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Gähnende Leere? Das denken fränkische Fußball-Fans über den Re-Start

Der erste Geisterspieltag der Bundesliga-Geschichte hat bei den Fans gemischte Gefühle ausgelöst. Die einen sind froh, dass wieder gekickt wird, die anderen sehen die Saisonfortsetzung weiter kritisch. Eine Umfrage bei Fanclubs aus der Region.
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Mehr als 10 000 Zuschauer pilgern im Schnitt zu den Heimspielen der SpVgg Greuther Fürth. Am Sonntag beim 2:2-Remis gegen den Hamburger SV blieben die Tribünen des Sportparks Ronhof leer - wie in allen anderen Stadien der 1. und 2. Bundesliga auch.  Foto: Sportfoto Zink
Mehr als 10 000 Zuschauer pilgern im Schnitt zu den Heimspielen der SpVgg Greuther Fürth. Am Sonntag beim 2:2-Remis gegen den Hamburger SV blieben die Tribünen des Sportparks Ronhof leer - wie in allen anderen Stadien der 1. und 2. Bundesliga auch. Foto: Sportfoto Zink
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Bamberg"Natürlich hat das ein bisschen was von Alte Herren, 19 Uhr, Flutlicht-Atmosphäre", sagte Thomas Müller nach dem 2:0-Sieg des FC Bayern München am Sonntag bei Union Berlin in der fast menschenleeren "Alten Försterei". "Altherren-Fußball", auf den die Nation anscheinend gewartet hat. Denn der Bundesliga-Neustart vor Geisterkulisse bescherte Pay-TV-Sender Sky laut eigener Aussage "den reichweitenstärksten Bundesliga-Samstag der Sendergeschichte". Mehr als fünf Millionen Fans sahen die Übertragungen der Spiele am Samstag im Fernsehen und im Livestream.

Doch wie kamen die Partien unter besonderen Rahmenbedingungen bei den Zuschauern an? Unsere Zeitung hat Fanclub-Vorsitzende aus der Region befragt.

Markus Zipfel (Fanclub "Korbstadt-Glubberer" Lichtenfels/1. FC Nürnberg): Fernseher auf die Terrasse stellen, gemütlich Grillen und ein Bier trinken: ein Stück Normalität hat sich für Club-Fan Markus Zipfel aus Lichtenfels am Sonntagmittag eingestellt. "Normalerweise sind wir mehr Leute, diesmal musste ich es natürlich auf die Familie beschränken", sagt der Vorsitzende des Fanclubs "Korbstadt-Glubberer". "Es hat sich alles etwas merkwürdig angefühlt. Das Spielgeschehen war nicht so intensiv wie sonst, es hatte eher den Charakter eines besseren Trainingsspiels. Aber ich persönlich bin einfach froh, dass endlich wieder gekickt wird. Da gehen die Meinungen bei uns im Fanclub aber auseinander. Ich sehe es so: Auch der Club ist ein Wirtschaftsunternehmen, an dem viele Existenzen hängen. Deshalb ist es gut, dass gespielt wird."

Zipfel kann sich noch gut an das erste Geisterspiel der Club-Historie erinnern - die Partie bei Alemannia Aachen im Januar 2004 (3:2 für Aachen). "Damals war es unvorstellbar, dass es so etwas noch einmal geben wird." Auch das zweite Geisterspiel am Sonntag beim FC St. Pauli verloren die Nürnberger (0:1). "Es war ein typisches Club-Spiel. Vorne wurden etliche Chancen nicht genutzt. Da fehlt einfach ein Knipser wie es früher Sasa Ciric war. Und in der Schlussviertelstunde mal wieder einen Treffer kassiert. Viele Club-Fans sagen ja jetzt schon wieder spaßeshalber, es wäre besser gewesen, wenn die Saison abgebrochen worden wäre."

Nur einen Spieltag nach dem Neustart steht der FCN bereits gewaltig unter Druck. Nach den Siegen der Konkurrenten Wehen Wiesbaden und Karlsruher SC beträgt der Vorsprung des Clubs auf die Abstiegsplätze nur noch ein Pünktchen. Nun sei auch Trainer Jens Keller gefordert, aus den qualitativ guten Einzelspielern endlich ein funktionierendes Team zu formen.

Dabei wünscht sich Zipfel etwas mehr Emotionalität. "Am Sonntag konnte man gut hören, dass Jens Keller ein ruhigerer Vertreter ist, sein Gegenüber Jos Luhukay hatte deutlich mehr Feuer an der Seitenlinie. Das wünsche ich mir in gewissen Situationen auch von Keller."

Edgar Friedmann (Fanclub "Plassenburg Kulmbach"/FC Bayern München): Einen kleinen Seitenhieb ins Ruhrgebiet kann sich Bayern-Fan Edgar Friedmann aus Kulmbach nicht verkneifen: "Die Schalker haben den Sicherheitsabstand von 1,50 Metern im Spiel gegen Dortmund wörtlich genommen. Die haben ja überhaupt nicht mitgespielt."

