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Fußball

Ein Franke mischt die Schweiz auf: Lukas, der Anführer

Von der Teilzeitkraft zum Leistungsträger: Lukas Görtler spielt seine wohl beste Saison und ist in der Schweiz mit dem FC St. Gallen auf gutem Weg zur Meisterschaft. Dann stoppte Corona den Sport. Im Juni soll es aber weitergehen.
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Beim FC St. Gallen hat Lukas Görtler sein fußballerisches Glück gefunden: Der Kemmerner ist absoluter Leistungsträger beim Schweizer Erstligisten. Das Bild zeigt ihn in seinem vorerst letzten Spiel am 23. Februar, als er in der                                                                              Nachspielzeit gegen Bern nach zuvor zwei Vorlagen das 3:2 erzielte. Allerdings glichen die Young Boys noch zum 3:3 aus. imago
Beim FC St. Gallen hat Lukas Görtler sein fußballerisches Glück gefunden: Der Kemmerner ist absoluter Leistungsträger beim Schweizer Erstligisten. Das Bild zeigt ihn in seinem vorerst letzten Spiel am 23. Februar, als er in der Nachspielzeit gegen Bern nach zuvor zwei Vorlagen das 3:2 erzielte. Allerdings glichen die Young Boys noch zum 3:3 aus. imago
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"Im Kopf sind die Bilder noch sehr präsent: wie ich das Tor mache, jubelnd zu den Fans in die Kurve laufe. Ein volles Stadion. Als Kind träumt man genau davon. Ein unglaublicher Moment", sagt Lukas Görtler. Neun Wochen ist es nun her, als er letztmalig für den FC St. Gallen in der Schweizer Super League auf dem Feld stand, beim Topspiel gegen die Young Boys Bern vor 20 000 Zuschauern im ausverkauften Kybunpark. Erster gegen Zweiter. Und der aus Kemmern stammende Mittelfeldspieler glänzte: zwei Torvorlagen, sein Kopfballtreffer in der Nachspielzeit zum 3:2. Das kleine Märchen des FC St. Gallen schien sich fortzuschreiben; sie alle glaubten, der ersten Meisterschaft nach mehr als 20 Jahren noch einen Schritt näher zu sein.

Weil aber ein unglückliches Handspiel zusätzlich auf einen übereifrigen Video-Assistenten traf, glich Bern in der 97. Minute nach vielen Diskussionen per wiederholtem Strafstoß noch zum 3:3 aus. Die grün-weiße Partie war vorerst gelaufen. Görtler stapfte vom Feld und beklagte in diesem Augenblick die große Ungerechtigkeit. Ein Fußball-Drama, und doch so klein. Ein reales und viel größeres sollte folgen.

Das Coronavirus hat auch in der Schweiz das öffentliche Leben massiv beeinflusst. Seit jener Partie vom 23. Februar ruht in der Super League der Spielbetrieb und bei Görtler der Traum von der Meisterschaft. Nach dem emotionalen Hoch der vergangenen Monate setzte die große Leere ein. "Wir haben noch zwei Wochen trainiert, mussten das Mannschaftstraining danach aber einstellen. Seitdem hatte ich keinen Ball mehr am Fuß und halte mich individuell fit. Ein Dauerzustand ist die Situation nicht, es zehrt an den Nerven", sagt der 25-Jährige.

Seit Mittwoch ist aber die Hoffnung zurück: Die Politik hat den Rahmen geschaffen, dass die Saison in den beiden höchsten Ligen - ähnlich wie in der Bundesliga - mit Geisterspielen fortgesetzt werden kann. Am 11. Mai soll das Mannschaftstraining starten, ab 8. Juni könnte der Spielbetrieb unter strengen Gesundheitsauflagen fortgesetzt werden - aber fast pausenlos und bis in den späten August hinein: 13 Spieltage sind noch offen, vier mehr als in der Bundesliga.

Die einzige Wahl

"Euphorisch werde ich zwar nicht, wenn ich an Geisterspiele denke. Aber sie sind wohl in naher Zukunft unsere einzige Möglichkeit. Irgendwie muss es weitergehen. Vielleicht schalten die Zuschauer nach drei Spieltagen auch ab, weil sie es langweilig oder unnötig finden", sagt Görtler: "Ein Abbruch oder eine Annullierung wäre für uns jedenfalls das bitterste Ende dieser bislang so tollen Saison."

