Bamberg
Fußball

Julian Gressel erobert die USA: "Dieser Weg ist nicht planbar"

Julian Gressel aus Neustadt/Aisch lebt den amerikanischen Traum. In der Nacht auf Sonntag kann er mit Atlanta den Titel in der Major League Soccer holen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Alle Augen richten sich auf Julian Gressel (rechts): Der 24-Jährige aus Neustadt/Aisch steht mit Atlanta United im Finale um die Meisterschaft in der Major League Soccer. Nach dem Halbfinal-Triumph gegen die New York Red Bulls empfängt Atlanta in der Nacht auf Sonntag die Portland Timbers.  John Bazemore/dpa
Alle Augen richten sich auf Julian Gressel (rechts): Der 24-Jährige aus Neustadt/Aisch steht mit Atlanta United im Finale um die Meisterschaft in der Major League Soccer. Nach dem Halbfinal-Triumph gegen die New York Red Bulls empfängt Atlanta in der Nacht auf Sonntag die Portland Timbers. John Bazemore/dpa

Der Weg des Julian Gressel klingt unwirklich, rasant verläuft sein Aufstieg: 2013 spielte der inzwischen 24-Jährige noch für den FC Eintracht Bamberg in der Regionalliga sowie für seinen Heimatverein TSV Neustadt/Aisch in der Landesliga. Er war ein talentierter Nachwuchsspieler unter vielen. Nun, fünf Jahre später, haben seine Gegenspieler Namen wie Zlatan Ibrahimovic, Wayne Rooney oder Bastian Schwein-steiger. Durch starke Leistungen auf dem College hat sich Gressel vor zwei Jahren für einen Platz im Kader von Atlanta United in der Major League Soccer (MLS) empfohlen. Im ersten Jahr wurde er bester Nachwuchskicker der Liga, in dieser Saison steht er als Leistungsträger seines Teams im Finale um den MLS-Cup, der Meisterschaft. In der Nacht auf Sonntag (2 Uhr, live bei Eurosport) empfängt Atlanta United die Portland Timbers in der heimischen Mercedes-Benz-Arena vor 70 000 Fans. Der Sieger schnappt sich den Titel. Und Gressel steht vor dem bisherigen Höhepunkt seiner Karriere.


Herr Gressel, mal ehrlich: Wenn Ihnen vor fünf Jahren jemand gesagt hätte, wo Sie im Dezember 2018 stehen, Sie hätten denjenigen doch für verrückt erklärt?

Julian Gressel: Als ich damals auf das College gewechselt habe, war es natürlich ein Wunschgedanke, eines Tages Profi zu werden. Das exakt so zu planen, ist aber nicht möglich. Man weiß ja nicht, wie der Weg weitergehen wird, es bleiben viele auf der Strecke. Eine große Verletzung kann vieles verbauen. In meinem Fall ist alles perfekt gelaufen. Andererseits ist mir nichts einfach so in den Schoß gefallen, ich habe viel und hart dafür gearbeitet und in jungen Jahren meine Familie in Deutschland zurückgelassen, um den Schritt in die USA zu wagen. Ich habe noch ein paar Jahre als Profi vor mir und hoffe, dass ich auch in der Zukunft von schweren Verletzungen verschont bleibe.


Den Klub Atlanta United gibt es erst seit zwei Jahren, er ist aber das Aushängeschild der Liga mit einem Schnitt von mehr als 50 000 Zuschauern und begeistert mit Offensivfußball. Warum funktioniert Fußball in Atlanta so gut?

Atlanta ist eine Stadt mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen, viele haben ihre Wurzeln in Europa oder Südamerika, in Regionen also, in denen der Fußball schon immer sehr populär ist. Das war sicher ein Grund bei der Auswahl des Standorts. Dazu kommt das neue und große Stadion, das wir uns mit den Footballern der Falcons teilen. Dass sich ein so krasser Boom entwickelt, hat viele überrascht - auch den Klub und mich selbst. Es funktioniert deshalb so gut, weil eine Riesennachfrage vorhanden ist. Viele unserer Fans waren vorher sicherlich auch Anhänger von Vereinen aus Europa, speziell aus der englischen Premier League. Einen Klub wie unseren aus dem Nichts mit aufzubauen, macht als Fan auch Spaß, sie identifizieren sich voll mit uns. Das bekomme ich oft zu hören.


Werden Sie denn in der Öffentlichkeit erkannt?

Das passiert immer öfter. Wenn ich mit meiner Verlobten beim Abendessen bin, werden wir oft angesprochen. Die Leute kommen einfach, klopfen mir auf die Schulter oder wollen ein Selfie. Es ist alles sehr freundlich und locker. Der Fußball hat in der Stadt eine pure Begeisterung ausgelöst.