Mit dem 4:0-Sieg des BVB im Pott-Derby kann Friedmann, Vorsitzender des Fanclubs "Plassenburg Kulmbach", leben, denn seine Münchner hatten am Sonntag beim 2:0-Erfolg bei Union Berlin ähnlich wenig Probleme.

Friedmann verfolgte die Partie natürlich live im Wohnzimmer: "Es war erträglich. Das Geschehen sah selbst am Fernseher etwas komisch aus. Aber in dieser Zeit muss man froh sein, dass so etwas überhaupt wieder möglich ist. Es war eine schöne Abwechslung zum Alltag. Bis auf wenige Kleinigkeiten war es ein gelungener Spieltag. Ich denke, andere Ligen werden dem Beispiel der Bundesliga folgen. Und ich hoffe auch, dass es bald in anderen Sportarten weitergehen kann. Die allgemeinen Lockerungen der Corona-Beschränkungen sollten das ja bald möglich machen."

Mit den "wenigen Kleinigkeiten" meint Friedmann unter anderem den zu körperbetonten Torjubel von Hertha BSC Berlin. Verbesserungsbedarf sieht er bei der Stadionatmosphäre, die man seiner Meinung nach auch ohne Zuschauer noch optimieren könnte: mit mehr Stadionmusik und geschmückten Tribünen etwa. Das Reizthema "Videobeweis" findet Friedmann, der die FCB-Spiele meist im Stadion verfolgt, am TV angenehmer zu verfolgen. "Diese minutenlangen Unterbrechungen sind zumindest weniger schlimm als im Stadion."

Roland König (Fanclub "Weiß-Grün" Höchstadt/SpVgg Greuther Fürth): Während der Club trotz Überlegenheit eine bittere 0:1-Niederlage gegen den FC St. Pauli hinnehmen musste, dürfen sich die Fürther nach dem 2:2 gegen den Hamburger SV als einer der Gewinner des Spieltags fühlen. Nach dem Last-Second-Ausgleichstreffer von Havard Nielsen in der vierten Minute der Nachspielzeit wäre der Sportpark Ronhof unter normalen Umständen sicher explodiert - in diesem Fall gab es die Gefühlsausbrüche der Kleeblatt-Fans nur in den Wohnzimmern.

So auch bei Roland König, Vorsitzender des Fanclubs "Weiß-Grün Höchstadt". "Mit einem 2:2 gegen den HSV kann man sehr zufrieden sein, unsere Tabellensituation ist ausgezeichnet. Natürlich kann man über die ganzen Umstände der Geisterspiele diskutieren, aber wir bei uns im Fanclub sind einfach nur froh, dass wieder gespielt wird."

Der äußere Rahmen ohne Zuschauer habe König an Amateursport erinnert, was er aber nicht als negativ empfindet. "Ich finde es total interessant, wenn man auch mal hört, was die Trainer den Spielern zurufen. Das hat etwas von ,Zurück zu den Wurzeln'. Aber man darf dabei trotzdem nicht vergessen, dass das alles Profispieler sind und es um richtig viel geht."

Willy Rebhan ("Blue Devils" Neustadt bei Coburg/Hamburger SV): Des einen Freud, des anderen Leid. Mit dem späten Gegentor in Fürth verpasste der Hamburger SV einen "Big Point" im Aufstiegskampf. Willy Rebhan, Vorsitzender der "Blue Devils" Neustadt, hatte es beschrien. "Kurz vor dem Tor habe ich zu einem Freund gesagt, dass der Ausgleichstreffer typisch für die bisherige Saison des HSV wäre."

Für Rebhan und zwei Fanclubkollegen, die die Partie im Freien gemeinsam unter Einhaltung des Sicherheitsabstands am Fernseher verfolgten, aber verschmerzbar, denn die Aufstiegskonkurrenten aus Stuttgart und Heidenheim verloren. "Einerseits Glück gehabt, anderseits doppelt ärgerlich, weil wir sonst ein gutes Polster gehabt hätten." Die Geisterkulisse nahm er mit gemischten Gefühlen auf. "Das Feeling war schon sehr komisch. Aber interessant war, die Kommandos der Trainer und Spieler zu hören - vor allem für mich als aktiven Spieler."

Rebhan geht seit dieser Spielzeit für den VfL Frohnlach in der Landesliga Nordwest auf Torejagd, zuvor hatte er in der Kreisklasse und Kreisliga für seinen Heimatverein TSSV Fürth am Berg gespielt. "Die Kommandos der Trainer sind ähnlich, aber mehr auf den Punkt gebracht. Da ist kein Satz sinnlos, alles hat Hand und Fuß." Und das ist im Amateurbereich nicht der Fall? Rebhan grinst: "Nein, nicht immer."