Dass der Verein aus der fußballverrückten Stadt unweit des Bodensees nach 23 Spielen punktgleich mit den Young Boys an der Tabellenspitze steht, hat kaum einer kommen sehen. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Seit aber Ex-Bayern-Profi Alain Sutter 2018 das Amt des Sportchefs übernahm und im Juli des gleichen Jahres den Schwaben Peter Zeidler als Trainer installierte, verfolgt St. Gallen einen festen Plan. Das Team bekam eine Spielphilosophie eingeimpft, die stark von Zeidlers Zeit bei RB Salzburg geprägt ist: hohes Anfangspressing, den Gegner permanent ermüden, schnelle Pässe in die Spitze. Ein kleines Leipzig, meist in einem klassischen 4-4-2 mit Raute spielend - und Görtler als Verbindungsglied im Mittelfeld.

Nach einer Anlaufphase (nur zwei Siege in sechs Spielen zu Beginn) entwickelte sich eine positive Eigendynamik. "Ein überragender Trainer, die richtigen Charaktere und ein brutaler Teamgeist - diese Kombination ist hier einmalig", nennt Görtler die wesentlichen Erfolgsfaktoren. Er selbst ist aber nicht nur ein zufällig passendes Mosaiksteinchen, sondern füllt die ihm zugedachte Rolle als Führungskraft von Anfang an aus. Überraschend kommt diese Wandlung nicht.

Immer durchgespielt

Bis auf eine Gelbsperre stand er in sämtlichen Ligaspielen die vollen 90 Minuten auf dem Platz. Er zählt in einem jungen Team mit seinen nicht einmal 26 Jahren zu den Erfahrensten, übernimmt Verantwortung und ergreift gern das Wort.

"Dass ich inzwischen auf einer festen Position gesetzt bin, war sicherlich der wichtigste Entwicklungsschritt. Ich bin froh, meine Position gefunden zu haben und dass man mir dort vertraut", sagt der 25-Jährige.

Seine dauerhafte Bestimmung liegt im halbrechten Mittelfeld, auf der "Acht", nicht mehr als verkappter Stürmer oder auf der Außenbahn. Da hatten ihn manche Trainer zuvor gesehen. "Sobald ich in einer Saison mal drei Tore gemacht habe, war ich plötzlich Stürmer. Dann habe ich wieder im defensiven Mittelfeld ausgeholfen, wenn dort jemand gefehlt hat." Seine Variabilität erwies sich mit der Zeit eher als belastend und entwicklungshemmend. "Damit kommt man nicht auf die Einsatzzeiten, die man sich selbst wünscht."

Das änderte sich in der Rückrunde der Saison 2018/19, als er in seinem zweiten Jahr beim FC Utrecht dauerhaft auf seiner Lieblingsposition spielen durfte - und die Verantwortlichen aus St. Gallen nachhaltig beeindruckte. Vom ersten Tag an sollte Görtler einer ihrer Schlüsselspieler werden. "Utrecht zu verlassen, ist mir sehr schwer gefallen. Ich habe mich dort wie zu Hause gefühlt. Beim FC St. Gallen hatte ich aber sofort das richtige Gefühl, die Gespräche waren hervorragend. Genau eine solche Rolle wollte ich. Es war an der Zeit, etwas Neues zu versuchen. Ich habe die Entscheidung zu keinem Zeitpunkt bereut."

Zum großen Glück fehlt jetzt nur noch ein rollender Fußball.

Profis allein zuhause: Heute mit Lukas Görtler

Für mindestens drei Spielzeiten bis Juni 2022 hat Lukas Görtler beim FC St. Gallen unterschrieben. Nach seinen Profi-Stationen beim FC Bayern München II, 1. FC Kaiserslautern und dem FC Utrecht fühlt er sich in der Schweiz als Sportler angekommen. Das Verlassen der stärker eingeschätzten niederländischen Eredivisie war nur auf den ersten Blick ein Rückschritt in der Karriere.

Görtler und Freundin Helena wohnen außerhalb St. Gallens, in wenigen Minuten sind sie in den Bergen, am Bodensee ebenfalls. Und die Anti-Corona-Regeln sind in der Schweiz nicht so streng wie in Bayern. Es gibt sicher unangenehmere Gegenden, um die Krise zu überstehen. "Ich brauche nicht viel im Leben und bin schon mit einfachen Dingen zufrieden. Wenn es den Menschen in meinem Umfeld gut geht, ich joggen oder Radfahren kann, bin ich glücklich."

