Bamberg
Basketball

Die WM ging ihm unter die Haut

Für den Venezolaner Michael Carrera war das Basketball-Großereignis in China eine prägende Erfahrung. Auf Vereinsebene will der gläubige Christ nach sieben Stationen in drei Jahren nun in Bamberg sein Glück finden.
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15 Tattoos schmücken Carreras Körper: Sein neuestes Exemplar ist das Logo der Basketball-Weltmeisterschaft 2019 auf dem rechten Unterarm.  Foto: Daniel Löb
15 Tattoos schmücken Carreras Körper: Sein neuestes Exemplar ist das Logo der Basketball-Weltmeisterschaft 2019 auf dem rechten Unterarm. Foto: Daniel Löb

BambergAns Reisen ist Michael Carrera gewohnt. In seiner dreijährigen Profikarriere war der 26-Jährige bereits bei sieben Vereinen in sechs Ländern aktiv. Seinen bisher prägendsten Trip erlebte der Venezolaner aber vor einigen Wochen mit der Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in China. "Es war mein erstes großes Basketball-Turnier für mein Heimatland. Eine großartige Erfahrung, die ich niemals vergessen werde", sagt Carrera mit leiser, bedächtiger Stimme. Während des Gesprächs in der Strullendorfer Trainingshalle krempelt Carrera den rechten Ärmel seines Kapuzenpullovers hoch und präsentiert stolz sein neuestes Tattoo: das WM-Logo auf seinem Unterarm. "Einige meiner Teamkollegen waren 2014 bei Olympia in Rio dabei und haben sich die Olympischen Ringe tätowieren lassen. Die WM-Teilnahme bedeutet mir sehr viel und ich liebe Tattoos, also musste ich das jetzt nachholen."

Mit dem Sieg über Gastgeber China und dem Einzug in die Zwischenrunde (14. Platz in der Endabrechnung) gehörte Venezuela zu den positiven Überraschungen des Turniers. "Unsere Mission war es, mit dieser Weltmeisterschaft die Menschen in Venezuela glücklich und stolz zu machen. Es gibt leider einige Sachen in unserem Land, seien es Regierungsgeschichten, Armut oder die gesundheitliche Versorgung, die nicht so gut laufen", erzählt Carrera. "Ich bin froh und gesegnet, jetzt in Deutschland sein zu dürfen und für so einen tollen Verein zu spielen. Es gibt viele Menschen, die gerne in meiner Position wären, aber um hierherzukommen, musste ich auch sehr hart arbeiten."

In die Fußstapfen des Vaters

Carrera ist in der industriell geprägten Küstenstadt Barcelona, rund 300 Kilometer östlich von der venezolanischen Hauptstadt Caracas, als Einzelkind in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater Luis war ebenfalls Basketballprofi, setzte seinen Sohn aber nie unter Druck, einen ähnlichen Weg einzuschlagen. So kam Carrera erst mit zwölf Jahren mit dem orangenen Leder in Berührung. Zuvor hatte er Fußball und Baseball, den Nationalsport Venezuelas, ausprobiert. "Ich habe Baseball zwar für eine Weile gespielt, konnte mich aber nie so recht damit anfreunden. Ich bin ein sehr aktiver Athlet, immer nur an einem Ort zu stehen und zu warten, ist nicht mein Ding. Ich muss mich einfach bewegen und rennen, also bin ich beim Basketball gelandet", erklärt Carrera.

Vater Luis, der selbst ein Kämpfertyp auf dem Parkett war und als überragender Rebounder galt, ist in seiner Mentorenrolle voll aufgegangen und gab Michael das passende Rüstzeug für eine erfolgreiche Karriere an die Hand. "Mein Dad sagte immer zu mir, wenn du auf dem Basketballfeld stehst, gibt es keine Freunde. Mit dieser Einstellung gehe ich auch heute noch in jedes Spiel rein", sagt der 26-Jährige.

Um die Leistungen und den Einsatz seines Vaters zu würdigen, läuft Carrera seit seiner Zeit an der Highschool (Maryland/USA) in kürzeren Hosen, wie es in den 80er- und 90er-Jahren üblich war, auf. "Ich bin da sehr altmodisch und fühle mich in kürzeren Shorts einfach wohler. Hier in Bamberg versuche ich, die Hose zumindest etwas hochzurollen", sagt Carrera mit einem Grinsen im Gesicht.

Davon abgesehen, dass der passende Schneider noch gefunden werden muss, fühlt sich der Venezolaner in Bamberg schon sehr wohl. "Es ist eine ruhige Stadt, aber gerade das gefällt mir." Ein Spiegelbild seiner Persönlichkeit: "Ich bin außerhalb des Basketballfelds ein sehr ruhiger und schüchterner Typ." Auf dem Parkett sei er dagegen ganz anders. "Basketball ist mein Leben und eine Möglichkeit, meiner Familie etwas zurückzugeben. Daher tue ich alles fürs Gewinnen und bin immer mit ganzem Herzen und voller Leidenschaft dabei", sagt der Südamerikaner.

Der Glaube bringt ihm Energie

Neben seiner Familie zieht Carrera für seine neue Aufgabe auch viel Kraft aus seinem christlichen Glauben, den er vor rund einem halben Jahr für sich entdeckte. "Ich war in meinem Leben nicht immer glücklich. Die Entscheidung, ein Sohn Gottes zu werden, war die beste meines Lebens."

