Bamberg
Neu bei Brose Bamberg (8)

Ein Berliner startet in Bamberg durch

Bei Alba groß geworden, bei den Bayern weiterentwickelt und bei Brose kurz vor dem Durchbruch: Der 20-jährige Nelson Weidemann hat mit seiner Unbekümmertheit schnell seine Rolle gefunden.
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Nelson Weidemann Foto: Daniel Löb
Nelson Weidemann Foto: Daniel Löb

Mit Serienmeistern kann Nelson Weidemann wenig anfangen. "Ich mag die Golden State Warriors nicht wirklich, weil sie die letzten Jahre einfach zu gut waren. Da habe ich mich immer auf die Seite des Gegners geschlagen", sagt der 20-Jährige über das übermächtige NBA-Team der vergangenen Jahre. Übermächtig in der deutschen Basketball-Landschaft war über viele Jahre der neunmalige Meister Brose Bamberg. Der gebürtige Berliner gibt grinsend zu: "Ja, als ich als kleines Kind immer bei den Alba-Spielen in der Halle war, ging Bamberg gar nicht. Aber das ist lange her."

Mittlerweile ist der FC Bayern, zu dem Weidemann 2016 wechselte, mit zwei nationalen Titeln in Folge auf dem Weg zum neuen Basketball-Serienmeister. Dass der Aufbauspieler die bayerische Landeshauptstadt (Vertrag beim FCB läuft bis 2022) im Sommer vorerst verließ, liegt weniger an seiner Antipathie gegenüber vermeintlich übermächtigen Mannschaften, sondern vielmehr an seinen sportlichen Entwicklungsmöglichkeiten. Weidemann kam lediglich auf drei Bundesliga-Einsätze und sammelte seine Spielpraxis vornehmlich als Leistungsträger in der zweiten Mannschaft in der ProB.

Da die Bayern ihren Kader im Sommer qualitativ wie quantitativ weiter aufgerüstet hatten, legten die Verantwortlichen dem ehemaligen Juniorennationalspieler einen vorübergehenden Wechsel nahe.

Die Bamberger schlugen Ende Juli zu: Weidemann wurde für zwei Jahre ausgeliehen - mit anschließender Kaufoption. Eine Entscheidung, die der 20-Jährige vier Monate später nicht bereut. "Ich habe nicht wirklich damit gerechnet, dass ich so viel spiele. Ich bin sehr erleichtert", sagt Weidemann, der in den bisherigen acht Bundesliga-Partien knapp zehn Minuten auf dem Parkett steht. "Ich sehe das als eine Belohnung für meine harte Arbeit in den letzten drei Jahren an."

Zwei große Jugendlieben

Weidemann, dessen Vater aus Ghana stammt, wurde in der Jugend von Alba Berlin groß. "Meine Mutter hat in der Schule gespielt, mein sieben Jahre älterer Cousin hat mich dann immer mit auf den Freiplatz oder in die Halle mitgenommen", erzählt der inzwischen 1,90 Meter große Aufbauspieler. Weidemanns zweite Leidenschaft in der Jugend war die Musik. Er probierte sämtliche Instrumente, von der Gitarre über Piano bis zum Schlagzeug, aus. Die Liebe zum orangenen Leder setzte sich aber durch.

Für Basketball-Experten ist Weidemanns Cousin kein Unbekannter: Der 27-jährige Bill Borekambi spielt seit vielen Jahren in der 2. Liga ProA, aktuell in Schwenningen. Im Gegensatz zu seinem Cousin, der zwei Jahre an einem College in Kalifornien verbrachte, entschied sich Weidemann in jungen Jahren gegen den Schritt nach Übersee: "Ich hatte einige Angebote und habe darüber nachgedacht. Ich war zu dem Zeitpunkt zwar schon ausgezogen, habe aber mein Zuhause und die Familie sehr vermisst. Ich konnte mir damals noch nicht vorstellen, Deutschland zu verlassen." Für sein Heimatland war Weidemann in den Jugendnationalmannschaften durchgehend eine Stütze. 2016 gewann er mit der U18 das Albert-Schweitzer-Turnier, das als inoffizielle Weltmeisterschaft dieser Altersklasse gilt. Zwei Jahre später sicherte er sich mit dem deutschen U20-Team die Bronzemedaille bei der Europameisterschaft in Chemnitz - gemeinsam mit seinem jetzigen Bamberger Teamkollegen Louis Olinde.

Alte Freundschaft rostet nicht

Neben Olinde kannte Weidemann vor seiner Ankunft in Bamberg auch Bryce Taylor aus gemeinsamen Münchner Tagen. Bei Brose teilen sich die beiden bei Auswärtsfahrten ein Zimmer. "Bryce ist der alte Hase der Gruppe, er wirkt auf mich unheimlich weise. Im Training gibt er mir auch mal den Tritt in den Hintern, den ich manchmal brauche", sagt Weidemann und fügt an: "Er hilft mir aber auch abseits des Feldes, wir reden viel über private Dinge. Ich bin oft zum Abendessen bei ihm. Seine Frau kocht und wir gucken dann gemeinsam Euroleague."