Im Team zählen Sie zu den absoluten Leistungsträgern. Bis auf ein Spiel haben Sie jede Partie bestritten, vier Tore erzielt, zwölf Treffer vorbereitet. Nur eine feste Position scheinen Sie nicht zu haben ...

Ich habe in Atlanta schon auf fünf oder sechs Positionen gespielt, oft im zentralen Mittelfeld oder als Rechtsverteidiger in der Viererkette - wie zu Bamberger Zeiten. Das war vermutlich auch der Anfang meiner Flexibilität. In dieser Saison sind wir häufig in einem 3-5-2 aufgelaufen. Mein Platz war meist auf der rechten Seite, Verteidigung, Mittelfeld oder als Rechtsaußen. Im Grunde ist es mir egal, wo ich spiele. Die Hauptsache ist, dass ich spiele. Am meisten Einfluss auf das Spiel habe ich von der rechten Seite, da fühle ich mich am wohlsten, egal ob defensiv oder offensiv ausgerichtet.


Während sich Atlanta im Eastern-Conference-Finale gegen New York Red Bull behauptete, setzten sich die Portland Timbers im Westen gegen Sporting Kansas City durch. Ein Wunschgegner?

Es ist immer schwer zu beurteilen, da man gegen die Mannschaften aus dem Westen während der Saison nicht so oft spielt und sie daher auch weniger verfolgt. Portland hatte am Anfang des Jahres einige Probleme, sie haben zwischen den Systemen gewechselt, sich dann in die Playoffs gekämpft und dort eine überragende Form gezeigt. Sie verteidigen sehr gut und kontern stark. Ich denke nicht, dass sie gegen uns von dieser Spielweise abrücken, es hat zuletzt ja gut geklappt. Für uns wird es eine schwierige Partie. Wir müssen das Spiel machen, Tore schießen, aber aufpassen, dass wir uns keine Konter einfangen.

Sie haben auf dem Feld schon die Wege mit vielen Altstars aus Europa gekreuzt. Schwingt da noch etwas Ehrfurcht mit?

Am Anfang war es natürlich etwas Besonderes, das erste Mal neben einem Bastian Schweinsteiger einzulaufen, der einen dann auch noch mit Namen anspricht. Oder neben Zlatan Ibrahimovic auf dem Platz zu stehen. Das ist schon sehr cool. Die Aufgeregtheit ist inzwischen aber verschwunden, auf dem Platz will man sie ja besiegen.


Ihr Vertrag endet am 31. Dezember, Atlanta hat aber eine Verlängerungsoption für eine weitere Saison. Wie geht es weiter?

Der Verein ist bereits auf mich zugekommen und hat gesagt, dass er die Option gerne ziehen würde. Zieht der Verein die Option, wäre ein Wechsel nur gegen eine Ablöse möglich. Konkret ist aber noch nichts. Deutschland ist auf jeden Fall ein Thema, ich bin offen für Gespräche, um wieder nach Europa zu gehen. Das war aber keine Sache, die mich in den vergangenen Wochen beschäftigt hat, weil die Meisterschaft im Vordergrund steht. All das wird sich nach diesem Samstag klären. Ich weiß, dass ein paar Vereine aus Europa mich beobachten. Wie konkret das Interesse aber tatsächlich ist, weiß ich selbst nicht.


Klingt so, als wäre die Bundesliga durchaus ein Thema ...

Ja, mit Sicherheit. Auf der einen Seite gefällt es mir super in Atlanta, Fans und Stadt sind großartig. Ich wäre nicht enttäuscht, noch Jahre hier zu bleiben. Andererseits ist es auch der sportliche Ansporn, der mich antreibt. Ich bin zudem lange von meiner Familie getrennt, es wäre eine Riesensache, irgendwann wieder in Deutschland aufzulaufen und meine Familie vor Ort auf der Tribüne zu sehen.

Oft sehen Sie ihre Liebsten in der Heimat wohl nicht?

Der letzte Heimatbesuch war über Weihnachten vergangenes Jahr. Heuer werde ich wohl gar nicht nach Franken kommen, der Grund ist aber ein freudiger: Ich heirate am Jahresende meine Verlobte, mit der ich seit fünf Jahren liiert bin. Ich habe sie gleich am Anfang meiner USA-Zeit auf der Universität kennengelernt. Die ganze Familie kommt dann nach Atlanta.


Ist Atlanta Heimat für Sie?

Das ist schwer zu sagen. Als Heimat empfinde ich beides, Franken und Atlanta. Ich fühle mich hier in den Staaten sehr wohl, es ist ein anderes Leben. Wenn ich aber vom Nachhausekommen rede, dann ist das für mich Neustadt und die Umgebung.

Das Gespräch führte unser Redaktionsmitglied Tobias Schneider.



Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren