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Basketball

Dirk Nowitzki: Seiner Zeit weit voraus

Groß, beweglich und ein weiches Handgelenk - was für den modernen, heutigen NBA-Spieler Grundvoraussetzungen sind, war vor 20 Jahren revolutionär. Doch Dirk Nowitzki haben nicht nur seine Qualitäten auf dem Parkett großgemacht. Nun verlässt der Würzburger die große Bühne.
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dpa/Archiv
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"Ich danke auch den Spielern der Phoenix Suns, die mir heute noch ein paar Körbe gestattet haben." Mit einer für ihn typischen Mischung aus Bescheidenheit und einer Prise Humor ist sich Dirk Nowitzki auch bei seiner Rücktrittsrede nach dem 120:109-Erfolg seiner Dallas Mavericks treu geblieben. Nach 21 Spielzeiten in der besten Liga der Welt ist für Nowitzki Schluss. "Der Schritt ist Dirk sicher schwergefallen, aber er hat eingesehen, dass die Zeit jetzt gekommen ist", sagt Steffen Hamann, NBA-Experte beim Streamingdienst DAZN und Jugendtrainer beim FC Bayern Basketball.

Hamann und Nowitzki waren nicht nur langjährige Nationalmannschaftskollegen, sie eint auch ein enger Bezug zur Marktgemeinde Rattelsdorf. Hamann wuchs im 4500 Einwohner großen Örtchen 20 Kilometer nördlich von Bamberg auf, Nowitzki legte ab 1994 mit seinem Mentor und Individualtrainer Holger Geschwindner in der Rattelsdorfer Schulturnhalle die Grundlagen für seine Weltkarriere. Hamann begegnete Nowitzki zu dieser Zeit bei einem Junioren-Lehrgang in Würzburg zum ersten Mal. "Seine besondere sportliche Begabung hat man damals sofort erkannt. Er hatte schon ein krasses Spielverständnis und den Ball mit einer unglaublichen Leichtigkeit geworfen", schildert Hamann.

Erste Erfolge mit Bayernauswahl

Eindrücke, die Unternehmer Wolfgang Heyder, unter anderem 15 Jahre Manager bei den Bamberger Basketballern, teilen kann. Der 62-Jährige betreute Anfang der 90er-Jahre als Trainer die Bayernauswahl des starken Jahrgangs 1978, unter anderem mit Nowitzki und dem Bamberger Sven Schultze.

Beide agierten offensiv atypisch für ihre Größe und körperlichen Voraussetzungen vornehmlich von außen. "Ein 2,05 Meter großer junger, deutscher Spieler, der Dreier geworfen hat, das gab es noch nicht. Zur damaligen Zeit war das revolutionär", sagt Heyder, der mit der bayerischen Juniorenauswahl um Nowitzki zweimal den deutschen Titel holte. Einige Jahre später kreuzten sich die Wege von Heyder, damals Trainer beim TSV Breitengüßbach, und dem mittlerweile auf 2,13 Meter gewachsenen Nowitzki als Spieler der DJK s. Oliver Würzburg wieder. "Das waren große Kämpfe in einer immer vollen Halle", erinnert sich Heyder.

Das Würzburger Team definierte sich damals aber nicht allein über Nowitzki, sondern über eine "goldene Generation" mit den späteren Nationalspielern Demond Greene, Robert Garrett und Marvin Willoughby. "Ich bin froh, Dirk in jungen Jahren kennengelernt zu haben. So konnte ich seine Entwicklung mitbekommen und jedes Mal sehen, wie hart er gearbeitet hat", sagt Greene, der die zweite Mannschaft des FC Bayern trainiert. "Dirk hat es geschafft, jeden Spieler im Training oder im Spiel besser zu machen."

Kein Wunder also, dass die Würzburger 1998 den Sprung in die Bundesliga schafften. Nur wenige Wochen später wurde Nowitzki im NBA-Draft an Position 9 von den Milwaukee Bucks gezogen und später an die Mavericks weitergegeben. Unverhofft konnte der damals 20-Jährige aber noch ein halbes Jahr in Würzburg verweilen, da ein Tarifstreit zwischen der NBA und der Spielergewerkschaft den regulären Saisonstart verhinderte. So kam Nowitzki noch zu seiner Premiere im deutschen Oberhaus und avancierte mit knapp 23 Punkten im Schnitt in 16 Spielen prompt zum Topscorer der Liga.