Aber auch Weidemann, derzeit Single, hat für seinen 13 Jahre älteren Kumpel, der in den vergangenen Wochen nur sporadisch zum Einsatz kam, immer ein offenes Ohr. "Bryce ist ein Vollprofi. Er stellt sein Ego nicht über die Ziele des Vereins und akzeptiert seine neue Rolle. Wenn es darauf ankommt, ist er bereit, das hat er immer bewiesen", sagt Weidemann. Die Rolle des Youngsters hat sich nach der Verpflichtung von Retin Obasohan auch leicht verändert. Der Berliner spielt seitdem in der Ersten Fünf als Shooting Guard neben Spielmacher Paris Lee. "Ich sehe mich als Point Guard, aber im modernen Basketball ist es ja völlig normal, dass Teams mit zwei Aufbauspielern gleichzeitig spielen. Für uns erleichtert das den Job."

Neben dem Parkett bezeichnet er sich selbst als Schlafmütze, auf dem Feld beweist er das Gegenteil: "Ich will giftig sein und probiere immer, 100 Prozent Energie zu geben. Vor allem in der Defensive, denn das zieht die anderen mit." Offensiv liebt es der 1,90 Meter große Guard, Tempo zu machen. "Nach den ersten zwei Spielen in der Champions League, in denen wir sehr langsam gespielt haben, hat uns der Coach aufgefordert, freier und schneller zu spielen. Seitdem ist unsere Pace gestiegen. Das war erleichternd für uns."

Auf den Spuren von Isaac Bonga

Unter hohem Tempo passieren Fehler. Fehler, die Trainer Roel Moors seinen Akteuren zugesteht. "Dadurch, dass der Coach selbst Point Guard war, findet er immer die richtigen Worte im angemessenen Ton", sagt Weidemann. "Er sagt mir nicht immer das, was ich hören will, aber das, was ich hören muss, um die nächsten Schritte in meiner Entwicklung zu gehen."

Im Idealfall soll ihn diese Entwicklung in die NBA führen. Als Vorbild nimmt sich Weidemann für dieses Unterfangen Nationalspieler Isaac Bonga (ebenfalls Jahrgang 1999), der in dieser Spielzeit bei den Washington Wizards regelmäßig zum Einsatz kommt. "Als ich klein war, meinte ich zu meiner Mutter, wenn ich nicht in die NBA komme, wäre das ein Weltuntergang", erinnert er sich. "Mittlerweile habe ich meine Meinung angepasst. Wenn ich irgendwann einmal bei einem Euroleague-Verein spiele, wäre ich am Ende auch zufrieden."

Den Weg zurück in die europäische Königsklasse traut Weidemann mittelfristig auch seinem aktuellen Arbeitgeber zu. "Wir haben gezeigt, dass wir gegen ein Team wie Alba mithalten können. Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis Bamberg wieder diesen Status erreicht, den es einst mal hatte."

Nelson Weidemann

Geboren am 25. März 1999 in Berlin Größe/Gewicht 1,90 Meter/80 Kilogramm Vertrag bis 2021 Trikotnummer 2 Position Point Guard/Shooting Guard Statistiken 2018/19 13,8 Punkte, 4,5 Rebounds, 2,8 Assists im Schnitt in 25 Minuten; 38,5 % Feldwurfquote, 77,1 % Freiwurfquote in der ProB Süd

Bisherige Vereine Alba Berlin (bis 2015), Nürnberger BC/TS Herzogenaurach (2015/16), FC Bayern (2016 bis 2019)

Karriere bei den "Großen Bs": Bamberg, Bayern, Berlin

"Die drei Großen Bs" Brose Bamberg, der FC Bayern München und Alba Berlin haben die letzten zwei Basketball-Jahrzehnte in Deutschland bestimmt. Nelson Weidemann ist bereits der siebte Spieler, der für alle drei Klubs aktiv war. Die weiteren Spieler im Überblick: Steffen Hamann (Bamberg: 1998 - 06 und 2007/08, Berlin: 2008 - 10, Bayern: 2010 - 14) Demond Greene (Berlin: 2005 - 2007, Bamberg: 2007 - 2009, Bayern: 2010 - 2014) Lucca Staiger (Berlin: 2010 - 2012, Bayern: 2013 - 2015, Bamberg: 2015 - 2018) Yassin Idbihi (Berlin: 2010 - 13, Bayern: 2013 - 15, Bamberg: 2015/16) Bryce Taylor (Berlin: 2010 - 2012, Bayern: 2013 bis 2017, Bamberg: 2017 - heute) Leon Radosevic (Berlin: 2013 - 2015, Bamberg: 2015 - 2018, Bayern: 2018 - heute)

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