Neben regelmäßigen Gebeten schaut sich Carrera in seiner Freizeit viele Videos seines Lieblingspfarrers Ruddy Gracia an. Thematisiert wird Carreras Glaube sogar in einem Song, den ein venezolanischer Rapper vor kurzem für ihn schrieb.

Facettenreich ist nicht nur sein Privatleben. "Als Basketballer bin ich ein Allrounder. Ich bin ein sehr guter Verteidiger, der die Positionen 2 bis 4 abdecken kann. In der Offensive habe ich mich im Laufe meiner Karriere zu einem guten Schützen entwickelt, agiere aber auch gerne aus dem Post-up heraus", beschreibt der Forward seine Fähigkeiten. "Ich spiele dort, wo mich der Coach sehen möchte. Wenn er mir sagt, ich soll den größten Spieler des Gegners verteidigen, tue ich alles dafür, diesen zu stoppen."

Die für seine Position relativ geringe Körpergröße (1,96 Meter) gleicht er mit seiner unglaublichen Armspannweite (2,15 Meter) und Beweglichkeit aus. Für aufmerksame Bamberger Basketball-Fans ein kleines Déjà-vu: Kyle Hines (2010/11 bei Brose) hat die identischen Körpermaße und trägt die gleiche Trikotnummer (42).

Mit der Nummer 23 stellte Carrera im venezolanischen Nationalteam unlängst bei der Weltmeisterschaft seine Qualitäten an beiden Enden des Spielfelds unter Beweis. Seine beste Partie mit 19 Punkten und nur einem Fehlwurf lieferte er in der Zwischenrunde gegen den späteren Finalisten Argentinien (67:87-Niederlage) ab. "Gegen eine Mannschaft mit solch tollen Spielern wie Luis Scola oder Facundo Campazzo zu spielen und dann noch so einen Tag zu erwischen, ist etwas, was ich mein Leben lang nicht vergessen werde", sagt Carrera. In seinem Haus in Venezuela hat er direkt nach seiner Rückkehr aus China ein großes Foto von diesem Spiel aufgehängt.

An der Galionsfigur des südamerikanischen Basketballs, dem 39-jährigen Scola, schätzt Carrera vor allem seine professionelle Einstellung. "Er macht eine verrückte Diät, verzichtet teilweise auf das Frühstück, um in seinem Alter noch in toller Form zu sein. Das ist ein Spieler, zu dem man aufschauen kann."

Während sich die Karriere des argentinischen Vorzeigeathleten trotz seiner Rückkehr nach Europa zum Euroleague-Klub Armani Mailand vor drei Wochen langsam dem Ende entgegenneigt, will Carrera jetzt erst richtig durchstarten. "Bamberg ist der nächste Schritt für mich, auf diesem hohen Level habe ich bisher noch nicht gespielt", erklärt das Energiebündel. "Ohne Vorbereitung mit der Mannschaft (Anm. d. Red.: Carrera stieß erst wenige Tage vor Pflichtspielauftakt zum Team) ist es schon hart, all die Systeme zu lernen. Aber dafür sind wir Profis und werden gut bezahlt."

Mit Champions League vertraut

Seinen ersten Profivertrag unterschrieb Carrera nach seiner vierjährigen Collegezeit in den USA 2016 beim russischen Klub Avtodor Saratov. Der Durchbruch (4,3 Punkte, 3,8 Rebounds pro Spiel in der Champions League) in Europa blieb dem damals 23-Jährigen verwehrt. "Die Umstellung vom College in South Carolina zu Russland war riesig für mich. Es war sehr kalt und ich kannte niemanden. Aber die Vergangenheit interessiert mich nicht mehr, jetzt zählt nur Brose Bamberg", sagt Carrera.

Trotz des großen personellen Umbruchs möchte der Venezolaner am liebsten bereits in dieser Spielzeit um Titel mitspielen - vielleicht ja auch in der Champions League. "Das Niveau war bereits damals zu meiner Zeit in Russland sehr gut. Das ist ein Wettbewerb, auf den ich mich definitiv freue."

Freuen würde sich Carrera auch, wenn er nach vielen Kurzstationen in Venezuela, Australien, USA, Mexiko und Argentinien längerfristig eine sportliche Heimat findet. "Deutschland ist eines der besten Länder der Welt. Ich kann mir gut vorstellen, länger hier zu bleiben. Ein Traum ist es natürlich, irgendwann meine Familie hierherzuholen." Ein Teil dieses Traums geht bereits im November in Erfüllung, wenn Carrera seine Freundin Glendis in Franken begrüßen kann.

Zur Person

Geboren am 7. Januar 1993 Größe/Gewicht 1,96 Meter/97 Kilogramm Vertrag bis 2020 Trikotnummer 42 Position Small Forward/Power Forward Statistiken 2018/19 5,8 Punkte, 4,4 Rebounds, 0,4 Assists im Schnitt in 14,4 Minuten; 48,3 % Feldwurfquote, 71,4 % Freiwurfquote (1. Liga Argentinien)

Bisherige Vereine South Carolina (College/USA, 2012 bis 2016), Avtodor Saratov (Russland, 2016/17), Marinos de Anzoategui (Venezuela, 2017), Cairns Taipans (Australien, 2017), Oklahoma City Blue (G-League/USA, 2018), Soles de Mexicali (Mexiko, 2018/19), Obras Basket Buenos Aires (Argentinien, 2019), Trotamundos de Carabobo (Venezuela, 2019)

Social Media Twitter: 24MCarrera, Instagram: 24mcarrera

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