Was momentan aber fehlt, ist die Bindung an die Familie in Kemmern. Die Fahrten in die Heimat sind bis auf Weiteres ebenso gestrichen wie die Besuche des Vaters, der bei fast allen Spielen auf der Tribüne saß. "Vor allem meine kleine Nichte vermisse ich fürchterlich", sagt Görtler.

Fünf Fragen an den gebürtigen Bamberger.

Mein Lieblingsort ist gerade:

Das Appenzellerland, weil es unglaublich schön ist und ich viel wandern und radfahren kann.

Ich halte mich gerade fit mit:

Rennrad fahren, joggen, Krafttraining und Yoga.

Ich vermisse gerade am meisten:

Die alltäglichen Dinge des Lebens, wie Freunde und Familie treffen.

Wenn die Corona-Beschränkungen weg sind, werde ich als Erstes:

Mal wieder im Training richtig in den Zweikampf gehen.

Das habe ich meiner Freundin zuletzt geschenkt:

Mich als Koch, der ihr in der Homeoffice-Zeit drei Mal am Tag Essen zubereitet.

David, Nicolas, Lukas: die verschiedenen Wege der Brüder

Die brandgefährlichen Freistöße von David, der Torriecher von Nicolas und die Leidenschaft eines Lukas: Den drei Görtler-Brüdern aus Kemmern liegt der Fußball im Blut. Den Grundstein legte Vater Bernhard, selbst ein hoch veranlagter Stürmer - und 25 Jahre lang ausschließlich für den SC Kemmern aktiv. Im Kurz-Interview spricht der 57-Jährige über die Lebenswege seiner Söhne.

Herr Görtler, Lukas spielt in der Schweiz, Nicolas und David beim SC Kemmern. Wie oft sehen Sie Ihre Söhne kicken?

Bernhard Görtler: So oft, wie es möglich ist. Als Nic noch beim FC Schweinfurt gespielt hat, war ich am Samstag erst beim Auswärtsspiel in Ingolstadt, bin dann weiter nach Utrecht zu Luki und habe mir am nächsten Tag das Spiel gegen Ajax Amsterdam angeschaut. Weil ich mittlerweile im Ruhestand bin, bleibe ich gleich ein paar Tage. Ich genieße die Zeit und bin unglaublich stolz auf meine Jungs.

Lukas ist Profi, Nic war es. Nur David hat den SC Kemmern nie verlassen. Warum eigentlich?

Das war wohl meine Schuld, weil ich ihn in Kemmern trainiert habe und nicht wollte, dass einer meiner Jungs den SC verlässt. Erst Nic haben wir ziehen lassen. David hätte es auch schaffen können, seine Technik ist stark, seine Freistöße eine Waffe. Gefühlt hat er jeden zweiten verwandelt. Seit 1981 habe ich 25 Jahre lang die Nummer 9 beim SCK getragen, seit 14 Jahren hat sie David. Irgendwie verrückt.

Und wer ist der beste Fußballer bei den Görtlers?

Da muss ich ganz klar mich nennen. Spaß beiseite. Ich sehe alle auf einem Niveau, aber natürlich sind sie unterschiedliche Charaktere. Nic ist eher heimatverbunden, Luki hat es schon immer hinaus in die Welt gezogen.

Beim 3:3 gegen Bern saßen Sie auf der Tribüne. Was geht in Ihnen vor, wenn der eigene Sohn vor 20 000 Zuschauern so ein Spiel abliefert?

Das kann man nicht in Worte fassen. Glück, Stolz, Genugtuung. Er hat sich all das erarbeitet, bekam nichts geschenkt und ist trotzdem auf dem Boden und sich selbst treu geblieben. Das ist für mich mit das Schönste.

Steckbrief Lukas Görtler

Geburtstag: 15. Juni 1994

Geburtsort: Bamberg

Position: Mittelfeld (rechts, zentral und offensiv)

Jugendvereine: SC Kemmern, SpVgg Greuther Fürth, FC Eintracht Bamberg, 1. FC Nürnberg

Seniorenbereich: FC Eintracht Bamberg (2012 - 2014), FC Bayern München II (2014/ 15), 1. FC Kaiserslautern (2015 - 2017), FC Utrecht (2017 - 2019), FC St. Gallen (seit Juli 2019, Vertrag bis Juni 2022)

Besonderes: Absolvierte in seiner Zeit beim FC Bayern II (3. Liga) ein Spiel für die Bundesliga-Profis, kam im Mai 2015 als Einwechselspieler gegen Bayer Leverkusen (0:2) auf 18 Minuten und darf sich Deutscher Meister 2014/15 nennen.

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