im Januar 2019 bis in die Top 10.

Doch "Kramies" imponierten nicht nur durch ihre Leistung, sondern auch durch ihr lockeres Auftreten in der Öffentlichkeit. Ihre Sprüche und Interviews, bei denen sich sich auf humorvolle Art und Weise verbal die Bälle zuspielen, haben Kultcharakter. "Heute Abend reißen wir den Eiffelturm ab", kündigte Mies nach dem Finalerfolg in Paris an. Was blüht da dem Big Ben in der kommenden Woche in London? Auf mögliche vertraute Partygäste muss Krawietz jedenfalls nicht verzichten. Aus Coburg reisen seine Eltern sowie seine Jugendtrainer Obrovski und Christian Höhn mit. "Im Doppel ist alles offen, ich traue den beiden in London alles zu", blickt Obrovski voraus.

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