Hallstadt
Bergsteigen

Franke besteigt den K2: "Ich habe noch nie eine solche Angst gehabt"

Und plötzlich ohne Sauerstoff: Herbert Hellmuth hat den K2 bestiegen, als erster Deutscher seit 25 Jahren. Und er ist lebend wieder in Hallstadt angekommen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Am 25. Juli stand Herbert Hellmuth (rechts) auf dem Gipfel des K2 - als erster Deutscher seit 25 Jahren. privat
Am 25. Juli stand Herbert Hellmuth (rechts) auf dem Gipfel des K2 - als erster Deutscher seit 25 Jahren. privat
+13 Bilder

Auf das Ratsch folgt das Zischen. Das lebensnotwendige Gas entweicht binnen Sekunden. Herbert Hellmuth hängt entkräftet in der Steilwand, nahezu bewegungsunfähig und sieht nur noch Sternchen. "Ich habe gedacht, das war es jetzt”, sagt der Hallstadter. Beim Abstieg vom K2, dem mit 8611 Metern zweithöchsten Berg der Welt, hatte sich an der steilsten Stelle unterhalb des Gipfels der Sauerstoffschlauch verfangen und die Versorgung gekappt.

Wenige Minuten zuvor hatte der 50-Jährige Außergewöhnliches geschafft, als er dieses Ungetüm aus Eis, schroffen Felsen und steil ansteigenden Flanken bezwang und durch das Erklimmen des Gipfels in einen exquisiten Kreis vorgestoßen ist. Er ist der einzige Deutsche neben dem Schwarzwälder Ralf Dujmovits, der auf den drei höchsten Bergen stand. Das Problem: Er muss noch runter. Lebend. Auf 400 Besteigungen am K2 kommen 90 Todesfälle, mehr als die Hälfte davon während des Rückwegs vom "Berg der Berge", wie ihn Reinhold Messner nannte. Und Hellmuth läuft Gefahr, ein Teil dieser traurigen Statistik zu werden.

 

 

Keuchend hängt er in der Steilwand, legt die klatschnasse Stirn ans Blankeis und spürt, wie sich der niedrigere Luftdruck in seinem Körper wie ein schleichendes Gift ausbreitet. Nur etwa 14 Prozent des Sauerstoffgehalts auf Meereshöhe stehen hier oben noch zur Verfügung. Die Sinne trüben sich, der Körper ist geschwächt und dehydriert durch das ständige Ausatmen. Jede Bewegung ist ein Kraftaufwand. Und der rettende Sherpa klettert 50 Meter unter ihm. "Da macht sich Panik breit", sagt Hellmuth. Er tastet sich mit winzigen Schritten nach unten, fällt vor totaler Erschöpfung auf die Knie und lässt sich die Ersatzflasche anschließen. "Ich habe mich noch nie so fertig gefühlt", sagt er.

Dabei hätte sich der Hallstadter an diesem 25. Juli schon längst auf dem Heimweg nach Franken befinden sollen. Eine Woche zuvor hatte der 50-Jährige mit weiteren Teilnehmern aus der ganzen Welt den Gipfelsturm auf 8100 Metern abbrechen müssen, Pulverschnee hatte ein Vorankommen unmöglich gemacht. Es sollte wohl wieder so ein Jahr werden, an dem der Berg nicht zu bezwingen ist - wie 2015 und 2016. Auch damals versuchte sich Hellmuth am K2. Und nun wieder keine Besteigung? Im Basislager packten die allermeisten ihre Sachen zusammen und reisten ab. Ein trotziger Rest harrte aber aus. Unter ihnen auch der Hallstadter.

Seit er vor zehn Jahren einen konsequenten Lebenswandel vollzog, als aus dem Kettenraucher ein Extrembergsteiger wurde, hat er viele Abenteuer gemeistert. Er stand auf den höchsten Gipfeln der sieben Kontinente, den "Seven Summits". Und er weiß, dass sich für die kommenden Tage eine Art Heiland im Basislager angekündigt hatte: Nims Purja, ein Nepalese, der alle 14 Achttausender in der Weltrekordzeit von nur acht Monaten besteigen will und mit einer großen Entourage unterwegs ist. Die Gescheiterten hofften, in den Spuren des Rekordjägers eine weitere Chance zu bekommen. Sie sollten Recht behalten. "Und dann beginnt alles wieder von vorn", sagt Hellmuth.

Nach kurzer Rotation steigen sie in schnellem Tempo auf, um den Aufenthalt in der Höhe zu verkürzen. Von Lager 3 geht es über die sogenannte Schulter zu Lager 4. Und dann baut er sich vor ihnen auf, dieser gewaltige Serac, ein 100 Meter hoher Hängegletscher und Ort großer Tragödien. Jederzeit können Eisbrocken abbrechen, groß wie Häuser. Oder wie 2008, als sich eine Eislawine löste, die Fixseile abtrennte und elf Bergsteiger innerhalb weniger Stunden starben. "Man steht davor, blickt hinauf - und will nur noch nach Hause. Ich hatte die Hosen gestrichen voll", sagt Hellmuth. Selbstverständlich geht er nicht nach Hause.