Eines seiner besten Spiele machte der Würzburger eine Woche vor seiner Abreise nach Dallas im Januar 1999 in Bamberg. Bei der 77:90-Niederlage seiner Würzburger in der Graf-Stauffenberg-Halle erzielte Nowitzki 21 Punkte, holte elf Rebounds und verteilte neun Assists.

Zahlen, die dem 2,13-Meter-Mann in der NBA zunächst keiner zutraute. Doch spätestens in seiner zweiten Saison, als Nowitzki als "Starter" der Mavericks seine besonderen Fähigkeiten regelmäßig zur Schau stellen durfte, verstummten die Kritiker. "Neben seinem Ausnahmetalent und der sportlichen Veranlagung aus dem Elternhaus hat ihm vor allem seine Arbeitseinstellung den Erfolg gebracht. Dirk hat an seiner Karriere hart gearbeitet - ernsthaft, aber nie verbissen", so Heyder.

Als Champion fast nach Bamberg

Verbissen an einer Verpflichtung des Würzburgers arbeitete Heyder als Manager von den Brose Baskets im Sommer 2011. Nach Nowitzkis größtem Triumph, dem Gewinn der NBA-Meisterschaft 2011, tobte in der nordamerikanischen Liga der nächste Tarifstreit - die komplette Spielzeit 2011/12 schien in Gefahr. Nowitzki und andere NBA-Stars liebäugelten deshalb mit einem kurzzeitigen Engagement in Europa. Das damalige Bamberger Interesse an Nowitzki war beileibe kein Marketing-Gag. "Wir wollten Dirk ernsthaft verpflichten und standen mit Holger Geschwindner im regelmäßigen Kontakt", erzählt Heyder, der bereits ein entsprechendes Versicherungspaket für Nowitzki in Höhe von rund 300 000 Euro auf dem Schreibtisch liegen hatte.

Nachdem sich Geschwindner und der damalige Brose-Coach Chris Fleming sogar schon zweimal über Nowitzkis mögliche Rolle im Bamberger System ausgetauscht hatten, platzte der Deal aber noch. Die streitenden Parteien im Tarifstreit einigten sich doch, die NBA-Saison konnte mit leichter Verspätung Ende Dezember beginnen.

Um jeden Dollar beziehungsweise Euro zu feilschen, lag Nowitzki dagegen schon immer fern. In den vergangenen Jahren verzichtete der wertvollste Spieler (MVP) der Saison 2006/07 bei der Unterzeichnung neuer Verträge stets auf einige Millionen, um den Mavs einen größeren finanziellen Rahmen für neue Verpflichtungen zu geben.

Der Junge von nebenan

Seine bescheidene Art können seine ehemaligen Nationalmannschaftskollegen nur zu gut bestätigen. "Er brauchte weder einen besonderen Platz im Mannschaftsbus noch ein Einzelzimmer im Hotel. Das war bei den Stars anderer Nationalmannschaften ganz anders", sagt Hamann. Demond Greene, der Nowitzki seinen Spitznamen "Desmond" zu verdanken hat, ergänzt: "Man hatte nie den Eindruck, dass er ein Superstar ist, der Allüren zur Schau stellt und dadurch die anderen klein wirken lässt. Er war ein lustiger Vogel, der immer zu Späßen bereit war und sich nie in den Fokus gestellt hat."

Im Fokus der Weltöffentlichkeit stand Nowitzki unter anderem bei den Olympischen Spielen 2008 als deutscher Fahnenträger. Hamann erinnert sich an den Moment, als für den Mannschaftsbus vor dem Hotel wegen Hunderter chinesischer Fans kaum ein Durchkommen war. Deshalb wurde kurzerhand Nationalspieler Jan Jagla, der Nowitzki von der Körperstatur sehr ähnelt, mit einer Kappe ausgestattet und als Erster aus dem Bus geschickt.

Während sich die Massen auf den "falschen Nowitzki" stürzten, konnte das "Original" den Bus fast unbehelligt verlassen. Noch besser war Nowitzkis Tarnung bei einem Hockey-Spiel, das der Würzburger vollverkleidet im Kostüm des Olympia-Maskottchens "verfolgte", erinnert sich Hamann.

Nachdem sich Nowitzki bereits 2015 bei der Europameisterschaft in Berlin vom internationalen Parkett verabschiedet hatte, fällt mit dem Gastspiel der Mavericks in San Antonio nach 1522 Spielen und knapp 31 500 Punkten im Alter von 40 Jahren und neun Monaten auch der letzte Vorhang in der NBA. Der Platz in den Geschichtsbüchern ist Nowitzki jedenfalls sicher.

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