Auf etwa 8200 Metern beginnt das knüppelhart gefrorene Blankeis, er schwingt die zwei Pickel - und erstarrt, als das Eis klirrend aufspringt. Nur die Eisschraube hält das Seil. "Und 2000 Meter unter mir ist das schwarze Nichts", sagt er. Er und Sherpa Ksang Dawa meistern auch diese Stelle - und stehen um 3 Uhr morgens bei absoluter Dunkelheit tatsächlich auf dem höchsten Punkt. "Stehen ist der falsche Begriff. Man kriecht und krabbelt, sonst weht es einen vom Gipfel", sagt Hellmuth.

Den Moment seines größten Erfolgs kann er aber nicht ausreichend genießen, zu rau sind hier die Verhältnisse, zu viel Kraft hat der Aufstieg gekostet. Und der lebensbedrohliche Abstieg stand ja noch bevor. "Wir waren fünf Minuten auf dem Gipfel. So sehr ich auf den Berg wollte, so schnell wie möglich wollte ich auch wieder runter." Schnell ist aber relativ: 26 lange Stunden haben Auf- und Abstieg in Anspruch genommen, weitere sieben Tage dauert die Rückreise durch die pakistanische Wüste. "Zuhause bin ich als Erstes in die Kirche, habe dem Messner eine riesige Kerze in die Hand gedrückt und ihn gebeten, sie für meine Familie und mich anzuzünden. Ich glaube, das war auch nötig."

 

Interview: "Ich habe noch nie eine solche Angst gehabt"

Der K2 ist zwar nur der zweitgrößte Berg hinter dem Mount Everest, gilt aber als wesentlich schwerer zu besteigen. Im Interview spricht Herbert Hellmuth aus Hallstadt (Landkreis Bamberg) über das größte Abenteuer seines bisherigen Lebens.

Der Tod ist am K2 ein ständiger Begleiter. Haben Sie keine Angst, nicht mehr nach Hause zu kommen?

 

Herbert Hellmuth: Jeder kennt die Gefahren. Man kann nur für sich selbst so viele Gefahrenquellen wie möglich ausschließen. Hier oben gibt es keine Rettung. Ein Beinbruch oder ein Bänderriss kann schon genügen. Unmöglich, jemanden eine hunderte Meter lange Steilwand hinunterzuschleppen, zumal man körperlich selbst völlig erschöpft ist. Ich müsste meinen besten Freund zum Sterben zurücklassen, sonst ist es auch mein Ende. Das sind ganz schwere Entscheidungen, die ich glücklicherweise noch nie treffen musste.

 

Sie haben auf zusätzlichen Flaschensauerstoff zurückgegriffen, viele Extrembergsteiger sehen das kritisch. Doping sei es, das unerfahrene Kletterer erst auf die Berge spüle und die Todeszahlen in die Höhe treibe. Wie stehen Sie dazu?

 

Ohne zusätzlichen Sauerstoff gehe ich ein solches Wagnis nicht ein, mir würden Hände und Füße abfrieren. Dafür bin ich leider anfällig, andere Menschen vertragen die Kälte besser. Der Sauerstoff hat die Funktion, sich schneller bewegen zu können - und er hält den Körper warm. Erfrierungen habe ich bereits bei früheren Touren an den Zehen davongetragen. Die Nerven bilden sich zwar langsam nach, diese Stellen sind aber sehr anfällig für erneute Erfrierungen. Meine Zehen und Finger sind mir zu wichtig, um darauf verzichten zu wollen. Zusätzlich benutze ich beheizbare Socken und Einlagen, die per Akku betrieben werden. Alles ist volle Pulle aufgedreht. Teilweise habe ich trotzdem noch kalte Füße.

 

Ab welcher Höhe haben Sie zusätzlichen Sauerstoff benötigt?

 

Ich habe mir eine fiese Magen-Darm-Infektion eingefangen und hatte zehn Kilo verloren, bevor wir überhaupt auf den Gipfel sind. Daher habe ich bei 6700 Metern mit Sauerstoff angefangen, üblich ist es sonst zwischen 7500 und 8000 Metern. Auch nachts habe ich mir eine geringe Dosis verabreicht, damit der Körper nicht auskühlt.

 

Sie haben die höchsten Gipfel der sieben Kontinente erklommen, nun den K2. Was folgt als Nächstes? Alle 14 Achttausender?

 

Niemals, davor habe ich viel zu viel Respekt. Und ich fühle mich mit 50 auch zu alt. Der K2 war eine absolute Grenzerfahrung. In meinem Leben habe ich noch nie eine solche Angst verspürt. Dort oben habe ich mir geschworen: Das war es, Schluss, nie wieder auf so einen Berg.

 

Und wie denken Sie jetzt, mit dem Abstand von ein paar Wochen?

 

Jetzt warte ich ab und schaue mal, was meine Kumpels im nächsten Jahr so planen. Ausschließen kann ich nichts. Vielleicht ist ja was Nettes dabei.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren